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23.01.2007

10:25 Uhr

Streit um Zellstofffabrik

Die Karnevalskönigin und der Papierkrieg

VonOliver Voss

Erbittert streiten Argentinien und Uruguay um eine Zellstofffabrik. Argentinien wirft dem Nachbar vor, ein Abkommen über die gemeinsame Nutzung des Grenzflusses zu verletzen. Heute entscheidet der Internationale Gerichtshof in Den Haag. Unterstützung gibt es von der leichtbekleideten Karnevalskönigin Evangelina Carrozo

GUALEGUAYCHU. Es war der größte Auftritt im Leben von Evangelina Carrozo: Als sich Jaques Chirac, Angela Merkel, Tony Blair und 59 weitere Staats- und Regierungschefs gerade zum Gipfel-Gruppenfoto in Wien sortierten, stürmte sie ins Bild. In Glitzerbikini mit Tanga hielt die argentinische Karnevalskönigin den verdutzten Politgrößen ein Protestplakat entgegen.

Nur Hugo Chávez klatschte erfreut – ob wegen der Botschaft oder wegen Evangelina Carrozos Maßen (85-62-90), behielt Venezuelas Präsident für sich.

Daheim in Gualeguaychu im Norden Argentiniens erntete die 25-Jährige mit ihrer Aktion beim EU-Lateinamerika-Gipfel im Mai 2006 viel Ruhm. Und der lebt in diesen Tagen wieder auf, denn Carrozo ist die Karnevalskönigin von Gualeguaychu, wo das jecke Fest so begeistert wie in Rio de Janeiro begangen wird – und sogar um einiges länger. Bereits am ersten Januarwochenende starteten die Umzüge, und gefeiert wird bis Anfang März.

Doch in diesem Jahr wird die Party im Karnevalsstadion, dem „Corsodromo“, zur politischen Protestkundgebung. Heute marschiert eine Gruppe Umweltschützer an der Spitze von fast 1 000 Tänzern: „Nein zu den Papierfabriken“, steht auf ihrem Transparent.

Es geht um einen Streit mit dem Nachbarn Uruguay. Gualeguaychu liegt direkt am Grenzfluss, dem Rio Uruguay. Und an dem baut das finnische Unternehmen Botnia, nach eigenen Angaben Europas zweitgrößter Zellulosehersteller, eine neue Fabrik. 1,1 Milliarden Dollar kostet die Anlage – die größte Investition in der Geschichte Uruguays. Das Bruttoinlandsprodukt belief sich 2005 auf gerade 33 Milliarden Dollar. Nach einer Studie der Weltbank könnte das Außenhandelsdefizit Uruguays durch die neue Anlage um über 20 Prozent sinken.

Was die Argentinier aufbringt: Zellulosegewinnung ist eine schmutzige Angelegenheit. Holz wird durch Sulfate zersetzt, und das vergiftete Abwasser könnte im Rio Uruguay landen. Durch Schwefelverbindungen, die in die Luft gelangen, stinkt es in der Nähe solcher Fabriken oft nach faulen Eiern.

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