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22.07.2012

09:16 Uhr

Sternmarsch

Arbeitslose aus ganz Spanien demonstrieren

Wut und Enttäuschung: Tausende arbeitslose Spanier haben erneut gegen die von der konservativen Regierung beschlossenen Kürzungen protestiert. Einige legten hunderte Kilometer zu Fuß zurück.

Di überwiegend jungen Demonstranten kamen teilweise von weit her angereist. Die Arbeitslosenquote in Spanien beträgt fast 25 Prozent, bei den Jungen des Landes ist sie noch sehr viel höher. dapd

Di überwiegend jungen Demonstranten kamen teilweise von weit her angereist. Die Arbeitslosenquote in Spanien beträgt fast 25 Prozent, bei den Jungen des Landes ist sie noch sehr viel höher.

MadridAm Samstag kamen Demonstranten aus verschiedenen Landesteilen in einem Sternmarsch in der Hauptstadt Madrid zusammen. Einige legten lange Strecken zu Fuß zurück.

Die überwiegend jugendlichen Demonstranten hielten Plakate hoch, pfiffen und riefen Protestslogans, während sie durch die Avenidas der Hauptstadt marschierten. "Hände hoch, das ist ein Überfall" sowie " Steh auf und kämpfe!" gehörten zu den beliebtesten Parolen. Zum Klang von Trommeln und Trompeten ging es vom Prado-Museum friedlich zur Kundgebung auf dem zentralen Platz Puerta del Sol, dem symbolischen Ort, zahlreicher sozialer Proteste. Dort setzten sich die Demonstranten auf den Boden und hielten eine "Volksversammlung" ab.

"Ich bin sehr enttäuscht und wütend", sagt die 25-jährige Alba Sánchez, die mit dem Bus aus Katalonien nach Madrid kam. "Diese ganzen Kürzungen seitens der Regierung, die uns hasst, dürfen wir nicht hinnehmen." "Sie pinkeln auf uns und sagen, es regnet", war auf einem Transparent zu lesen, "Ich kann nicht den Gürtel enger schnallen und zur gleichen Zeit die Hose runterlassen" auf einem anderen.

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Die Maßnahmen von Ministerpräsident Mariano Rajoy sehen unter anderem die Erhöhung der Mehrwertsteuer und Kürzungen beim Arbeitslosengeld vor. Für neu arbeitslos Gewordene soll es nach sechs Monaten nur noch die Hälfte des Grundgehalts geben. "Das ist der Todesstoß: Sie kürzen bei denen, die keine Arbeit haben und erhöhen die Mehrwertsteuer für die, die arbeiten", sagt Rafel Ledo. Er war von der nördlichen Region Asturien aus 500 Kilometer zu Fuß nach Madrid unterwegs.

Die Demonstranten kamen aus allen Landesteilen Spaniens. dapd

Die Demonstranten kamen aus allen Landesteilen Spaniens.

Spanien steckt seit dem Platzen einer Immobilienblase im Jahr 2008 in der Krise. Fast ein Viertel der Spanier sind arbeitslos, bei den jungen Leuten unter 25 Jahren hat sogar mehr als jeder Zweite keine Arbeit. Zuletzt hatten am Donnerstag landesweit hunderttausende Menschen gegen die Austeritätspolitik der Regierung protestiert. Die Proteste endeten in der Nacht zum Freitag in Madrid mit Gewalt und Festnahmen. Die Polizei setzte Gummigeschosse und Schlagstöcke gegen kleinere Gruppen von Demonstranten ein.

Das Maßnahmenpaket der Regierung Rajoy sieht bis 2015 Kürzungen um 65 Milliarden Euro vor. Im Verwaltungssektor sollen 3,5 Milliarden Euro eingespart werden. Zudem soll Beschäftigten im öffentlichen Dienst das Weihnachtsgeld gestrichen werden - und das bei steigenden Lebenshaltungskosten.

Am Freitag hatten die Euro-Finanzminister Hilfskredite für Spaniens angeschlagene Banken von bis zu hundert Milliarden Euro beschlossen. Zuvor hatte auch der Bundestag dem zugestimmt. Nach dem offiziellen Beschluss der Eurogruppe stürzte die Börse in Madrid um 5,8 Prozent ab, wobei besonders Bankenaktien nachgaben. Die Behörden von Valencia kündigten zudem an, dass sie Finanzhilfe von der Zentralregierung in Madrid benötigen - aus einem Sonderfonds in Höhe von 18 Milliarden Euro für strukturschwache und überschuldete Regionen.

Die Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen stiegen unterdessen über die gefährlichen Marke von sieben Prozent. Ein solcher Wert gilt über einen längeren Zeitraum als nicht tragbar. Investoren befürchten offenbar, dass auch der spanische Staat trotz der Unterstützung für seine Banken selbst zum Kandidaten für Hilfe aus dem Euro-Stabilitätsfonds wird.

Von

afp

Kommentare (30)

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wutbayer

22.07.2012, 09:28 Uhr

Auch die Demos können nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Wirtschaftsminister geschlafen hat. Die einseitige Ausrichtung auf Immobilien und Tourismus hat der spanischen Wirtschaft das Genick gebrochen.
Wir sollten aber auch dringend vor der eigenen Haustüre kehren. Bei uns ist nicht einmal im Ansatz eine schlüssig-strategische Wirtschaftspolitik zu erkennen. Von einem Plan B ganz zuschweigen. Transaktionssteuer und Banken-bashing ist zu wenig.
Auch auf das gehört hingewiesen. Staatsschulden sind das eine, aber die notorische Nierigzinspolitik der EZB war in vielen Fällen mitschuld an Überschuldungsexzessen auf Staatsebene und privater Ebene. Da gehört der Hebel angesetzt!

Verwirrt

22.07.2012, 09:32 Uhr


Auf welcher theoretischen Grundrichtung fußt denn eigentlich diese angestrebte Sparpolitik? Wenn ich im Netz stöbere, finde ich bei den Klassikern, Neoklassikern, Befürworter des Keynesianismus, Neukeynesianer keine derart ausgerichtete Politik, die für gut befunden wird. Gibt es zur aktuellen Situation überhaupt eine theoretische Basis der Volkswirtschaftslehre(Regulierungstheorie ist meines Wissens ein Teil der Industrieökonomik - passt hier aber nicht.)?

Edelzwicker

22.07.2012, 09:43 Uhr

Das sehe ich genau so. Die Spanier haben jahrelang in Saus und Braus gelebt, finanziert von einem einzigartigen Immobilienboom, dem sogut wie kein anderer boomender Wirtschaftszweig entgegenstand. Diese einseitige Konzentration auf die Bauindustrie - man warb ausländische Bauarbeiter en masse an -, konnte sich logischerweise nur in einer Blase entladen. Und soweit ich mich erinnern kann, haben schon vor Jahren sorgfältige Beobachter der Szene vor diesem spanischen GAU gewarnt, ..... nur gehört wurden sie nicht, und die Unterstützung der Systemmedien hatten diese einsamen Rufer in der Wüste auch nicht. Der Euro - und möglicherweise auch die EU - werden an der Ignoranz seiner Eliten und Apologeten scheitern!

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