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12.06.2012

09:28 Uhr

Stromausfälle drohen

Griechen könnten bald im Dunkeln sitzen

Griechenlands Energieversorgern droht die Zahlungsunfähigkeit. Um Gasimporte bezahlen und Kraftwerke betreiben zu können, sind sie auf Notfallkredite angewiesen. Das Risiko von Stromausfällen ist offenbar enorm hoch.

Ein Mann geht an einer Anlage der Public Power Corp (PPC) bei Athen vorbei. Reuters

Ein Mann geht an einer Anlage der Public Power Corp (PPC) bei Athen vorbei.

AthenIn Griechenland drohen, die Lichter auszugehen, da bei den Versorgern die Barmittel schwinden, um für Erdgasimporte zu bezahlen und Kraftwerke zu betreiben.

Die Aufsichtsbehörden werden sich unter Umständen schon in diesen Tagen mit dem Betreiber des griechischen Strommarktes treffen, um über einen Notfallkredit in Höhe von 300 Millionen Euro zu verhandeln. Dadurch sollen vorerst Zahlungen für Gasimporte von OAO Gazprom aus Russland, Botas AS aus der Türkei und Eni SpA aus Italien geleistet werden.

Ist ein Euro-Austritt Griechenlands möglich?

Vorbereitung auf den Notfall

Lange Zeit wurde es bestritten: Die Eurozone bereitet sich nun doch für den Notfall auf einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone vor. Die Hoffnungen, dass Athen im Euroland wieder auf die Beine kommen kann und zu seinen Sparzusagen steht, schwinden. Doch ist ein solcher Schritt überhaupt möglich?

Rechtliche Grundlage

Die Rufe nach einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone werden angesichts der tiefen Krise des Landes immer lauter. Nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals das Austrittsszenario angesprochen hatte, räumte auch Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker nach dem EU-Sondergipfel in Brüssel ein, dass Experten entsprechende Pläne für den Notfall ausarbeiten, sollte Athen nach den Neuwahlen vom Spar- und Reformkurs abweichen.
Allerdings ist ein direkter Rauswurf aus der Eurozone durch die anderen Mitgliedsländer nicht möglich. Das sehen die EU-Verträge nicht vor. Allerdings könnte Griechenland von sich aus erklären, sich vom Euro zu verabschieden. Aber auch in diesem Fall wäre dies Neuland für das gesamte Euro-System, das dafür keine Regelungen kennt.

Folgen für Griechenland

Mit großer Wahrscheinlichkeit würde der Euro-Abschied zunächst den kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch des Krisenlandes bedeuten. Ohne Euro müsste Griechenland wieder eine eigene Währung einführen, etwa die alte Drachme. Sie würde vermutlich drastisch an Wert verlieren, etliche Ökonomen schätzen um die 50 Prozent. Die Abwertungseffekte würden dann aber Exporte verbilligen und die Wettbewerbsfähigkeit Griechenland international steigern.

Parallelwährung

Von Ökonomen gibt es auch Vorschläge für die Einführung einer Parallelwährung, beispielsweise dem „Geuro“, wobei der Staat Schuldscheine an seine Bediensteten ausgeben könnte statt sie direkt zu bezahlen. Die Zweitwährung würde gegenüber dem Euro im Wert sinken. Auch in diesem Fall könnten griechische Exporteure im Ausland billiger anbieten, die griechische Wirtschaft könnte so ihre Konkurrenzfähigkeit steigern, was dringend nötig wäre, damit sie aus der Rezession herauskommt. Die Lösung einer Zweitwährung soll dabei dem Land die Rückkehr zu einer vollen Mitgliedschaft in die Eurozone sichtbar offenhalten.

Anstieg von Altschulden

Bei Einführung einer neuen Währung wäre besonders schwerwiegend, dass für Griechenland die in Euro aufgenommenen Altschulden infolge der Abwertungseffekte drastisch steigen würden. Das Bankensystem geriete ins Wanken, ein Ansturm der Sparer wäre programmiert. Deshalb sollte die Einführung einer neuen Währung nach Ansicht von Fachleuten nur geordnet verlaufen, wobei großzügige Überbrückungshilfen und Stützung der Banken notwendig wären.

Folgen für die Euro-Zone

Ob das Euro-Währungsgebiet einen Austritt der Hellenen verkraften würde, ist äußerst fraglich. Ökonomen warnen vor der Ansteckungsgefahr für weitere Sorgenkinder wie Spanien, Italien oder Portugal. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder aus dem Euroraum ausscheren.

Risikoaufschläge

Vermutlich würden die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder so stark steigen, dass diese ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit kämen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten. Aus Sicht von Politikern ist diese Gefahr jedoch deutlich geringer geworden, nachdem größere Euro-Rettungsschirme aufgespannt worden seien.

Dem größten Stromproduzenten Griechenlands, Public Power Corp SA (PPC), ist das Geld fast vollständig ausgegangen und er wird wahrscheinlich seinen Verpflichtungen nicht nachkommen können. Im Verlauf der letzten zwölf Monate ist die Zahl der unbezahlten Stromrechnungen um 50 Prozent hochgeschnellt, wie aus Informationen von Standard & Poor's hervorgeht.

„Es besteht definitiv das Risiko von Stromausfällen“, sagt Olivier Jakob, Managing Director des Energieberaters Petromatrix GmbH mit Sitz in Zug. „Griechenland stehen höhere Kosten ins Haus, da die Anbieter auf bessere Konditionen bestehen werden, um sich abzusichern. Und wenn die Regierung die Rechnung nicht zahlen kann, dann gibt es ein richtiges Problem.“

„Geuro“ und „Neue Drachme“: Chancen und Risiken einer Zweitwährung für Griechenland

Wie soll der „Geuro“ funktionieren?

In seinem Modell geht Deutsche-Bank-Ökonom Mayer davon aus, dass der griechischen Regierung das Geld ausgeht, die internationalen Geldgeber aber weiterhin für die Schulden des Landes geradestehen und den Bankensektor stützen. In diesem Fall könnte Athen Staatsangestellten wie etwa Polizisten Schuldscheine geben, statt sie nicht zu bezahlen. Der Beamte könne diese Schuldscheine (Geuro) gegen Euro tauschen.

Was bringt eine Parallelwährung?

Allmählich würde eine Zweitwährung entstehen, deren Kurs zum Euro sinkt. In der Folge könnten griechische Exporteure ihre Preise in Euro senken und so wieder besser ins Geschäft mit Partnern im Ausland kommen. Die Ökonomen Lucke/Neumann erklären: „Unser Vorschlag, die ND als eine zweite, gleichberechtigte Landeswährung einzuführen, soll es Griechenland erleichtern, durch einen Kurs größerer Flexibilität den wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu erreichen. Aber es geht auch um den politisch-psychologischen Aspekt, dem Land die Rückkehr zur vollen Mitgliedschaft in der Euro-Union sichtbar offenzuhalten.“

Würden so die Probleme der griechischen Wirtschaft gelöst?

Wohl kaum. Die griechische Wirtschaft hat ein strukturelles Problem: Das Land lebt vor allem vom Tourismus und Waren wie Oliven, Feta und Wein. „Griechenland fehlen hochwertige, international wettbewerbsfähige Beschäftigungsstrukturen“, urteilten Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW/Kiel) in einer Anfang 2012 veröffentlichten Studie. Im Vergleich zu anderen Euro-Sorgenländern wie Portugal und Spanien sei Griechenland „seit jeher ausgesprochen schwach industrialisiert“.

Wo liegen die Risiken einer Parallelwährung?

Ein griechischer Sonderweg könnte ein fatales Signal an andere Wackelkandidaten senden. Die Sorge ist groß, dass die Bereitschaft zu Reformen in den Ländern sinkt, sobald der Druck nachlässt. Viele Experten sehen die Gefahr, dass die Tage der Europäischen Währungsunion (EWU) dann gezählt sind. „Der einzige momentan vorstellbare Weg, auf dem die EWU mit allen Mitgliedern fortbestehen kann, scheint uns in einer zeitlichen Streckung der Konsolidierungsvorgaben zu liegen - ohne Aufgabe ihrer absoluten Verbindlichkeit, die auch von den Problemländern ohne Wenn und Aber anerkannt werden müsste“, analysiert die DZ Bank.

Darf Griechenland überhaupt einfach eine neue Währung einführen?

Helmut Siekmann, Professur für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht an der Universität Frankfurt und Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) betont: „Alle Verbindlichkeiten auch innerhalb Griechenlands sind in Euro zu begleichen, nicht in einer neuen Kunstwährung.“ Selbst neue Forderungen könnten nicht ohne Rechtsbruch auf eine andere Währung als den Euro lauten: „Griechenland hat die Währungshoheit an die EU abgetreten. Das Land kann legal keine neue Währung einführen.“ Privatpersonen, Unternehmen und Investoren im In- und Ausland wären an eine illegal eingeführte Währung nicht gebunden. Der Vorschlag sei insofern sehr kurz gedacht, sagt Siekmann: „Wenn man diese Konsequenzen bedenkt, sehe ich keinen großen Fortschritt außer vielleicht etwas Zeitgewinn.“

Gibt es Beispiele für derartige Parallelwährungen?

De facto habe es in erheblichem Umfang im Sozialismus westliche Währungen als Parallelwährungen gegeben, zum Teil sogar offiziell anerkannt, sagt Ökonom Siekmann. Auch kleinere Länder hätten fremde Währungen ohne formelle Absprache übernommen, etwa Balkanstaaten den Euro. In Zeiten der Hyperinflation habe man immer wieder wie 1923 in Deutschland auch mit US-Dollar bezahlen können. Und immer wenn Kalifornien in Zahlungsschwierigkeiten geriet, wurden dort Schuldscheine ausgegeben.

PPC-Sprecher Kimon Steriotis wies diese Gefahr in einer Stellungnahme per E-Mail zurück und erklärte, dass mit keinen unmittelbaren Stromausfällen zu rechnen sei. Die Kohlekraftwerke hätten volle Lager, und die Reservoirs der Wasserkraftwerke seien gefüllt. Auch die Kraftwerke auf den Inseln, die nicht mit dem nationalen Stromnetz verbunden sind, verfügen über ausreichend Rücklagen. Für die Stromversorgung sei während der Reisesaison also gesorgt. Keine Aussagen machte er dazu, ob sein Unternehmen einen Zahlungsausfall verhindern kann.

Griechenlands Exportwirtschaft

Brennstoffe, technische Öle

Den größten Anteil an Exportgütern aus Griechenland haben Brennstoffe und technische Öle. Sie umfassen 27,1 Prozent des hellenischen Exports.

Vorerzeugnisse

Vorerzeugnisse wie Stahl haben bei den griechischen Exportgütern einen Anteil von 16,8 Prozent.

Lebende Tiere und Nahrungsmittel

Mit 14,2 Prozent sind lebende Tiere und Nahrungsmittel das drittgrößte Importgut Griechenlands. In Deutschland erreichen diese Produkte nur Platz fünf der Exportgüter (4,2 Prozent).

Maschinen und Fahrzeuge

Maschinen und Fahrzeuge machen in Deutschland mit 47,6 Prozent fast die Hälfte aller Exporte aus. In Griechenland sind es 13,9 Prozent und damit Platz vier im Landesvergleich.

Chemische Erzeugnisse

Mit 10 Prozent sind chemische Erzeugnisse die Produktgruppe, die Griechenland am fünfhäufigsten exportiert. In Deutschland landen sie mit 15,3 Prozent auf Platz zwei.

Gesamtexport

Insgesamt exportiert Griechenland Güter im Wert von 22,5 Milliarden Euro. Deutschland erreicht ein Exportvolumen von 1060 Milliarden Euro.

PPC gehört zu 51 Prozent dem Staat und muss bis zum 29. Juni Verbindlichkeiten im Volumen von 525 Millionen Euro refinanzieren. Die Firma verfügt über eine „extrem limitierte Liquidität“, sagte Konzernchef Arthouros Zervos am 29. Mai. Insgesamt summieren sich die Schulden des Konzerns auf 4,85 Milliarden Euro.

Griechenland besitzt praktisch keine eigenen Gas- oder Ölreserven und ist deswegen stark von Importen abhängig, um Stromproduktion und Transportbranche am Laufen zu halten.

Kommentare (16)

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Rene

12.06.2012, 10:09 Uhr

Sollten die sparfeindlichen Parteien am Sonntag gewinnen, dann müßte tatsächlich mal das Licht ausgehen, damit (allgemein gesprochen) der Wahlbürger einmal direkt, und nicht erst zeitversetzt, die Auswirkungen seiner auf populistischen Parolen basierenden Wahlentscheidung zu spüren bekommt.

Unternehmensberater

12.06.2012, 10:25 Uhr

wo ist das Problem, wenn Kunden, die ihre Stomrechnungen nicht bezahlen, keinen Strom mehr geliefert bekommen?
das ist doch das normalste auf der Welt. ansonsten bezahle ich ab morgen meine Stromrechnung auch nicht mehr, wenn das auch so geht

Thomas-Melber-Stuttgart

12.06.2012, 10:41 Uhr

Kam nicht vor ein paar Wochen in der Presse, daß in Deutschland jährlich um die 600.000 Haushalten (!) der Strom gesperrt wird?

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