Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.03.2013

15:48 Uhr

Studie

Assads militärische Fähigkeiten schwinden

Überläufer, Fahnenflüchtlinge, Gefallene: Die Armee von Syriens Machthaber Baschar al-Assads hat sich einem Bericht zufolge seit Herbst 2012 halbiert. Verlassen kann er sich angeblich nur noch auf seine Spezialeinheiten.

Oppositionelle beschießen einen Helikopter der Syrischen Armee aus den Straßen von Aleppo. dpa

Oppositionelle beschießen einen Helikopter der Syrischen Armee aus den Straßen von Aleppo.

LondonDie Streitkräfte des syrischen Machthabers Baschar al-Assad haben nach einem Bericht des Londoner Instituts für Strategische Studien (IISS) erheblich an Schlagkraft verloren. Von einer geschätzten Truppenstärke von einst 220.000 Mann habe Assad im Herbst 2012 nur noch die Hälfte zur Verfügung gestanden, heißt es in dem am Donnerstag in London veröffentlichten Bericht. Absoluter Verlass sei für Assad nur noch auf etwa vier Sondereinheiten mit insgesamt 50.000 Mann Truppenstärke.

„Die Summe der Effekte von Überlaufen, Fahnenflucht, Verlusten auf dem Schlachtfeld und moralischer Unterwanderung wird ein großes Gewicht für den Ausgang des Konfliktes haben“, heißt es in dem Bericht. Die Rebellen bekämen mehr Unterstützung von Außen. In „naher Zukunft“ sei auch die Belieferung der Opposition mit kampftauglicher Ausrüstung möglich. Die Rebellen seien jetzt bereits in der Lage, aus ausländischen Quelle in begrenztem Umfang Ausrüstung zu erwerben.

Zwei Jahre blutiger Kampf um die Macht

15. März 2011:

Erste Protestdemonstration in der syrischen Hauptstadt Damaskus gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad.

18. März:

Tausende demonstrieren gegen Assad, es gibt Tote. Am 22. April gehen 100 000 auf die Straße, mindestens 112 sterben.

23. Juni:

Nach Einschlägen syrischer Granaten auf türkischem Gebiet schießt Syrien nahe der Stadt Latakia einen türkischen Militärjet ab. Ankara stationiert daraufhin Raketenabwehrsysteme an der Grenze.

31. Juli:

Das Regime erobert die Widerstandshochburg Hama. Laut Opposition sterben mindestens 100 Menschen.

3. August:

Der UN-Sicherheitsrat einigt sich auf eine „Präsidentielle Erklärung“ zur Verurteilung des Regimes in Damaskus. Eine gewichtigere Resolution scheitert am Veto Russlands und Chinas. Beide Länder blockieren in den folgenden Monaten zwei weitere Resolutionen.

2. Oktober:

Die syrische Opposition bildet einen Nationalrat.

22. Dezember:

Erste Beobachter der Arabischen Liga treffen in Syrien ein. Vier Wochen später wird ihr Einsatz wegen der Gewalt beendet.

23. Dezember:

In Damaskus sterben bei den ersten Selbstmordanschlägen im Bürgerkrieg mindestens 44 Menschen, mehr als 160 werden verletzt.

4. Februar 2012:

Aus der Protesthochburg Homs wird das schlimmste Blutbad seit Beginn der Proteste gemeldet. Hunderte Menschen sterben.

13. Februar:

Das Regime weist den Vorschlag der Arabischen Liga zurück, UN-Friedenstruppen nach Syrien zu schicken. Kurz darauf nennt Assad den 26. Februar als Termin für ein Verfassungsreferendum. Die Verfassung tritt am 28. Februar in Kraft.

25. Februar:

In Tunis gründen mehr als 60 Staaten die „Freundesgruppe“ für ein demokratisches Syrien.

27. März: Syrien akzeptiert den Friedensplan des Sondergesandten Kofi Annan, der eine von den UN beobachtete Waffenruhe vorsieht.

25. Mai:

Bei einem Massaker im Ort Al-Hula kommen mehr als 100 Zivilisten ums Leben.

13. Juli:

Nach Angaben der Opposition sollen bei einem Massaker nahe Hama bis zu 250 Menschen von Regierungstruppen getötet worden sein.

18. Juli:

Bei einem Bombenanschlag der Rebellen auf den nationalen Krisenstab kommen mehrere Mitglieder der syrischen Führung ums Leben - darunter der Verteidigungsminister und Assads Schwager.

2. August:

UN-Vermittler Annan gibt auf. Es werden neue Massaker an syrischen Zivilisten gemeldet.

16. August:

Wegen der ausufernden Gewalt wird die UN-Beobachtermission beendet.

24. Oktober:

Der algerische Diplomat Lakhdar Brahimi als neuer UN-Vermittler erklärt, beide Seiten seien zu einer Feuerpause bereit. Die auf vier Tage angelegte Waffenruhe hält keine drei Stunden.

11. November:

Regimegegner bilden die „Nationale Koalition“ und wählen den Prediger Ahmed Muas Al-Chatib zum Vorsitzenden. Zuvor gab der Syrische Nationalrat Ansprüche auf eine Vormachtstellung auf.

6. Januar 2013:

Assad will mit einer nationalen Mobilmachung seinen Sturz verhindern. Er verspricht in seiner ersten öffentlichen Rede seit sieben Monaten Reformen, eine neue Verfassung und Regierung. Eine politische Lösung mit bewaffneten Rebellen schließt er aus.

28. Januar:

Die Nato schützt die Türkei mit „Patriot“- Raketenabwehrstaffeln vor Angriffen aus Syrien. Zur Durchsetzung einer Flugverbotszone über Syrien dürfen sie nicht eingesetzt werden.

21. Februar:

In Damaskus kommen bei einem Bombenanschlag nahe der Zentrale von Assads Baath-Partei mindestens 53 Menschen ums Leben. Das Hauptquartier des Militärs wird mit Granaten beschossen.

28. Februar:

Die Staaten der „Freundesgruppe“ wollen Syriens Opposition politisch und finanziell helfen, aber keine Waffen liefern.

3. März:

Assad lehnt einen Gang ins Exil weiterhin ab. Im Interview mit der britischen Zeitung „Sunday Times“ zeigt er Bereitschaft zu Gesprächen mit der Opposition. Voraussetzung sei aber, dass Militante ihre Waffen niederlegten.

5. März:

Syrische Rebellen melden die Einnahme der Stadt Al-Rakka. Für die von den Rebellen kontrollierten Gebiete in der Provinz Aleppo lassen Oppositionsparteien erstmals lokale Vertretungen wählen.

9. März:

Nach drei Tagen in der Hand syrischer Rebellen sind 21 Blauhelm-Soldaten wieder auf freiem Fuß.

Das Assad-Regime sei sich durchaus darüber im Klaren, dass es eine große Zahl von Rebellengruppen gebe, die die Führung beseitigen wollen. Das Regime wisse aber auch, dass die Gruppen darüber hinaus nicht viel eine. „Sie sind uneins und unkoordiniert.“ Es gebe Beispiele für Gewalt unter den Rebellengruppen. Assad wisse ebenso, dass eine militärische Intervention von außen unwahrscheinlich sei, solange nicht – etwa mit dem Einsatz chemischer Waffen – rote Linien überschritten würden.

Gefechte in Deraa und bei Damaskus

Video: Gefechte in Deraa und bei Damaskus

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Von

dpa

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Gast

14.03.2013, 17:11 Uhr

Mehr Hintergründe zum "Syrien-Konflikt" und eine überraschend andere Sichtweise bietet dieses Video: http://nuoviso.tv/filme-a-dokus/politik-a-staat/item/das-syrische-tagebuch?category_id=159.
Wieder einmal scheint es sich bei dem "Syrien-Konflikt" um eine Operation unter falscher Flagge zu handeln, wie die völlig einseitige Berichterstattung zeigt.

Kamich

14.03.2013, 17:37 Uhr

Das kann schon sein, dass die Truppen von Assad kräftig
bluten mussten und weiterhin müssen. Aber welche Wahl
haben sie denn ? Das Überlaufen ist mit hohem Risiko
verbunden - auch wenn man die vielen blutigen Videos
vom Köpfen und Masakrieren nicht zeigt. Ich darf an
Scholl-Latour erinnern, der sagte (die Nicht-Sunniten)
die Minderheiten, die ihren Schutz von der Assad-
Regierung erhoffen werden kämpfen bis zuletzt, weil sie
ansonsten fürchten müssen umgebracht zu werden.
Auffällig ist die total einseitige Berichterstattung
schon, ich denke da an den emotionalen Beitrag gestern
in den öffentl. Fernseh-Nachrichten. Fällt denn niemanden
auf dass die Situation der syrischen Christen gar nicht
vorkommt ? Dass das den europäischen Regierungen egal
ist merkt man schon lange. Aber wer irgendwie noch einen
Funken Anstand bewahrt hat wendet sich mit Grausen ab
von "unseren politisch Verantwortlichen" und ihrer
ideologischen Gesinnung.

Account gelöscht!

14.03.2013, 19:14 Uhr

Wer glaubt, dass Assad am Ende sei, verkennt die Realität. Die syrische Armee steht noch immer kampfbereit hinter ihm, trotz 13-15k toten Soldaten und die Kämpfe der letzten Wochen zeigen doch eine ganz klare richtung: Auf jeden getöteten Soldaten folgen 15-20 Terroristen. Und in diesem Kampf hat die SAA den deutlich längeren Atem als die Al-Nusra-Front und wie die ganzen anderen wahabitischen Al-Qaida Organisationen noch alle heißen mögen.
Das ist ja auch der Grund, warum in letzter Zeit wieder die Giftgas-Hetze forciert wird und England nun Waffen an die Terrorgruppen verkaufen will - bezahlt von saudi-Dollars.

Viel eher sollte es den Systemlingen vom Handelsblatt zu denken geben, dass nach zwei Jahren Krieg das Volk immer noch ungebrochen hinter Assad steht und die Armee immer noch nicht zusammengeklappt ist - und die besteht auch zu einem Großteil aus Sunniten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×