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24.03.2013

11:43 Uhr

Stimmung in Zypern

„Wir kaufen keine deutschen Produkte mehr, auch keinen Mercedes“

VonGeorgios Kokologiannis

Nach der Blockade zu Wochenbeginn kommt Zypern der Rettung wieder näher. Doch die Menschen auf der pleitebedrohten Mittelmeerinsel beruhigt das kaum. Sie haben Angst und schimpfen auf Deutschland. Ein Stimmungsbericht.

Vermummte Fußballfans beim Spiel Zypern gegen Schweiz in Nikosia. Die Partie endete 0:0. dpa

Vermummte Fußballfans beim Spiel Zypern gegen Schweiz in Nikosia. Die Partie endete 0:0.

NikosiaEs ist ein Krisenindikator der besonderen Art: Kurz vor Beginn des WM-Qualifikationsspiels der Fußballmannschaften Zyperns und der Schweiz am Samstag waren nicht mehr als etwa tausend Zuschauer im Stadion von Nikosia – die Arena bietet Platz für knapp 22 000 Besucher. Das will schon etwas heißen, gelten doch die Zyprioten als fußballbegeistertes Volk. So versetzte es die Insulaner in einen tagelangen Ausnahmezustand als APOEL Nikosia im vergangenen Jahr völlig überraschend das Viertelfinale der Champions League erreichte. Das Spiel am Samstag hatte auch hohen symbolischen Wert: 1968 hatte der Fußball Zwerg gegen die Schweiz seinen ersten internationalen Sieg errungen. „Die Stimmung ist bedrückt, die Menschen haben keine Lust mehr“, kommentierte der Reporter des staatlichen Radios RIK die leeren Ränge.

Das Land befindet sich wieder in einer Art Ausnahmezustand – allerdings einem gänzlich anderen als nach dem Champions-Leauge-Erfolg. Bei den Menschen wächst die Sorge, dass es für Zypern keinen wirklichen Ausweg mehr aus der tiefen Krise gibt. Die Zyprer wissen, dass schwierige Zeiten auf Sie zukommen. Auf den Straßen ist eine Stimmung zu spüren, die irgendwo zwischen Verzweiflung und Resignation und Fatalismus zu verorten ist. Die Regierung ist zwar optimistisch eine Lösung zu finden und Zypern vor der Staatspleite zu retten. Doch die Zyprer, die seit Tagen im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stehen, haben Angst vor der Zukunft. Sie fürchten Arbeitslosigkeit und wachsende Armut. Nicht wenige rechnen damit, dass schon bald Chaos auf ihrer Insel ausbrechen könnte.

Showdown in Brüssel: Zyperns Präsident verhandelt mit Geldgebern

Showdown in Brüssel

Zyperns Präsident verhandelt mit Geldgebern

Der endgültige Durchbruch für ein Rettungspaket noch nicht zu erkennen

Zur möglicherweise entscheidendem Krisensitzung mit der EU flog am Sonntagmorgen der zyprische Präsident Nikos Anastasiades und Finanzminister Michalis Sarris nach Brüssel. Am Abend wollen dann die Finanzminister der Eurogruppe in Brüssel zusammenkommen, um die letzte Entscheidung zu einem möglichen Ergebnis zu treffen. Am Samstag hatte es kein endgültiges Ergebnis gegeben.

In Zypern läuft derweil das öffentliche Leben, der drohende Bankrott ist aber bereits spürbar. Auch in den Straßen der Hauptstadt Nikosia. Seit einer Woche sind die Banken geschlossen und werden wohl frühestens am Dienstag wieder öffnen. „Seit vergangenen Samstag mache ich das jeden Tag so – sicherheitshalber“, sagt eine zierliche Mittvierzigerin, die gerade 300 Euro abgehoben hat. Schließlich wisse niemand, wie lange das überhaupt noch möglich sein werde.

„Wir haben Angst, dass die Banken vielleicht gar nicht mehr aufmachen. Dass man uns unser ganzes Geld raubt“, ergänzt die Frau, die sich als Maria vorstellt. Zwar haben die Geldhäuser ihre Automaten bisher rechtzeitig aufgefüllt und zugesichert, das auch in den nächsten Tagen zu tun. An vielen Banken fahren gepanzerte Wagen der Sicherheitsfirmen mehrmals am Tag vor. Dennoch scheint sie nicht die einzige zu sein, die misstrauisch ist: Überall vor den Banken in der zentralen Fußgängerzone Ledras stehen Menschen an, die Geld abheben möchten. Das ist momentan die einzige Möglichkeit, um an Bares zu kommen.

Die vier Szenarien für Zyperns Zukunft

1. ZYPERN KNICKT EIN

Der Druck der Eurogruppe wird zu groß - besonders durch die Drohung der Europäischen Zentralbank (EZB), den Banken des Landes keine Notfall-Liquidität mehr bereitzustellen. Dann stehen die wichtigsten Geldhäuser der Insel vor der Pleite. Zyperns Regierung bringt also in den kommenden Tagen einen neuen Vorschlag ins Parlament ein, die von der Eurozone geforderten 5,8 Milliarden Euro aufzubringen. Diesmal stimmen die Abgeordneten mit knapper Mehrheit zu.

Denkbar ist eine erneute Änderung der Zwangsabgabe für Bankkunden mit einer stärkeren Entlastung für Kleinsparer, Großanleger müssen hingegen mehr abgeben. Mögliche Finanzierungslöcher könnten etwa mit größeren Erlösen durch den Verkauf von Staatsbesitz gestopft werden. Die Regierung in Nikosia soll auch darüber nachdenken, die Rentenkasse anzuzapfen. Ist der Rettungsplan von Nikosia verabschiedetet und von der Eurogruppe gebilligt, können die Banken der Insel wieder öffnen. (Quelle: afp)

2. RUSSLAND HILFT ZYPERN

Zyperns Finanzminister Michalis Sarris war am Mittwoch auf der Suche nach Lösungen in Moskau. Einerseits dürfte es um die Verlängerung eines Kredits von 2,5 Milliarden Euro gehen. Auch weitere Hilfszahlungen könnten erörtert werden. Durch einen Kredit würde der Schuldenberg der Insel jedoch weiter anwachsen. Die Regierung in Moskau hat angesichts der Milliardenvermögen von Russen auf der Insel Interesse daran, dass Zypern und seine Banken nicht zusammenbrechen. Doch möglicherweise hat Russland auch noch andere Hintergedanken.

Der Kreml könnte sich günstige Bedingungen bei der geplanten Erschließung der riesigen Gasreserven sichern, die vor der Küste Zyperns lagern. Einem Bericht der Royal Bank of Scotland (RBS) zufolge haben diese einen Wert von mehr als 600 Milliarden Euro. Moskau könnte im Gegenzug für Hilfe auch auf einen Marinehafen auf Zypern pochen. Denn Russlands einzige Marinebasis im Mittelmeer befindet sich in Tartus, im Bürgerkriegsland Syrien. Beide Optionen würden geostrategische Gleichgewichte verschieben und den Einfluss Russlands im Mittelmeerraum stärken.

3. DIE EUROZONE KNICKT EIN

Tagelange Unsicherheit, ein drohender Bankensturm in Zypern, die Aussicht auf eine Abwendung des Landes von der EU in Richtung Moskau, das alles ist den Europäern nicht geheuer. Die Eurozonen-Länder gehen daher auf die Zyprer zu: Sie sind zu höheren Hilfszahlungen mit langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen bereit, akzeptieren einen Aufschub beim Ziel für den Abbau des Schuldenbergs oder weichen sogar von ihrem Versprechen ab, dass der Schuldenschnitt im Fall Griechenlands zulasten privater Gläubiger ein Einzelfall bleibt. Auch die Möglichkeit direkter Bankenhilfe aus dem Euro-Rettungsfonds ESM wird im Eilverfahren geschaffen.

4. DIE EUROZONE BLEIBT HART

Die Bundesregierung hat schon seit Monaten die Frage gestellt, ob das kleine Land "systemrelevant" ist - also den Euro überhaupt in Gefahr bringen kann. Jetzt bleiben die Euro-Länder hart und lassen es drauf ankommen: Die EZB stellt die Notfall-Liquidität für die Banken ein, diese reißen den Staat in die Pleite. Zypern steuert auf einen Austritt aus der Eurozone und die Einführung einer eigenen Währung zu.

So ein Schritt ist rechtlich bislang allerdings nicht vorgesehen. In einer Ende 2009 veröffentlichten Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) heißt es, dass ein Austritt aus der Euro-Zone ohne einen gleichzeitigen Austritt aus der Europäischen Union rechtlich nicht machbar sei. Die EU-Rechtsexperten müssen hier nach einer Lösung suchen.

Solange nicht endgültig klar ist, wie es ein neues Rettungspaket für den Inselstaat gibt, haben die maroden Geldhäuser geschlossen. Es wird befürchtet, dass nervöse Anleger ihre Konten sonst plündern. Überweisungen über Online-Banking sind schon seit vergangenem Samstag nicht mehr möglich.

Darunter, dass der Zahlungsverkehr praktisch zum Erliegen gekommen ist, leiden vor allem Unternehmen, Geschäftsleute und Ladenbesitzer. Sie können weder Rechnungen begleichen, noch ihren Mitarbeitern Gehälter überweisen. Viele dringend benötigte Waren aus dem Ausland können nicht mehr bezogen werden, bei Medikamenten beispielsweise gibt es schon erhebliche Engpässe.

Kommentare (216)

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Account gelöscht!

24.03.2013, 11:50 Uhr

Na toll. Die haben da unten 20 Grad, und unser eins friert sich den Ar*** hier im kalten Deutschland ab und kann noch nicht einmal mit dem Cabrio oben ohne durch die City cruisen. So etwas nenne ich mal echt undankbar.

Account gelöscht!

24.03.2013, 11:51 Uhr

Cyprus ! Take your hands out of my wallet, - thiefs !

mmuenzl

24.03.2013, 11:53 Uhr

Dann gehen wir eben auch nicht mehr nach Zypern in Urlaub, mal sehen wens härter trifft....

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