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17.02.2016

20:36 Uhr

Streit mit US-Investoren

Argentiniens Milliarden-Last

Das Erbe der Regierung Kirchner lastet auf Argentiniens neuem Staatschef Macri. Vor allem der Schuldenstreit mit US-Investoren blockiert den Weg an den Kapitalmarkt. Dabei hat das Land frisches Geld bitter nötig.

„Macri raus“ steht an einer Bushaltestelle in Buenos Aires. Der argentinische Präsident Mauricio Macri steht vor einem schwierigen Neustart. ap

Mauricio Macri

„Macri raus“ steht an einer Bushaltestelle in Buenos Aires. Der argentinische Präsident Mauricio Macri steht vor einem schwierigen Neustart.

Buenos AiresZweistellige Inflationsraten, eine tiefe Rezession – und dann noch Milliardenforderungen von US-Hedgefonds: Argentiniens Wirtschaft steht unter dem neuen Präsidenten Mauricio Macri vor einem schwierigen Neustart. Vor allem die Folgen der Staatspleite von 2001 drücken schwer auf das südamerikanische Land. Denn US-Anleger bestehen im Schuldenstreit auf Milliardensummen - und ohne Einigung ist Buenos Aires der Zugang zum Kapitalmarkt und damit zu lebenswichtigen Investitionen verwehrt. Für Macri und Finanzminister Alfonso Prat-Gay ist es ein Rennen gegen die Zeit.

Denn dem konservativen Staatschef sitzen auch die Gewerkschaften im Nacken, die Gehaltserhöhungen von bis zu 40 Prozent anstreben. Bisher scheint die neue Regierung die Preisspirale nicht in den Griff zu bekommen: 2015 stiegen die Lebenshaltungskosten um 30 Prozent. Für dieses Jahr peilt Prat-Gay noch eine Inflation von 25 Prozent an.

Südamerika: Das Ende des Booms

Sinkende Rohstoffpreise belasten

Noch vor fünf Jahren war Südamerika eine der am schnellsten wachsenden Regionen weltweit. Sechs Prozent legten die Ökonomien südlich des Panamakanals 2010 zu. Doch dann begannen die Rohstoffpreise zu sinken: Eisenerz, Öl und Kupfer beendeten ihren Superzyklus, der Südamerika über Jahre hohe Exporteinnahmen und Kapitalzufuhren gesichert hatte. Inzwischen sieht es düster aus: Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal) rechnet damit, dass Südamerika dieses Jahr stagnieren wird. Die ausländischen Investitionen haben sich im vergangenen Jahr um 16 Prozent verringert. In einigen Staaten verstärken eine chaotische Wirtschaftspolitik und politische Krisen die Rezession.

Venezuela

Dort ist die Lage am schlechtesten: Die Wirtschaft des Öllandes schrumpft seit 2013, dieses Jahr wohl um ganze sieben Prozent laut IWF-Prognose. Die Inflation dürfte dieses Jahr auf über 100 Prozent steigen. Mit immer neuen Verstaatlichungen und Preiskontrollen versucht die diktatorisch agierende Regierung die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Konsumgütern zu sichern – das gelingt immer weniger. Wenn der Ölpreis weiterhin so niedrig bleibt, könnte Venezuela sich bald gezwungen sehen, die Zahlungen der Auslandsschulden einzustellen. Der politische und wirtschaftliche Zusammenbruch wäre da kaum noch zu vermeiden.

Argentinien

Das Land ist nun schon seit über einer Dekade von den internationalen Finanzmärkten ausgeschlossen. Der Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner bleibt nur noch wenig Zeit vor den Wahlen im Oktober. Bis dahin wird sich am protektionistischen Kurs und der harten Haltung gegenüber den Gläubigern nichts ändern. Die Wirtschaft stagniert dieses Jahr, könnte sich aber unter einer neuen Regierung erholen, weil die Agrarindustrie hochproduktiv ist. Entscheidend für eine Erholung ist neben einer neuen Wirtschaftspolitik vor allem die Höhe des Sojapreises.

Chile

Es galt seit Jahrzehnten als Musterland Lateinamerikas: Geringe Korruption, starkes Wachstum und Regierungen mit wirtschaftlicher Kompetenz. Doch nun sind Staat und Unternehmen in mehrere große Korruptionsskandale verwickelt. Und auch die Wirtschaft schwächelt. Weniger als drei Prozent dürfte Chile dieses Jahr wachsen – viel zu wenig für das Land in den Anden, das seit zwei Dekaden durchschnittlich um 4,5 Prozent wächst. Mit dem vorläufigen Ende des Rohstoffbooms wird die weiterhin hohe Abhängigkeit der chilenischen Wirtschaft vom Exportprodukt Kupfer deutlich. Positiv wirken sich jedoch die weiterhin hohen ausländischen Direktinvestitionen von 22 Milliarden Dollar 2014 aus – fast so viel wie im viel größeren Mexiko.

Peru

Die dortige Wirtschaft hält sich trotz seiner dominierenden Bergbauindustrie überraschend stabil, trotz der sinkenden Rohstoffpreise. Die Binnenkonjunktur brummt weiterhin. 3,8 Prozent wird das Land dieses Jahr wachsen, 2016 vielleicht sogar um 4,5 Prozent schätzt Cepal.

Kolumbien

Das Land entwickelt sich in Südamerika zunehmend als Stabilitätsinsel, obwohl die Wirtschaft des Landes auch stark abhängig ist von den sinkenden Ölexporten. Ausländische Investoren setzen weiterhin auf das Land, welches immer noch unter schlechter Infrastruktur nach dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg leidet. Dieses Jahr dürfte Kolumbien um 3,4 Prozent wachsen.

Von einem „komplizierten Übergangsjahr“ spricht der Wirtschaftsexperte Daniel Sica. Denn Investoren benötigten Sicherheiten - und warteten daher die Entwicklung im Schuldenstreit sowie im Tarifkonflikt ab. Dennoch: Der Finanzminister rechnet in diesem Jahr mit einem Wachstum von 0,5 bis 1,0 Prozent. Und in den kommenden drei Jahren werde Argentinien dann durchschnittlich sogar um 4,5 Prozent wachsen, sagt Prat-Gay.

Unterstützung kommt vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Die Wirtschaftspolitik der neuen Regierung sei sehr ermutigend, betonte kürzlich die IWF-Chefin Christine Lagarde. „Wir hoffen, dass diese zu einer Stabilisierung der argentinischen Wirtschaft führt“, sagte sie. Doch trotz allen Lobs rechnet der IWF auch für 2016 damit, dass die Wirtschaft zunächst weiter schrumpft. Im Dezember rutschte die Landeswährung Peso nach der Freigabe der Devisenkontrollen um mehr als 40 Prozent zum US-Dollar ab. Zudem schrumpften die Währungsreserven im vergangenen Jahr auf knapp 25 Milliarden Dollar.

Argentinien im Schuldenstreit: Milliarden sollen „Geierfonds“ beschwichtigen

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Milliarden sollen „Geierfonds“ beschwichtigen

Die neue argentinische Regierung unternimmt einen Versuch, den seit Jahren andauernden Anleihestreit mit US-Hedgefonds zu lösen. Ein Vermittler spricht von einem „historischen Durchbruch“. Doch es bleiben offene Fragen.

Schließlich sind dem Staat die Hände gebunden: Die Regierung kann nur rund zehn Prozent des Haushalts für Investitionen einsetzen. Der Großteil geht für Gehälter und Sozialleistungen drauf. Das Staatsdefizit von knapp 7 Prozent des Bruttoinlandprodukts soll sich um einen Punkt verbessern, indem Subventionen für billige Strom- und Gaspreise gestrichen werden. Doch da gleichzeitig die Steuern auf Gehälter und Agrarexporte sinken sollen, lässt dieses Ziel keine Erweiterung der Staatsinvestitionen zu.

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