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14.12.2015

19:54 Uhr

Südafrika in der Krise

Präsident Zuma spielt „russisches Roulette“

Südafrikas Präsident Jacob Zuma hat seinen Finanzminister entlassen und sein Land damit in eine Krise gestürzt. Es geht um russische Atomkraftwerke, eine strauchelnde Fluggesellschaft und ein uneheliches Kind.

Er überraschte das Land und die Finanzmärkte am Mittwochabend mit der Mitteilung, dass Finanzminister Nhlanhla Nene von seinem Amt entbunden sei. dpa

Jacob Zuma

Er überraschte das Land und die Finanzmärkte am Mittwochabend mit der Mitteilung, dass Finanzminister Nhlanhla Nene von seinem Amt entbunden sei.

JohannesburgDer Befreiungsschlag ist gründlich misslungen. Jetzt gilt Südafrikas Präsident Jacob Zuma als angezählt. Er feuerte seinen kritischen, aber international respektierten Finanzminister, um stattdessen einen biegsamen, aber unerfahrenen Günstling einzusetzen. Doch der Aktienmarkt brach ein und die Währung sackte ab.

Unter medialem Dauerfeuer musste Zuma vier Tage später die Kehrtwende einleiten. Mit der Ernennung von Pravin Gordhan hat das Land nun den dritten Finanzminister innerhalb einer Woche.

Die Arbeitslosenrate in Südafrika, der zweitgrößten Volkswirtschaft des Kontinents, liegt offiziell bei über 25 Prozent. Die Wirtschaft wächst kaum, doch der Präsident schien zuletzt mehr damit beschäftigt, Günstlinge an guten Stellen zu platzieren und Korruptionsvorwürfe abzuwehren. „Die Macht hat ihn korrumpiert“, sagt der südafrikanische Analyst Max du Preez.

Die Minister-Rochade habe deutlich gemacht, dass er die Regierungsgeschäfte nicht mehr im Griff habe. „Noch nie stand er so unter Druck.“

Südafrika – Land der Gegensätze

Die Regenbogennation...

... wird Südafrika genannt, weil das Land mit seinen gut 50 Millionen Einwohnern ethnisch sehr gemischt ist. Das führt und führte immer wieder zu Konflikten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, etwa zwischen der nichteuropäischen Mehrheitsbevölkerung und den europäischstämmigen, meist weißen Einwanderern.

Der Wirtschaftsmotor...

... des gesamten afrikanischen Kontinents ist Südafrika. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 400 Milliarden US-Dollar ist das Land die größte Volkswirtschaft Afrikas und gehört der G8+5 an. Die Staatsverschuldung lag 2012 bei 43,3 Prozent des BIP – also vergleichsweise niedrig, die Inflationsrate betrug fünf bis sechs Prozent.

Die Kehrseite der Medaille...

... sind noch immer massive Unterschiede beim Wohlstand. Der Gini-Koeffizient als Maß für das Ungleichgewicht bei Einkommen und Konsum gehören jeweils zu den höchsten weltweit. Die Arbeitslosigkeit liegt weit über 20 Prozent. Noch immer sind Schwarze, wenn auch nicht mehr rechtlich, benachteiligt. Die Armutsquote steigt. Viele Fachkräfte, insbesondere Ärzte und Ingenieure, wandern aus.

Die Apartheid...

... hat die Nation an der Südspitze Afrikas massiv geprägt. Eingeführt wurde sie nach ihrem Wahlsieg 1948 von der National Party, der Partei der meist niederländischstämmigen Buren. Die massive Diskriminierung, Benachteiligung und Herabwürdigung der schwarzen Bevökerung existierte bis 1990. Nach mehr als 40 Jahren meist friedlichem Kampf der benachteiligten Bevölkerungsmehrheit unter politischen Führern wie Nelson Mandela brach das System schließlich zusammen.

Das Ende des autoritär geführten Systems...

... mündete 1994 in die ersten Parlamentswahlen mit einem gleichen Wahlrecht für alle Bürger und veränderten das politische Leben im Land grundlegend. Nelson Mandela wurde am 27. April 1994 zum zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt. Er starb 2013.

Die Weißen...

... machen nur knapp neun Prozent der Bevölkerung aus, die hauptsächlich sind es Nachfahren niederländischer, deutscher, französischer und britischer Einwanderer sind, die ab Mitte des 17. Jahrhunderts nach Südafrika immigrierten. Die Zahl der europäischstämmigen Bevölkerung nimmt sinkt kontinuierlich. Fast eine Million Weiße haben seit den 90er-Jahren haben das Land verlassen.

Die Schwarzen...

... stellen knapp 80 Prozent der gesamten Bevölkerung und teilen sich in verschiedene Volksgruppen auf, etwa die Zulu, Xhosa, Basotho, Venda, Tswana, Tsonga, Swazi und Ndebele.

Knapp neun Prozent...

... machen die sogenannten Coloureds (Farbige) aus. Sie sind meist die Nachkommen der ersten europäischen Siedler, deren Sklaven und der ursprünglich in Südafrika lebenden Völker, zu einem kleineren Teil auch von eingewanderten Asiaten.

Asiaten...

... machen 2,5 Prozent der Bevölkerung aus. Der Großteil kommt ursprünglich aus Indien und ist Mitte des 19. Jahrhunderts ins Land geholt worden, um auf den Zuckerrohrfeldern zu arbeiten.

Viele Beobachter erwarten, dass der mit absoluter Mehrheit regierende ANC Zuma früher oder später absetzen wird, um einer Abstrafung durch die Wähler zu entgehen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Zuma als Präsident überlebt“, sagt Analyst Dawie Roodt. Die Opposition forderte umgehend Zumas Rücktritt. Bantu Holomisa, ein früheres ANC-Mitglied, sagte, Zuma sei offenbar im Panikmodus. „Es ist offensichtlich, dass Präsident Zuma die Kontrolle verloren hat.“

Zuma (73) überraschte das Land und die Finanzmärkte am Mittwochabend mit der Mitteilung, dass Finanzminister Nhlanhla Nene von seinem Amt entbunden sei. An seiner Stelle setzte er David Van Rooyen ein, einen weitgehend unbekannten Parlamentarier, der vor Jahren mal Bürgermeister einer Kleinstadt war.

Die Landeswährung, der Rand, brach umgehend ein. Wegen der schwachen Konjunktur und der erwarteten Zinserhöhung durch die US-Zentralbank hat die Währung damit seit Jahresbeginn zeitweise bereits ein Drittel ihres Werts verloren. Wegen rasant steigender Kosten des Schuldendienstes warnten Analysten, Südafrika würde vielleicht bald Hilfe vom Internationalen Währungsfonds brauchen.

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