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04.03.2014

20:09 Uhr

Stimmungslage auf der Krim

„Wir gehören zu Russland“

VonHelmut Steuer

Die Lage auf der Krim wird für die Bevölkerung zur Nervenschlacht. Sie fürchten, dass „Verrückte den Finger zu locker am Abzug haben“. Den Einmarsch der Russen verurteilt aber kaum jemand. Ein Rundgang durch Sewastopol.

Dieses Foto lässt Handelsblatt-Korrespondent Helmut Steuer nach seiner Ankunft in Sewastopol von sich machen.

Dieses Foto lässt Handelsblatt-Korrespondent Helmut Steuer nach seiner Ankunft in Sewastopol von sich machen.

Sewastopol„Für mich macht das keinen Unterschied, wer hier regiert“, sagt Dimitri. Der Taxifahrer aus Sewastopol, der größten Stadt der Krim, die zugleich Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte ist, spricht vermutlich vielen auf der Halbinsel aus dem Herzen. Knapp 60 Prozent der Menschen hier sind ethnische Russen, nur rund ein Viertel Ukrainer. Kein Wunder also, wenn viele Menschen die weltweite Aufregung über den russischen Einmarsch nicht richtig nachvollziehen können.

Angst machen ihnen nicht russische Soldaten oder Freiheitskämpfer, wie sich einige Verbände nennen, sondern die angespannte Lage. „Da braucht nur jemandem die Nerven durchzugehen, und wir haben Krieg“, sagt ein pensionierter ukrainischer Militär. Er hat schon Einiges in seinem Leben erlebt. Jetzt habe er wirklich wieder Angst, dass „Verrückte den Finger zu locker am Abzug haben“.

Die dramatischen Tage auf der Krim

26. Februar:

Wenige Tage nach dem Umsturz in der ukrainischen Hauptstadt Kiew geraten auf der Krim Anhänger und Gegner einer Annäherung an Russland aneinander. Tausende Krimtataren demonstrieren gegen eine Abspaltung der autonomen Republik. Prorussische Demonstranten fordern die engere Anbindung an Moskau.

27. Februar:

Bewaffnete besetzen Regionalparlament und Regierungsgebäude in der Hauptstadt Simferopol - um die russische Bevölkerung auf der Krim zu verteidigen, wie sie sagen. Das prorussische Krim-Parlament spricht sich für eine Volksbefragung über den künftigen Status der Region aus und setzt die Regierung ab.

28. Februar:

Eine bewaffnete prorussische Gruppe besetzt kurzzeitig den Flughafen der Hauptstadt. Nach ukrainischen Berichten sind auf der Krim russische Militärmaschinen mit rund 2000 Soldaten gelandet. Kiews Interimspräsident Alexander Turtschinow spricht von einer „militärischen Invasion“ unter dem Deckmantel einer Übung.

1. März:

Der russische Föderationsrat stimmt auf Bitten von Kremlchef Wladimir Putin einem Militäreinsatz auf der Krim im Grundsatz zu. Der moskautreue neue Krim-Regierungschef Sergej Aksjonow hatte Russland zuvor um Beistand gebeten. In russisch geprägten Städten auf der Krim gibt es Proteste gegen die Regierung in Kiew. In Telefonaten mit westlichen Staatschefs betont Putin, Moskau werde bei Gewalt gegen die russischsprachige Bevölkerung „nicht tatenlos zusehen“.

2. März:

Die Regierung in Kiew versetzt die Streitkräfte in Kampfbereitschaft. Die sieben führenden Industrienationen (G7) setzen alle Vorbereitungstreffen für den G8-Gipfel mit Russland im Juni in Sotschi aus. In Brüssel verurteilt der Nato-Rat das Vorgehen Russlands. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisiert, die russische Intervention verstoße gegen das Völkerrecht.

3. März:

In Brüssel verurteilen die EU-Außenminister die Verletzung der „territorialen Integrität der Ukraine“. Nach Angaben von EU-Diplomaten wollen die Staats- und Regierungschefs der EU am 6. März über Sanktionen gegen Moskau entscheiden. Die ukrainische Regierung wirft Russland mehrfache Grenzverletzung vor. In New York befasst sich der UN-Sicherheitsrat mit der Krise.

4. März:

4. März: Putin sagt in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme, er sehe bisher keine Notwendigkeit für einen Militäreinsatz, den er aber für die Zukunft nicht ausschloss. Wer über Sanktionen nachdenke, müsse sich der Konsequenzen bewusst sein, warnt er den Westen. Offen zeigt sich der Kremlchef für den deutschen Vorschlag einer internationalen Kontaktgruppe, in der Russland und die Ukraine verhandeln könnten. Die EU will die finanziell angeschlagene Ukraine mit einem Hilfspaket unterstützen. Die USA kündigen eine Milliarde Dollar Hilfe für die Energieversorgung der von Russland abhängigen Ukraine an.

Tatsächlich besteht die Gefahr eines unvorhersehbaren Zwischenfalls, der die inzwischen wieder eingekehrte Ruhe schlagartig beenden könnte. So etwa in Belbek, dem kleinen ukrainischen Luftwaffenstützpunkt außerhalb Sewastopols. Dort stehen sich russische und ukrainische Soldaten direkt gegenüber. Die einen fordern die Räumung des Stützpunktes, die anderen den Abzug der Soldaten aus dem Nachbarland. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung, und die Lage könnte ganz schnell wieder explosiver werden.

Das ist sie derzeit nicht. Nicht in Simferopol, dem Verwaltungssitz der autonomen Republik Krim und auch nicht in Sewastopol. In Simferopol ist die Lage etwas gespannter, da hier die russische Präsenz deutlich sichtbarer ist. Im Stadtzentrum fuhren am Sonntag noch hier und da russische Militärtransporter. Die russische Flagge am Regierungssitz signalisiert jedem, wer jetzt hier Herr im Hause ist.

In der größten Stadt der Halbinsel, in Sewastopol, ist dagegen wieder so etwas wie normaler Alltag eingekehrt. In der 380.000-Einwohner-Metropole waren am Montagnachmittag keine russischen Militärfahrzeuge zu sehen. In den Tagen zuvor offenbar auch nicht. Denn: „Panzer hatten wir hier nie“, sagt Oleg, Kellner im kleinen Hafenrestaurant Barkas. Vielmehr herrscht in den Einkaufsstraßen reges Treiben. Keine Hamsterkäufe wie direkt nach Ausbruch der Krim-Krise in den östlichen Landesteilen der Ukraine, sondern normale Montagseinkäufe.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

04.03.2014, 20:42 Uhr

Sehr geehrter Herr Steuer,

mehrfach sprechen Sie in Ihrem Bericht von einem russischen "Einmarsch" auf der Krim.

Ihnen dürfte sicherlich bekannt sein, dass die russischen Marinesoldaten auf der Krim dort auf Grund eines Stützpunktvertrages mit der Ukraine, also vollkommen legal, stationiert sind.

Ihnen dürfte ebenfalls bekannt sein, dass die 16.000 Soldaten, von denen in diesen Tagen gesprochen wird, weniger als die 25.000 Soldaten sind, die Russland laut Stützpunktvertrag erlaubt sind. Was ist an diesen 16.000 Soldaten ein "Einmarsch"?

Wenn Sie auf die bewaffneten Uniformierten anspielen, die auf der Krim strategisch wichtige Punkte sichern, so dürfte Ihnen weiter bekannt sein, dass Putin auf seiner heutigen Pressekonferenz (man konnte sie auf RT live miterleben) bestritten hat, dass es sich dabei um russische Soldaten handelt. Er nannte sie Selbstverteidgungskräfte der Krim.

Als seriöser Journalist in einem seriösen Medium sollten sie, wenn Sie denn behaupten, dass es sich dabei tatsächlich doch um russische Soldaten handelt, dass also Putin nicht die Wahrheit gesagt hat, Tatsachen und Belege vorlegen können. Dies sind Sie bisher schuldig geblieben.

Behaupten kann man viel. Ein seriöser Journalist sollte seine Tatsachenbehauptungen belegen. Worin bestünde sonst der Unterschied zwischen der Web-Site des Handelsblatts und irgendwelche obskuren Verschwörungstheorieplattformen?

Account gelöscht!

04.03.2014, 20:52 Uhr

Soll das Volk der Krim abstimmen , wenn die Unabhängig von der Ukraine und Russland sein wollen . Soll es so sein . Mit der Schwarzmeerflotte brauch Russland die Krim . Es ist ein dickes Eisen " Schwert " in der Hand der Krim .

Account gelöscht!

04.03.2014, 21:00 Uhr

Zitat : Die Lage auf der Krim wird für die Bevölkerung zur Nervenschlacht.

- Die Krim ist eigentlich im Konflikt um die Ukraine ein absoluter Nebenkriegsschauplatz !

Die Entwicklung in der Ukraine selbst ist eigentlich sehr besorgniserregend !

Davon spricht der sogenannte "Westen" erst gar nicht....weil er ahnungslos ist.

Die versprochenen Milliarden sind ein Tropfen auf den heissen Stein....und vorerst auch nur leere Sprechhülsen.

Die Ukrainer werden vom Westen und den Amis verar**** !

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