Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.10.2015

09:32 Uhr

Studie zur Gerechtigkeit in der EU

Jeder dritte Jugendliche ist von Armut bedroht

Europas Nachwuchs verliert den Anschluss: Die junge Generation profitiert laut einer Bertelsmann-Studie noch nicht von der langsamen Erholung der Wirtschaft. Die Kluft zwischen Alt und Jung wächst – auch in Deutschland.

Besonders Jugendliche sind von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. dpa

Armut in Europa

Besonders Jugendliche sind von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen.

Gütersloh26 Millionen Kinder und Jugendliche sind nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung in der Europäischen Union von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Damit sind die Jüngeren die größten Verlierer der Wirtschafts- und Schuldenkrise der vergangenen Jahre in der EU.

Betroffen sind fast 30 Prozent aller unter 18-Jährigen. Weit über 5 Millionen der Jungen haben sogar nur geringe Zukunftsperspektiven, da sie weder Ausbildungsplatz noch Arbeit finden. Die Studie zur sozialen Gerechtigkeit (Social Justice Index), die der Deutschen Presse-Agentur vorab vorlag und am Dienstag vorgestellt wird, beleuchtet zum zweiten Mal nach 2014 die Entwicklung in allen 28 EU-Staaten anhand von 35 Kriterien.

Deutschland belegt wie bereits bei der ersten Studie trotz großer volkswirtschaftlicher Kraft nur den siebten Platz, konnte seinen Index-Wert seit 2008 - damals war die Erhebung noch nicht so umfassend wie heute - aber von 6,16 auf 6,52 verbessern.

Der EU-Schnitt liegt bei 5,63. Spitzenreiter bleibt Schweden (7,23), Griechenland fällt mit 3,61 weiter zurück. Neben einer wachsenden Kluft zwischen Alt und Jung gibt es in der EU damit auch weiterhin ein deutliches Nord-Süd-Gefälle.

„Wir können uns eine verlorene Generation in Europa weder sozial noch ökonomisch leisten. Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen besondere Anstrengungen unternehmen, um die Chancen junger Menschen nachhaltig zu verbessern“, sagte Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, zum Ergebnis der Studie.

So zeigt sich Armut in Deutschland

Die Gefahr arm zu werden...

... ist gewachsen. Der Schwellenwert für die Armutsgefährdung lag in Deutschland 2009 bei 11.278 Euro und 2010 bei 11.426 Euro pro Jahr. Das entsprach monatlich einem Betrag von 940 Euro (2009) beziehungsweise 952 Euro (2010). Nach Zahlung staatlicher Sozialleistungen waren 2010 insgesamt 15,8 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet gegenüber dem Jahr 2009 (15,6 Prozent). Frauen waren auch 2010 mit 16,8 Prozent stärker armutsgefährdet als Männer mit 14,9 Prozent (Frauen 2009: 16,4 Prozent; Männer 2009: 14,9 Prozent).

Wo Deutsche sparen müssen

5,2 Prozent der Deutschen geben an, ihre Wohnung aus finanziellen Gründen nicht ausreichend warm halten zu können. Mehr als jeder Fünfte (22 Prozent) fährt nach eigenen Angaben im Jahr nicht mal eine Woche in den Urlaub, weil er oder sie es sich nicht leisten kann. 34,5 Prozent können plötzlich anfallende Kosten von mindestens 930 Euro im Monat nicht aus eigenen Mitteln bestreiten, eine vollwertige Mahlzeit können sich 8,8 Prozent nicht einmal jeden zweiten Tag leisten.

Der höchsten Armutsgefährdung...

... sind mit Abstand Alleinerziehende (37,1 Prozent), Alleinlebende (32,2 Prozent), Arbeitslose (67,8 Prozent) und niedrig Gebildete (25,8 Prozent) ausgesetzt.

Die Armutsgefährdung im mittleren Alter...

... ist dagegen zwischen den Geschlechter fast ausgeglichen. Dennoch ist die Gefahr bei Frauen stets höher. Bei Personen im Alter von 55 bis 64 Jahren war der Abstand zwischen den Armutsgefährdungsquoten 2010 bei Frauen (21,1 Prozent) und Männern (19,5 Prozent) geringer. Auch bei den 25- bis 54-Jährigen fiel der Unterschied mit 0,2 Prozentpunkten (Frauen 2010: 14,9 Prozent; Männer: 14,7 Prozent) viel niedriger aus als bei den Jüngeren. Im Jahr 2009 hatte der Abstand noch 1,5 Prozentpunkte (Frauen: 14,8 Prozent; Männer: 13,3 Prozent) betragen.

Junge Frauen...

... sowie ältere Frauen laufen besonders leicht Gefahr in Armut abzurutschen. Junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren (2010: 19,0 Prozent) sowie 55- bis 64-Jährige (2010: 20,4 Prozent) sind in höherem Maße armutsgefährdet sind als andere Altersgruppen. Junge Menschen befinden sich häufig noch in einer Ausbildung oder stehen am Anfang des Berufslebens. In dieser Altersgruppe treten auch die größten Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf. Mehr als jede fünfte Frau (21,8 Prozent) zwischen 18 und 24 Jahren war 2010 armutsgefährdet, unter den gleichaltrigen Männern waren es dagegen nur 16,2 Prozent. Ähnlich hoch war der Abstand bei 65-Jährigen und Älteren (2010 Frauen: 16,2 Prozent; Männer: 12,0 Prozent).

Obere 20, untere 20

Das Verhältnis der Einkommen der 20 Prozent einkommensstärksten Personen zu dem der 20 Prozent einkommensschwächsten Personen blieb zwischen 2009 und 2010 konstant: Das obere Fünftel der Bevölkerung verfügte
zusammen über ungefähr viereinhalbmal so viel Einkommen wie das untere Fünftel der Bevölkerung.

Arm im Alter...

.. ist ein vergleichsweise häufiger Zustand. In der Untergliederung nach Altersgruppen zeigt sich, dass das mittlere Äquivalenzeinkommen bei Menschen zwischen 25 und 54 Jahren mit 20.703 Euro im Jahr 2010 deutlich über dem
Wert für die Gesamtbevölkerung lag. Menschen in der Altersgruppe 55 bis 64 Jahre verfügten mit 19.087 Euro ebenfalls über ein leicht über dem Durchschnitt liegendes Einkommen. Anders bei den 65-Jährigen und Älteren: Hier lag das mittlere Einkommen mit 17.611 Euro unter dem Bundesdurchschnitt.

Frauen verdienen...

...immer noch weniger als Männer. Zwar war der Einkommenszuwachs bei Frauen zwischen 2009 und 2010 etwas höher (252 Euro) als bei Männern (203 Euro). Allerdings bestehen nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen den Einkommen von Männern und Frauen: Der Median des Nettoäquivalenzeinkommens von Frauen war 2010 mit 18.700 Euro um 689 Euro niedriger als der von Männern (19.389 Euro).

Quelle: „Datenreport 2013. Ein Sozialbericht für Deutschland“.

Für Deutschland spricht die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt mit der niedrigsten Jugendarbeitslosigkeit (7,7 Prozent) im EU-Vergleich und hinter Schweden der zweithöchsten Beschäftigungsquote von 73,8 Prozent. Die Forscher bemängeln allerdings mit 40 Prozent einen zu großen Anteil von atypischen Beschäftigten in Deutschland. Diese Menschen sind trotz Vollzeitjob von Armut bedroht - wegen befristeten Verträgen und niedrigen Lohns.

Bei der Generationengerechtigkeit hat sich die Bundesrepublik im Vergleich zu 2014 von Rang 10 auf 15 verschlechtert. So müssen bei den unter 18-Jährigen etwa 5 Prozent mit schweren materiellen Entbehrungen leben. Bei den über 65 Jahren alten Bundesbürgern sind es nur 3,2 Prozent. Auch beim Bildungszugang beklagt die Bertelsmann-Stiftung in Deutschland einen zu starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg.

Bei den Staaten im Süden Europas mit hoher Jugendarbeitslosigkeit mahnt die Stiftung weiter Strukturreformen an. „Dort kommen viele hochqualifizierte nicht auf dem Arbeitsmarkt an. Der Übergang von der Bildung in den Job funktioniert nicht“, sagt Daniel Schraad-Tischer, Experte der Bertelsmann-Stiftung.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×