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09.05.2012

11:52 Uhr

Stimmt es, dass...

Stärken sinkende Löhne die Wettbewerbsfähigkeit?

VonNorbert Häring

Wenn die Löhne sinken, profitieren die Unternehmen und haben mehr Spielraum, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. So viel zur Theorie. In der Praxis verhalten sich die Unternehmen derzeit deutlich anders.

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt und Autor des Buches „So funktioniert die Wirtschaft“ (Haufe). Pablo Castagnola

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt und Autor des Buches „So funktioniert die Wirtschaft“ (Haufe).

Die Löhne in den Krisenländern Portugal, Spanien, Italien und Griechenland sinken deutlich, zumindest wenn man den Kaufkraftverlust berücksichtigt. Nach der ökonomischen Theorie, die der in Europa verfolgten Krisenlösungsstrategie zugrunde liegt, ist das schon der halbe Weg zum Erfolg - wenn die Lohnsenkungen auch manchen noch nicht weit genug gehen.

Die Löhne sinken, die Unternehmen können billiger anbieten und sich so besser auf den Exportmärkten und gegenüber Importen durchsetzen. Sie exportieren mehr und es wird weniger importiert. Das Land verdient netto mehr Geld aus dem Ausland und kann seine Auslandsschulden abbauen. Es wird dadurch kreditwürdiger und kommt in den Genuss niedrigerer Zinsen. Es entstehen mehr Arbeitsplätze. Falls und soweit die Unternehmen die Preise nicht senken sollten, machen sie höhere Gewinne, die sie zu höheren Investitionen anreizen. Das steigert ebenfalls die heimische Produktion. So weit die Theorie.

Die Volkswirte der französischen Investmentbank Natixis haben die Daten der Südländer analysiert um festzustellen, was tatsächlich passiert. Die Löhne sinken zwar, aber die Preise steigen weiter, und zwar die Preise im Export ebenso wie die von Gütern und Diensten für den heimischen Markt.

Anstatt die Preise zu senken, erhöhen die Unternehmen die einbehaltenen Gewinne. Sie nutzen das zusätzliche Geld in ihren Kassen aber nicht etwa, wie in der Theorie vorgesehen, um mehr zu investieren, sondern um Kredite zurückzuzahlen und durch Eigenmittel zu ersetzen.

Es bleibt aus der Theorie nur die positive indirekte Wirkung der Lohnsenkung auf den Außenhandelssaldo. Weil die Einkommen sinken, können die Menschen sich nicht mehr so viele Importe leisten. Das Defizit im Außenhandel wird kleiner.

Warum sieht die Realität so anders aus, als die ökonomische Theorie annimmt? Die ebenso einfache wie deprimierende Antwort: Weil die Theorie nichts taugt. In der vorherrschenden volkswirtschaftlichen Theorie gibt es keinen Finanzsektor. Der Verschuldungsgrad spielt keine Rolle, Finanzkrisen gibt es nicht, die Zinsen richten sich vor allem nach der Konjunkturlage. Alles offensichtlich blühender Unsinn.

In Deutschland und anderen Gläubigerländern wird die Theorie gern verbreitet und geglaubt, in Schuldnerländern eher nicht? Das ist kein Zufall, weil die Resultate im Sinne der Finanzbranche der Gläubigerländer sind. Denn das Geld, das durch Lohnsenkungen frei wird, wird in der Realität für die Rückzahlung von Krediten verwendet, deren Bedienung sonst fragwürdig wäre.

Der Autor ist erreichbar unter: haering@handelsblatt.com

Kommentare (2)

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BlaBlubBLaaa

09.05.2012, 14:45 Uhr

Wie kommen Sie darauf, dass die Löhne in den Krisenländern gesunken währen? Bis auf in Irland ist das nirgendwo passiert. Eine Lohnsenkung kann man dort höchstens feststellen, wenn man sich speziell den öffentlichen Sektor anguckt. Aber der zählt nicht, weil er nicht in Konkurrenz steht.

Das eigentliche Problem liegt, wie jeder der ein bisschen was von VWL weiß, darin, dass Löhne eben nicht einfach sinken können. Das hat schon Keynes gewusst. Die ganze keynesianische Theorie basiert auf der Rigidität von Löhnen ("sticky wages"). Und das Problem das Griechenland und Co haben ist eben genau das: Weil die Löhne dort kein bisschen sinken.

Dipl

09.05.2012, 15:49 Uhr

Was glauben Sie passiert mit einem gut ausgebildeten Griechen, der in der freien griechischen Wirtschaft heute gut 500 Euro vor Steuern zu erwarten hat, wenn dieser Lohn weiter sinkt bei gleichbleibenden oder - realitätsnäher - eher steigenden Preisen. Wundern Sie sich, dass dieser auf die Barrikaden geht oder flüchtet.
Das letztendliche Problem solcher Verwerfungen ist und war immer wachsender Lohndruck bei gleichzeitig steigenden oder zumindest gleichbleibend hohen Preisen. Irgendwann reicht das verfügbare Einkommen nicht mehr um den nennen wir Ihn unverzichtbaren Minimal-Warenkorb zu erwerben, dann wir die Ersparnis negativ. Das ist dann die Lücke zwischen dem verfügbaren Einkommen und dem Preis des minimalen unverzichtbaren Warenkorbs. Diese vergrößert sich in zwei Scenarien: 1. Das Einkommen sinkt weiter 2. Die Preise steigen weiter.

Was war der Auslöser der französischen Revolution- der steigende Brotpreis. Wer dieses Spiel auf die Spitze treiben will sollte bereit sein den üblichen Preis zu zahlen und den zahlt man eben in Frankreich, Griechenland und Spanien eher und früher als in Deutschland. Am Ende wiederholt sich die Geschichte immer wieder, weil es immer dieselbe Geschichte ist - Die Geschichte des Geldes, der Gier und der Krise derselben.

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