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16.10.2014

19:31 Uhr

Streiks in Frankreich

Der revolutionäre Geist des Arbeitskampfes

VonThomas Hanke

Erst streiken, dann reden: Während der Arbeitskampf von Lokführern und Piloten in Deutschland für Furor sorgt, ist der Stellenwert von Streiks in Frankreich höher. Sie gehören zur Kultur, zum revolutionären Geist – noch.

Streik bei der Air France: Arbeitskampf findet in Frankreich selten im privaten Sektor statt. Dort stimmt meist die Kommunikation. dpa

Streik bei der Air France: Arbeitskampf findet in Frankreich selten im privaten Sektor statt. Dort stimmt meist die Kommunikation.

ParisZwei Streiks in acht Tagen. Der Unmut über die Arbeitsniederlegungen der deutschen Lokführergesellschaft GDL wächst. Verständnis für die Forderung nach mehr Geld und weniger Arbeitszeit wechselt sich mit blanker Frustration ab, in den Momente, an denen am Bahnhof einmal mehr die Einblendung „Zug fällt aus“ über das Tickerband läuft. Am Donnerstag zogen die Piloten der Germanwings nach. Die Diskussion kocht hoch, „Deutschland als Geisel der Gewerkschaften“ das Extremargument.

Bei den Nachbarn im Westen sieht man das Ganze entspannter. In Seit zwei Wochen stehen sie vor dem Portal des Luxushotels Royal Monceau in Paris: Rund zwanzig Streikposten der Gewerkschaft CGT mit ihren roten Fahnen. Das Haus gehört den Kataris und zählt zur Kategorie der „Palace-Hotels“, das billigste Zimmer kostet 700 Euro die Nacht. „Wir werden deutlich schlechter bezahlt, als unsere Kollegen in anderen Hotels derselben Kategorie, dagegen wehren wir uns“, sagt eine der Streikenden.

Wo sonst Stars wie Beyoncé von einem weißen Baldachin vor den Objektiven der Paparazzi geschützt aus ihren Limousinen ins Hotel huschen, junge Pärchen sich aus einem Porsche schälen oder arabische Großfamilien aus einem Kleinbus klettern, schlagen die Streikenden auf Trommeln, singen in Megaphone und verursachen mit Sirenen ohrenbetäubenden Lärm. Die Zimmerfrauen und Putzmänner fordern einen höheren Tageslohn und mehr Personal, um die Arbeitsbelastung zu senken. Keine Polizei ist zu sehen, niemand versucht, sie wegzuscheuchen.

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Heute streiken die Lokführer zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Tagen. Die Bahnfahrer sind sauer und schimpfen über „Maßlosigkeit“. Die Lokführer halten dagegen. Und manch einer nimmt es sogar mit Humor.

Die Episode macht ein bisschen von der Kultur deutlich, die in den französischen Arbeitsbeziehungen besteht. Kultur steht in diesem Zusammenhang nicht nur für Gepflogenheiten, sondern auch für einen respektvollen Umgang miteinander. Streiks sind in Frankreich eher Teil der normalen Umgangsformen als Ausdruck gefährlicher Unordnung wie in Deutschland. Das ist allerdings auch die Folge eines schwach ausgeprägten, nicht gut funktionierenden sozialen Dialogs: Der Arbeitskampf steht nicht am Ende einer langen Eskalation, ist nicht die Folge gescheiterter Verhandlungen. In vielen Fällen beginnt der Streik, bevor man geredet hat.

Der jüngste folgenschwere Arbeitskampf, der Ausstand der Air France Piloten, begann noch bevor ernsthafte Verhandlungen zwischen dem Management und den bestbezahlten Angestellten angefangen hatten. Den Piloten missfiel die Absicht des Vorstands, eine Billigfluglinie in Europa aufzubauen. Sie suchten aber nicht nach einem Kompromiss, sondern versuchten sofort, das Management in die Knie zu zwingen – auch auf die Gefahr hin, dem eigenen Unternehmen schweren Schaden zuzufügen.

Kommentare (2)

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Herr J.-Fr. Pella

17.10.2014, 09:49 Uhr

Während gute Industrieangestellte für sehr niedrige Gehälter arbeiten müssen, und von Streiks durch organisierte Gewerkschaften nichts zu sehen ist, streiken die hochbezahlten Piloten damit sie mit 55 Jahren in Vollrente gehen können. Vor 50 - 60 Jahren sicherlich ein gutes Argument da der Beruf äußerst anstrengend gewesen ist.
Aber heute, mit Automatikpiloten, mit automatischer Start - und Landetechnik, mit automatischer Ortung und Peilung usw. erscheint mir der Streik unangebracht.

Herr Carsten Härtl

17.10.2014, 10:12 Uhr

Wenn die schlecht bezahlten Angestellten eines Protz & Pomp Hotels in Paris streiken, halte ich das für angemessen, denn es trifft genau die Richtigen: die Millionärsgäste, die bisher von den Niedriglöhnen profitiert haben und im Streikfall leicht in eine der Luxusherbergen daneben einchecken können. Da können die Französen trefflich entspannt bleiben. Die Lufthansa-Piloten und noch mehr die Lokführer, nehmen jedoch, wie oben richtig zitiert, ein ganzes Volk und eine Volkswirtschaft in Geiselhaft. Das ist unverantwortlich. Ich hoffe, wir Deutschen, machen ab jetzt einen großen Bogen um LH und DB. Es gibt schließlich seriöse Konkurrenz. Dann erledigt sich das Problem mit den Jahren von selbst.

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