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17.02.2017

17:35 Uhr

Studie zur Terrormiliz

Einnahmen des IS dramatisch gesunken

Die IS-Miliz gilt als reichste Terrororganisation der Welt. Doch die Gebietsverluste im Irak und in Syrien machen den Dschihadisten auch finanziell zu schaffen. Ihr „Geschäftsmodell“ könnte zusammenbrechen.

Die Terrormiliz Islamischer Staat verliert immer mehr Gebiete und nimmt weniger Geld ein. Reuters, Sascha Rheker

Islamischer Staat

Die Terrormiliz Islamischer Staat verliert immer mehr Gebiete und nimmt weniger Geld ein.

LondonDie Einnahmen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sind einer Studie zufolge dramatisch gesunken. Sie seien seit 2014 um mehr als die Hälfte zurückgegangen, heißt es in einer gemeinsamen Untersuchung des Londoner King's College und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young (EY). Die Autoren erklären den Einbruch vor allem mit dem Verlust von großen Gebieten im Irak und in Syrien. Sollte sich der Trend fortsetzen, könnte das „Geschäftsmodell“ des IS bald zusammenbrechen. Die Studie wird an diesem Samstag auf der Münchner Sicherheitskonferenz vorgestellt.

Der Untersuchung zufolge fielen die IS-Einnahmen von bis zu 1,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014 bis auf höchstens 870 Millionen Dollar im Jahr 2016. Seit ihrem Vormarsch im Irak im Sommer 2014 habe die Terrormiliz einen Großteil ihres Herrschaftsgebiets verloren: mehr als 60 Prozent im Irak und rund 30 Prozent in Syrien.

Dadurch gibt es weniger Menschen, die besteuert werden können. Zudem kontrolliert der IS mittlerweile auch weniger Öl- und Gasquellen. „Je kleiner dieses Gebiet wird, desto kleiner wird der Kontostand der Terroristen“, erklärte EY-Partner Stefan Heißner. Bislang galt der IS unter Fachleuten als die reichste Terrororganisation der Welt.

Die internationale Anti-IS-Koalition

Welche Länder beteiligen sich?

Nachdem der IS sich im Sommer 2014 in Syrien ausbreitete, beschlossen zehn Länder auf einer Nato-Konferenz ein Bündnis gegen die Terrormiliz. Heute gehören mehr als 60 Staaten zu der Allianz, darunter neben den USA auch Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Türkei. Saudi-Arabien und andere arabische Staaten wie Jordanien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar haben sich dem Bündnis ebenfalls angeschlossen.

Quelle: dpa

Wie geht die Allianz vor?

Derzeit bekämpft die Allianz den IS vor allem in Syrien und im Irak, wenngleich sich der IS auch in Libyen festgesetzt hat. Nach eigenen Angaben hat die Koalition mehr als 12.000 Luftangriffe auf IS-Stellungen geflogen. Die USA bilden im Irak Soldaten der Armee und kurdische Kämpfer aus, Deutschland liefert Waffen und Ausrüstung für kurdische Peschmerga und leistet mit sechs Tornado-Flugzeugen Aufklärungsarbeit.

Welche Erfolge gibt es?

Die Dschihadisten sind in Syrien und im Irak massiv unter Druck geraten. Seit Beginn vergangenen Jahres hat der IS mehr als ein Drittel seines „Kalifat“ genannten Herrschaftsgebietes eingebüßt. Vor allem die Kurden haben den Extremisten mit Hilfe internationaler Luftunterstützung im Norden beider Länder große Gebiete abgenommen. Der irakischen Armee gelang es, den IS aus wichtigen Städten wie Ramadi und Falludscha zu vertreiben. Außerdem haben die Luftschläge die Ölinfrastruktur unter IS-Kontrolle stark zerstört, weshalb die Extremisten laut Analysten unter Finanzproblemen leiden. Dennoch beherrscht der IS noch große Gebiete in Syrien und im Irak.

Welche Rolle spielt die Türkei?

Um die Rolle der Türkei gibt es Streit. Die Türkei stellt seit Sommer vergangenen Jahres ihren Luftwaffenstützpunkt Incirlik der Allianz für den Luftkampf gegen den IS bereit. Ankara hilft auch bei der Ausbildung und hat nach eigenen Angaben kurdische Peschmerga bei der Großoffensive auf Mossul mit Artillerie unterstützt. Die Regierung in Bagdad lehnt eine türkische Militärpräsenz im Irak allerdings ab. Die türkische Führung wiederum weigert sich, ihre Soldaten abzuziehen.

Wann ist Mossul befreit?

Das ist schwer zu sagen, zumal die eigentlichen Kämpfe um die Stadt noch nicht begonnen haben. Bei dem Koalitionstreffen in Paris geht es jedoch schon darum, die politischen Weichen für die Zeit nach dem IS in Mossul zu stellen. Das Gesellschaftsgefüge ist fragil in Iraks zweitgrößter Stadt. Während die meisten Iraker Schiiten sind, ist die Mehrheit der Bevölkerung in Mossul sunnitisch wie der IS. Zudem lebten viele Christen dort. Der sunnitische türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan forderte bereits, dass nach dem Ende der Kämpfe keine Schiiten mehr in der Stadt leben sollten.

Die meisten Einnahmen stammen nach der Studie aus Steuern (bis zu 400 Millionen Dollar) und dem Verkauf von Öl (bis zu 250 Millionen Dollar). Besonders stark gingen die Einnahmen aus Plünderungen und Beschlagnahmungen zurück, der anfangs wichtigsten Geldquelle. Habe diese einst bis zu eine Milliarde US-Dollar eingebracht, versiege sie jetzt zusehends, da der IS kaum noch neue Gebiete erobere.

Lösegeldeinnahmen spielen der Studie zufolge nur eine geringe Rolle. Die Einnahmen aus dem Verkauf von antiken Kulturgütern ließen sich nicht beziffern. Für Zuwendungen aus dem Ausland - etwa aus sunnitischen Golfstaaten - fanden die Autoren keine Belege.

Der Einnahmerückgang habe keine unmittelbare Auswirkung auf die Fähigkeit des IS zu Terrorangriffen. Diese seien oft relativ günstig zu finanzieren. „Einer Schätzung französischer Behörden zufolge wurden für die Anschläge vom 13. November 2015 in Paris nicht mehr als 20 000 Euro aufgewendet“, sagte Terrorexperte Peter Neumann vom King's College, einer der vier Autoren der Studie, dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

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Die Autoren rechnen damit, dass die IS-Einnahmen weiter sinken werden. Derzeit laufen im Irak und in Syrien mehrere Offensiven gegen die Terrormiliz. Vor allem der Verlust der nordirakischen Millionenstadt Mossul könnte bedeutend sein, heißt es in der Studie.

Allerdings habe der IS in der Vergangenheit bewiesen, dass er finanzielle und militärische Rückschläge überwinden kann, schreiben die Autoren weiter. So könnte er künftig wieder wie früher auf Erpressung und illegalen Handel setzen. Bei den Zahlen handelt es sich um Schätzungen, wie viel der IS maximal eingenommen haben könnte. Sie stützen sich auf öffentlich zugängliche Quellen, darunter durchgesickerte Dokumente der Miliz.

Von

dpa

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