Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.05.2011

22:45 Uhr

Strauss-Kahn-Nachfolge

Merkel prescht im IWF-Führungsstreit vor

VonDietmar Neuerer

Exklusiv Nach dem Strauss-Kahn-Rücktritt sieht Merkel die Gelegenheit gekommen, erneut einen europäischen Kandidaten auf den IWF-Chefposten zu hieven. Namen nennt sie keine, dabei ist schon ein Deutscher im Gespräch.

Angela Merkel. Quelle: dapd

Angela Merkel.

Düsseldorf/New YorkNach dem Rücktritt von IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn bahnt sich ein handfester Streit über die künftige Besetzung des Spitzenpostens an. China unterstrich abermals den Anspruch der Schwellenländer auf den Top-Job. Und auch aus Deutschland kommen klare Signale, wohin die Reise gehen muss. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) untermauerte die Forderung, dass erneut ein Europäer den Vorsitz beim IWF übernehmen sollte. "Ich vertrete die Meinung, dass wir einen europäischen Kandidaten vorschlagen sollten", sagte Merkel am Donnerstag in Berlin. Es müsse schnell eine Lösung gefunden werden. Zu möglichen Kandidaten äußerte sich Merkel nicht: "Ich werde heute keinen Namen nennen." Dazu werde es Gespräche in der Europäischen Union geben.

Merkel begründete den europäischen Anspruch unter anderem mit den anhaltenden Problemen in der Euro-Zone. Außerdem sei der Franzose Strauss-Kahn vor Ablauf seiner regulären Amtszeit zurückgetreten. Möglicherweise seien die Schwellenländer für dieses Argument zugänglich.

Auch der Verwaltungsrat des Internationalen Währungsfonds mit Beratungen über eine Nachfolgeregelung begonnen. Nach Angaben von Interimschef John Lipsky nahm das Gremium am Donnerstag Gespräche „über einen Rahmen für den Auswahlprozess“ auf. Sie sollen an diesem Freitag fortgesetzt werden. „Wir wollen, dass das so schnell wie möglich über die Bühne geht“, zitierte das „Wall Street Journal“ Lipsky. Zuvor hatte sich auch die US-Regierung dafür ausgesprochen, den Posten an der IWF-Spitze rasch neu zu besetzen. Die Suche nach einem Ersatz für den eines Sexualverbrechens beschuldigten Strauss-Kahn müsse zudem in einem „offenen Prozess“ erfolgen, hieß es in einer Mitteilung des Finanzministeriums.

Nach Merkel plädierte auch EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso für einen europäischen Kandidaten. Da die EU-Staaten zusammen der größte Beitragszahler des Währungsfonds seien, sollten sie gemeinsam einen Kandidaten aufstellen, erklärte die Sprecherin Barrosos. Die Konsultationen darüber seien bereits im Gang.

In der Berliner Koalitionsfraktion ist die Vorstellung, wer neuer Fonds-Chef werden könnte, schon weit gediehen. "Ich fordere die Bundesregierung auf, sich für einen Deutschen an der Spitze des Internationalen Währungsfonds einzusetzen", sagte

der finanzpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Klaus-Peter Flosbach (CDU), Handelsblatt Online. Der IWF spiele bei der Bewältigung der Eurozonen-Krise eine herausragende Rolle. "In dieser Zeit sollte er von jemandem geführt werden, der mit den europäischen Verhältnissen vertraut ist", betonte Flosbach. "Mit unseren G20-Partnern werden wir sicher eine Lösung finden, wie wir die Präsenz von G20-Staaten, die in internationalen Finanzinstitutionen bisher unterrepräsentiert sind, stärken können."

Auch das Bundesfinanzministerium machte unmissverständlich klar, dass auch der neue IWF-Chef aus Europa kommen muss. Langfristig sollte die Führung des Währungsfonds aber von einem Kandidaten der Schwellenländer übernommen werden, sagte ein Sprecher von Finanzminister Wolfgang Schäuble. Ähnlich hatte sich bereits vor dem Rücktritt Strauss-Kahns Bundeskanzlerin Angela Merkel geäußert.

Die Chronologie des Strauss-Kahn-Skandals

Samstag 14. Mai

Strauss-Kahn wird in New York festgenommen. Nach der später veröffentlichten Anklageschrift soll der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) in seiner Hotelsuite versucht haben, ein 32-jähriges Zimmermädchen zu vergewaltigen. Es war zum Aufräumen gekommen.

Sonntag 15. Mai

Die Frau identifiziert Strauss-Kahn, wie Medien berichten.

Montag 16. Mai

Eine New Yorker Richterin entscheidet, dass Strauss-Kahn vorerst in Haft bleibt. Sie begründet dies mit Fluchtgefahr. Eine Kaution von einer Million Dollar lehnt sie ab. Die New Yorker Staatsanwaltschaft legt Strauss-Kahn sechs Straftaten zur Last: „Sexuelle Belästigung ersten Grades“, dafür drohen 25 Jahre Haft. Hinzu kommt „versuchte Vergewaltigung ersten Grades“, dafür könnten 15 Jahre verhängt werden. Ferner geht es zweimal um „sexuellen Missbrauch“, „Freiheitsberaubung“ und „unsittliches Berühren“. Erste Berichte über ein Alibi des 62-Jährigen tauchen auf. Nach unbestätigten Meldungen französischer Medien war der IWF-Chef zur mutmaßlichen Tatzeit gar nicht im Hotel, sondern traf seine Tochter. Er habe seine Hotel-Rechnung um 12.28 Uhr bezahlt und sei dann Essen gegangen. Eine regierungsnahe französische Website veröffentlicht angebliche Polizeiprotokolle und diplomatische Berichte. Danach hat die Polizei DNA-Spuren, vermutlich Sperma, sichergestellt. Auf Strauss-Kahns Oberkörper seien Kratzspuren zu sehen gewesen. Die New Yorker Justiz prüft, ob der IWF-Chef schon einmal eine Frau angegriffen hat. Ein früherer Fall außerhalb der USA gleiche in groben Zügen dem aktuellen Vorwurf.

Dienstag 17. Mai

Strauss-Kahn soll nach Angaben eines New Yorker Boulevardblattes die Möglichkeit von „einvernehmlichem Sex“ eingeräumt haben. Er genießt nach Angaben des IWF keine diplomatische Immunität. Das Zimmermädchen will gegen den Chef des Internationalen Währungsfonds aussagen, sagt ihr Anwalt dem Sender CNN. Sie arbeite bereits mit Polizei und Staatsanwaltschaft zusammen. In seiner Gefängniszelle bleibt der IWF-Chef wegen angeblicher Selbstmordgefahr rund um die Uhr unter Beobachtung.

Mittwoch 18. Mai

Die Lage für Strauss-Kahn wird immer prekärer. US-Finanzminister Geithner fordert offen eine Übergangslösung für die Führung des Währungsfonds. Das mutmaßliche Opfer sagt überraschend vor der Grand Jury aus. Der Fernsehsender CNN berichtet, dass die 32-Jährige abgeschirmt in New York vernommen wird. Die Grand Jury hat letztlich zu entscheiden, ob es zu einem Prozess gegen den Franzosen kommt. Die „New York Post“ meldet, Strauss-Kahns mutmaßliches Opfer habe möglicherweise Aids.

Donnerstag 19. Mai

Strauss-Kahn zieht die Konsequenzen aus der Sex-Affäre und tritt als IWF-Chef zurück. Außerdem kommt er gegen eine Kaution von rund einer Millionen Dollar in bar frei. Er bleibt unter Hausarrest und muss eine elektronische Fußfessel tragen.

Montag, 23. Mai

Strauss-Kahn streitet in einer E-Mail an seine ehemaligen IWF-Kollegen alle Vorwürfe der versuchten Vergewaltigung vehement ab. "Ich bin zuversichtlich, dass die Wahrheit ans Licht kommen wird und ich entlastet werde", schreibt er in dem veröffentlichten Brief. Gleichzeitig kommen neue Indizien ans Licht. Auf der Kleidung des Zimmermädchens und dem Teppich des Hotelzimmers befanden sich Spermaspuren.

Dienstag, 24. Mai

Die Spermaspuren auf dem Kleid des Zimmermädchen stimmen mit der DNA von Strauss-Kahn überein, berichten mehrere Medien. Die Anwälte des Ex-IWF Chefs äußern sich zunächst nicht dazu.

Donnerstag, 26. Mai

Strauss-Kahn hat eine neue Bleibe in New-York: Das Apartment soll im Stadtteil Tribeca liegen. Dort steht er bis zum Beginn des Prozess unter Hausarrest.

Freitag, 1. Juli

Wende im Fall Dominique Strauss-Kahn: Offensichtlich ist die Glaubwürdigkeit der Frau, die dem ehemaligen IWF-Chef versuchte Vergewaltigung vorwirft, erschüttert. Nach Haft und verschärftem Hausarrest ist Strauss-Kahn wieder auf freiem Fuß. Doch er darf die USA vorerst nicht verlassen.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

SeriousSam

19.05.2011, 11:19 Uhr

Ja nicht schon wieder ein Franzose! Sowohl Strauss-Kahn als auch Trichet haben in der Krise durch ihre Aktionen primär den Schutz französischer Finanzinistitute im Sinn gehabt. Die EZB hat mit ihrem Bond-Kaufprogramm jede Menge Giftmüll von denen zugeschoben bekommen. Und das Griechenland-Gesamtpaket von IWF und EZB hat die dafür nötige Zeit gekauft. Alles vor allem auf Kosten deutscher Staeurzahler, und Merkel, Schäuble, Asmussen und Kampeter lassen sich dabei seit Anfang von den Franzosen über den Tisch ziehen.

Account gelöscht!

19.05.2011, 12:11 Uhr

Falls jemand an Weber denkt, soll er es vergessen. Ich würde den türkischen Kandidaten vorziehen, denn der kennt die Griechen besonders gut.

alg

19.05.2011, 12:13 Uhr

Der "Sex-Skandal" interessiert doch eigentlich niemanden. Im Vergleich zu den Rettungspaketen geht es da doch nur um Peanuts.

Wir Deutsche tragen aus jedem Rettungspaket den Löwenanteil. Also sollte als Gegenleistung auch einer Deutscher dort das Sagen haben!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×