Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.08.2011

17:46 Uhr

Stimmen zur US-Herabstufung

„Amerika muss bezahlen“

Nach der Herabstufung der US-Bonität melden sich Experten weltweit zu Wort. China droht, Deutschland rügt - und US-Präsident Obama erwähnt die Herabstufung in seiner Ansprache am Wochenende erstmal gar nicht.

S&P hat die USA abgestraft. Quelle: dpa

S&P hat die USA abgestraft.

Washington, BerlinNach der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit verteidigt Präsident Barack Obama seine Finanzpolitik. Das jüngste Schuldenabkommen sei ein „wichtiger Schritt in die richtige Richtung gewesen, teilte das Weiße Haus am Samstag mit. Zugleich räumte Obama aber ein, das wochenlange politische Gerangel habe „zu lange gedauert und hat zeitweise zu viel Uneinigkeit gestiftet“. Obama rief zu mehr Einigkeit in der Sparpolitik auf, hieß es. Es war die erste Stellungnahme der Regierung nach der Herabstufung der US-Bonität am Freitag. Allerdings wurde diese nicht ausdrücklich genannt.

Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hatte erstmals in der Geschichte den USA die Bestnote „AAA“ entzogen und die Bonität auf „AA+“ abgestuft. Die Agentur begründete dies ausdrücklich mit dem jüngsten Schuldenabkommen. Die angepeilten Einsparungen reichten zur Finanzkonsolidierung nicht aus. Allerdings halten die beiden anderen großen US-Ratingagenturen Moody's und Fitch an der Bestnote fest.

Zugleich schließt S&P eine weitere Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA nicht aus. Sollten sich die Bedingungen in den kommenden sechs bis 24 Monaten verschlechtern, bestehe eine Wahrscheinlichkeit von 1:3,dass sein Unternehmen die USA eine weitere Stufe abwerte, sagte der geschäftsführende Direktor von S&P, John Cambers, am Sonntag in der ABC-Sendung „This Week“. Sollte sich die wirtschaftliche Situation in den USA verschlechtern oder sich die politische Pattsituation weiter verfestigen, sei eine erneute Herabstufung möglich, sagte Chambers.

Das löst schwere Sorge aus, dass der Schritt der ohnehin flauen US-Konjunktur weiter schaden könnte. Mit Spannung wird erwartet, wie die Finanzmärkte am Montag reagieren. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Tom Mayer, rechnet nach der Herabstufung mit weiteren Kurseinbrüchen an den Börsen. „Schlechte Nachrichten sind immer unangenehm für Märkte“, sagte Mayer im Gespräch mit „Bild am Sonntag“. Er rechne zwar nicht mit einem weltweiten Börsencrash, aber: „Es könnte Verluste geben.“

Ungewöhnlich scharfe Kritik kam aus China. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua schrieb: „Amerika muss für seine Schuldensucht und das kurzsichtige politische Gezerre bezahlen.“ Als größter Gläubiger Amerikas habe China jedes Recht zu verlangen, „dass die USA ihre strukturellen Schuldenprobleme in den Griff bekommen und die Sicherheit chinesischer Dollar-Anlagen sicherstellen“.

Nach der Herabstufung der USA gibt es nur noch vier führende Industrienationen (G7) mit der Bestnote der Agentur: Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Kanada. Die Bundesregierung wollte sich am Wochenende nicht äußern.

Die Bonitätsabwertung könnte nach den Worten des stellvertretenden Unions-Fraktionschefs Michael Meister neben den USA die gesamte Weltwirtschaft in Bedrängnis bringen. „Das ist ein gewaltiger Einschnitt. Das wird massive Folgen haben“, sagte Meister am Samstag in einem Reuters-Interview. „Das bedeutet für den Haushalt der USA höhere Zinslasten. Das bedeutet, dass Zweifel in die Stabilität der Führungsmacht dieser Welt entstehen“, sagte er. Vertrauen in die USA gehe verloren. Ein Zinsanstieg werde das Wachstum der USA und das der Weltwirtschaft dämpfen. „Insofern ist das ein Vorgang, nach dem man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen
kann“, sagte Meister.

Fragen und Antworten zur Herabstufung der USA

Weshalb haben die USA ihre Top-Bonität verloren?

S&P war unzufrieden mit den von der Regierung beschlossenen Sparmaßnahmen. Die Demokratische Partei von Präsident Barack Obama und die oppositionellen Republikaner hatten sich zuletzt zwar auf eine Anhebung der Schuldengrenze geeinigt, aber laut S&P keine ausreichenden Maßnahmen zur Begrenzung der Schuldenlast beschlossen. Während der Finanzkrise nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers unterstützte die US-Regierung die Wirtschaft mit milliardenschweren Hilfsprogrammen. Die Schuldenlast und die Defizite im Staatshaushalt sind daher deutlich gestiegen. Nun erschwert das schwache Wirtschaftswachstum die Reduzierung der Haushaltsdefizite. Der scharfe politische Streit zwischen Demokraten und Republikaner mache die US-Politik ineffektiv und unvorhersehbar, begründet S&P ihre Entscheidung. Während die Demokraten auch Steuern anheben wollen, lehnen die Republikaner dies kategorisch ab.

Wie reagiert die internationale Politik?

Vorerst mit Schweigen. Die USA äußern sich nicht direkt zu der Herabstufung, von der EU ist auch nichts zu hören. Auch Berlin gibt sich wortkarg. Hinter den Kulissen geht es aber kräftig zur Sache. Die Notenbankchefs wollten bei einer Telefonkonferenz beraten, wie sich die Herabstufung auf die Märkte auswirken wird. Angeblich wollten die G7-Finanzminister eine verbale Beruhigungspille für die Märkte ausarbeiten.

Geht die Talfahrt an den Finanzmärkten weiter?

Das ist sehr schwer vorherzusagen. An den Märkten wurde eine Herabstufung durch S&P in den vergangenen Tagen schon erwartet - es gab eine Vorwarnung der Ratingagentur. Zudem haben die USA noch bei den beiden anderen Ratingagenturen Moody's und Fitch die Bestnote „AAA“. Niemand muss also US-Anleihen verkaufen. Zudem haben große Anleger wie China und Japan kaum eine wirkliche Alternative zum großen und liquiden US-Markt. „Den amerikanischen Anleihemarkt dürfte dies mittelfristig wenig beeindrucken“, erwartet Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Er verweist auf Japan, das mit einem schlechteren Rating und einem höheren Schuldenstand sich problemlos an den Märkten refinanzieren kann. „Aber natürlich ist dieser Schritt für die Anleihemärkte eine weitere Belastung.“ Tatsächlich könnte der Zeitpunkt aber kaum ungünstiger sein. Die doppelte Schuldenkrise in den USA und Europa hat an den Aktienmärkten in den vergangenen Tagen zu schweren Kurseinbrüchen geführt. Zudem signalisierten einige Konjunkturdaten, dass die USA in die Rezession zurückfallen könnte. Und was bedeutet das für die globale Konjunktur? Die Weltwirtschaft könnte belastet werden, falls nun die Zinsen in den USA merklich steigen würden. Dies könnte die sowieso schon schwächelnde US-Konjunktur belasten und die Weltwirtschaft unter Druck bringen. Allerdings dürfte die US-Notenbank in einem solchen Fall erneut massiv US-Anleihen kaufen, und so die Wirtschaft stützen. Ein Zusammenbruch der Kreditversorgung wird weder in den USA noch in Europa befürchtet. Die Notenbanken können aus ihren Erfahrungen aus der Lehman-Krise schöpfen und würden die Märkte ausreichend mit Liquidität versorgen. So hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken bereits am vergangenen Donnerstag zusätzliche Liquidität angeboten. Eine deutliche Abschwächung der Weltwirtschaft ist aber angesichts der hohen Unsicherheit nicht unwahrscheinlich. Dies würde einen Abbau der hohen Schulden erschweren.

Ist mein Erspartes sicher?

Ja, sollte es nicht zu dem eher unwahrscheinlichen Zusammenbruch des Weltfinanzsystem kommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuletzt die Garantie der Regierung für alle Sparguthaben bestätigt. Allerdings dürfte jetzt die EZB bei einer Zuspitzung der Krise die Zinsen nicht mehr weiter anheben. Dies hätte beispielsweise auch Auswirkungen auf die Zinsen des Sparbuchs.

Die USA wurden erstmals seit 1941 abgestuft. War die Lage damals schlimmer?

Nein, denn die USA erhielten auch damals schon Bestnoten für ihre Kreditwürdigkeit. Standard & Poors entstand 1941 aus den beiden Agenturen Standard Statistics und Poor’s Publishing. Beide Unternehmen hatten die USA zuvor stets mit ihren jeweiligen Bestnoten bewertet.

Bei der jüngsten Herabstufung auf AA+ handelt es sich also um ein wahrhaft historisches Ereignis: Noch nie zuvor haben die Vereinigten Staaten ihre Topbewertung verloren.

Die politisch Verantwortlichen beider politischen Lager in den USA müssten nun an einer nachhaltigen Gesundung der Staatsfinanzen arbeiten. „Was geschehen muss, ist schlicht und ergreifend, dass die verantwortlichen Menschen in den USA trotz der Tatsache, dass da im nächsten Jahr Wahlen sind, stärker staatspolitische Verantwortung übernehmen müssen“, forderte der CDU-Politiker. Was in dem Land in Verbindung mit der Anhebung der Schuldenobergrenze in den letzten Wochen geschehen sei, sei nicht gut gewesen. „Ich glaube, jetzt ist ein Stadium erreicht, in dem die Verantwortlichen in den USA für ihr Land, aber auch als Führungsmacht Verantwortung weltweit übernehmen müssen“, unterstrich er.

Kommentare (19)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

joy

07.08.2011, 12:38 Uhr

Die Schuldensucht beherscht viele Länder, nicht nur USA sondern viele Länder der EU auch. Es wäre besser wenn diese Länder zuerst Ordnung in eigenem Land machen, die Schulden schnellstens tilgen, statt in der Weltpolitik (Afganistan, Irak, Libanon, Somalia und und .....) mischen und dort Milliarden rausschmeissen.

Account gelöscht!

07.08.2011, 12:52 Uhr

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:
http://www.siggi40.magix.net/public/Fotos/The_game_is_over.jpg
http://www.siggi40.magix.net/public/Fotos/moneyFireDees.jpg
http://www.siggi40.magix.net/public/Fotos/US-Erholung_in_weiter_Ferne.jpg
http://www.ftd.de/finanzen/immobilien/:us-immobilienkrise-zahl-der-zwangsversteigerungen-uebersteigt-eine-million/50214697.html

Kann sich die US-Wirtschaft erholen?
http://www.hintergrund.de/20090722437/wirtschaft/finanzwelt/kann-sich-die-us-wirtschaft-erholen.html

http://www.usdebtclock.org/

Immobilienkrise 2.0 im Anmarsch – doch davon hört man nix mehr. Kann ich verstehen.
http://www.handelsblatt.com/finanzen/immobilien/nachrichten/immobilienkrise-2-0-im-anmarsch/3369630.html

Die Schuldenlawine rollt – immer schneller – immer schneller – bis ....
http://static.wiwo.de/media/2/usimmobilien-grafik2-gif_421075.gif

Ding-dong, wer steht da vor der Tür
http://static.wiwo.de/media/2/usimmobilien-tabelle-700-gif_421079.gif

Im Quartalsbericht der BIZ vom Juni 2008 geht hervor, dass die Bankster weltweit auf ca.600 Billionen Dollar absolut wertloser Papierschnipsel sitzen, aus den Bilanzen ausgelagert, um sie vor dem sofortigem Kollaps zu bewahren. http://www.bis.org/press/p080609_de.pdf

Es ist völlig unerheblich, von welcher Seite man sich das Elend betrachtet. Man kommt immer wieder zum selben Ergebnis: Ohne einen Reset im Finanzsystem und einer Aufteilung in Geschäfts- und Zockerbanken wird es keinen Aufschwung in den westlichen Industriestaaten geben. So sicher wie das Amen in der Kirche.

Wertewandel

07.08.2011, 13:14 Uhr

Unsere Gesellschaft (EU und USA) sind leider noch nicht bereit die wirkliche Lage zu erkennen bzw. zu akzeptieren. Wir wollen weiter sinnlose Konjunkturprogramme starten,das Sozialamt für die Welt spielen und die Gewinne von Übermorgen schon heute ausgeben. Auch in der Schule soll Leistung durch soziales Lernen usw. ersetzt werden, damit unsere Kinder sich nicht anstrengen müssen, genauso wie die Bürger Annehmlichkeiten von ihrem Staat erwarten ohne eigene Anstrengung.
Diesen Sozialtraum zu verlassen erfordert Einsicht und Neuorientierung der Gesellschaft. Noch ist der Druck nicht hoch genug ...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×