Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.11.2014

18:59 Uhr

Streit um Handelsabkommen

Türkei droht mit Aussetzung der Zollunion

Mit dem Handelsabkommen TTIP soll zwischen den USA und der EU der größte Wirtschaftsraum der Welt entstehen. Andere Länder befürchten wirtschaftliche Nachteile. Die Türkei droht mit der Aussetzung der Zollunion.

Der türkische Europaminister Volkan Bozkir fordert USA und EU dazu auf, die Türkei in das Handelsabkommen einzubeziehen AFP

Der türkische Europaminister Volkan Bozkir fordert USA und EU dazu auf, die Türkei in das Handelsabkommen einzubeziehen

IstanbulDie Türkei hat mit der Aussetzung der Zollunion mit der Europäischen Union gedroht, sollten die Pläne für ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU voranschreiten. Der türkische Europaminister Volkan Bozkir habe bei einem Besuch in Oslo zudem gefordert, die Türkei in das Abkommen einzubeziehen, berichtete die Zeitung „Hürriyet“ am Mittwoch.

Der EU-Beitrittskandidat Türkei ist mit der EU seit den 1990er Jahren in einer Zollunion verbunden. Mit dem Handels- und Investitionsabkommen TTIP („Transatlantic Trade and Investment Partnership“) soll zwischen den USA und der Europäischen Union der größte Wirtschaftsraum der Welt entstehen.

Schon im vergangenen Jahr hatte der damalige türkische Außenminister und jetzige Ministerpräsident Ahmet Davutoglu gefordert, die Türkei müsse Teil des geplanten Freihandelsabkommens sein. Andernfalls entstehe ein unfairer Wettbewerb zulasten des Landes.

Was ein Freihandelsabkommen zwischen EU und USA bringt

Was bringt ein Freihandelsabkommen?

Die Zölle zwischen den USA und den EU sind bereits niedrig. Sie liegen im Schnitt zwischen fünf und sieben Prozent, sagt der deutsche Außenhandelsverband BGA. Da jedoch jährlich Waren im Wert von mehr als einer halben Billion Euro über den Atlantik hin- und herbewegt werden, kann die Wirtschaft Milliarden sparen. Europäische Chemieunternehmen haben 2010 für Exporte in die Vereinigten Staaten fast 700 Millionen Euro in die US-Staatskasse gezahlt. Umgekehrt führten die USA gut eine Milliarde Euro nach Brüssel ab. Wirtschaftsverbände erwarten durch den Fall der Zollschranken weniger Bürokratie für mittelständische Unternehmen und mehr Geld für Investitionen, etwa in Forschung und Entwicklung.

Wie könnte Deutschland profitieren?

Die deutsche Wirtschaft verspricht sich Impulse in Milliardenhöhe. "Das Freihandelsabkommen könnte unsere Exporte in die Vereinigten Staaten um jährlich drei bis fünf Milliarden Euro erhöhen", sagt der Außenhandelschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. Die Amerikanische Handelskammer in Deutschland (AmCham) rechnet mit einem zusätzlichen Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in Höhe von 1,5 Prozent. Viele Unternehmen hoffen zudem darauf, einen besseren Zugang zu öffentlichen Aufträgen in den USA zu bekommen.

Welche Streitfragen drohen?

Fast unlösbar scheinen die unterschiedlichen Auffassungen zwischen den USA und der EU in Fragen der Landwirtschaft. "Für die Amerikaner sind Hormonfleisch und Genmais kein Problem, für Europäer ist das dagegen ein 'No-Go'", sagt der Geschäftsführer des Außenhandelsverbandes BGA, Jens Nagel. "Da kann man sich auch nicht in der Mitte treffen." Die Handelskammer AmCham Germany empfiehlt daher, dass Thema außen vor zu lassen. "Das Thema Agrar würde die Gespräche nur belasten", sagt AmCham-Ehrenpräsident Fred Irwin. "Deshalb wäre es gut, das beiseite zu schieben."

Wo gibt es noch Knackpunkte?

Bei der Angleichung technischer Standards. "Das fängt bei der Länge der Stoßstangen an und hört beim Krümmungswinkel des Rückspiegels auf", sagt BGA-Experte Nagel. "Hier gibt es seit Jahrzehnten unterschiedliche Standards, die sich nicht in wenigen Jahren angleichen lassen." Die Chemieindustrie fordert, vor allem Umwelt-, Verbraucher- und Gesundheitsschutz stärker aufeinander abzustimmen.

Wie werden China und Co. reagieren?

Die deutschen Exporteure warnen davor, aus dem Freihandelsabkommen eine Art Wirtschafts-Nato zulasten anderer Handelspartner zu schmieden. "Uns stört das Gerede um eine Wirtschafts-Nato", sagte der Geschäftsführer des Außenhandelsverbandes BGA, Jens Nagel. "Ein Freihandelsabkommen ist nicht dazu da, sich gegen Dritte abzuschotten nach dem Motto 'Jetzt verbünden wir uns gegen die bösen Chinesen'." In der Politik wird das zum Teil genau andersherum gesehen. "Es bleibt nur noch wenig Zeit, gemeinsam mit den USA Standards zu prägen, bevor Wachstumsmärkte wie China und Indien den Takt angeben", sagte der Geschäftsführer des CDU-Wirtschaftsrats, Thomas Raabe.

Was haben die Verbraucher davon?

Sie können Produkte billiger einkaufen, verspricht beispielsweise der Verband der Automobilindustrie (VDA). "Das würde auch die Kosten eines Autos für den Verbraucher senken", sagt VDA-Präsident Matthias Wissmann. Auch andere Branchen können mit einer Kostensenkung rechnen. Ob sie den Vorteil an ihre Kunden weitergeben oder den eigenen Gewinn damit steigern, bleibt ihnen überlassen. Produkte können außerdem schneller erhältlich sein, wenn sie einheitlich zugelassen werden - etwa wenn die US-Aufsicht FDA ein neues Medikament freigibt, das damit automatischen die Zulassung in den EU erhält. (Reporter: René Wagner; Redigiert von Scot W. Stevenson)

Bozkir bezifferte laut „Hürriyet“ den Verlust der Türkei bei einem Abschluss des Abkommens auf drei Milliarden US-Dollar (rund 2,4 Millarden Euro). Nicht-EU Mitgliedsländer wie die Türkei, Norwegen und die Schweiz befürchten wirtschaftliche Nachteile durch das Freihandelsabkommen.

Von

dpa

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Ronny Michael

05.11.2014, 20:36 Uhr

So wie die Erdogan-Türkei sich in der letzten Zeit verhalten hat, sollte man ihnen keine Geschenke machen, die sie sich nicht verdient haben.
Sei es die zunehmende Unterdrückung der Frauen, sei es das Verhalten im Falle des Kampfes um Kobane oder die zunehmenden Großmachtsgelüste und Entdemokratisierung, z.Z. sollten wir die Türkei eher außen vor lassen.
Insbesondere das Verhalten in Sachen Kobane ist schändlich und von der Strategie her primitiv.
Mit der Brechstange in der Hand wird ma kein akzeptierter Partner im Club der EU, auch kein assoziierter.
[...]! Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Eric Boule

06.11.2014, 12:03 Uhr

Freihandelsvertrag mit US ist naechste Waffe die auf EU angesetzt wird+EUParlamente machtlos macht,siehe trade deal=full-frontal assault on democracy.guardian.co.uk 5/11/2013 v GeorgeMonbiot.Vorteile werden weit ueberschaetzt,Nachteile verharmlost.Wichtige wirtschaftliche+privatschutzende EUGesetze werden ausser Kraft gesetzt.Multinationals koennen sogar den Staat verklagen,wie jetzt Vattenfall in Deutschland.Anklagen finden statt vor einem SpezialGericht nicht zugaenglich fuer normale Buerger,ohne Rivisionsmoeglichkeiten.EU wird total USGrosskonzernen+USWallstreetbanken ausgeliefert.Besonders DE wird m 90%seines Exports getroffen weil USauflagen darauf beruecksichtigt werden muessen.Verhandlungen sind im Geheim praktisch nur m Beratung v Grosskonzernen,Kritik ist nicht erlaubt.Verhandlungsdauer ist so lange weil soviele EUgesetze veraendert werden muessen.Deshalb muesste bevor Unterzeichnung 2 Bedingungen erfuellt werden:
1. USA muessten eine Erklaerung unterzeichnen fuer das freie Internet
2. Eine Liste m EU-Gesetzesaenderungen muss herausgegeben werden,wobei man mindestens 6 Monate Zeit bekommt um Einspruch zuerheben

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×