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18.04.2015

17:48 Uhr

Südafrika

Kap der Angst

VonWolfgang Drechsler

Wie die Tiere jagen schwarze Südafrikaner tagelang Einwanderer aus anderen Teilen des Kontinents quer durch Durban. Der Hass geht von denen aus, die einst selbst unterdrückt wurden. Politiker befeuern den Rassismus.

Wie Tiere jagten schwarze Südafrikaner tagelang Immigranten aus anderen Teilen des Kontinents.

Wildgeworden

Wie Tiere jagten schwarze Südafrikaner tagelang Immigranten aus anderen Teilen des Kontinents.

KapstadtMit der Küstenmetropole Durban verbinden Südafrikaner für gewöhnlich Palmen, Strände und ein ständig warmes Meer. Zumal es hier selbst im Winter, wenn es beim touristischen Rivalen Kapstadt am anderen Ende des Landes, stürmt und regnet, zumeist sonnig und mild ist. Umso größer ist der Schock im Land über das, was sich zuletzt in der Innenstadt der Ferienmetropole, aber auch anderen Teilen der angrenzenden Küstenprovinz KwaZulu-Natal ereignet hat: Wie Tiere jagten hier schwarze Südafrikaner tagelang Immigranten aus anderen Teilen des Kontinents.

Das Muster war dabei oft das gleiche: Sobald der Mob im Besitzer eines der kleinen Läden im Herzen von Durban einen Zuzügler aus Afrika ausmachte, wurde der Shop geplündert und oft gleich zusammen mit seinem Besitzer in Brand gesteckt. Mindestens sechs schwarze Zuwanderer wurden dabei bislang ermordet, darunter ein Äthiopier, der in seinem kleinen Ladencontainer bei lebendigem Leibe verbrannte.

Auch der Fremdenverkehr leidet. „Viele Touristen erkundigen sich bestürzt, ob die Gewalt nahe ihrer Unterkunft tobt“, berichtet der Manager eines bekannten Strandhotels. Viele hätten im letzten Moment ihre Buchung storniert. Schon in drei Wochen soll in Durban Südafrikas prestigeträchtige Tourismusmesse „Indaba“ stattfinden, zu der Hunderte von Reiseagenten aus aller Welt erwartet werden.

Südafrika – Land der Gegensätze

Die Regenbogennation...

... wird Südafrika genannt, weil das Land mit seinen gut 50 Millionen Einwohnern ethnisch sehr gemischt ist. Das führt und führte immer wieder zu Konflikten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, etwa zwischen der nichteuropäischen Mehrheitsbevölkerung und den europäischstämmigen, meist weißen Einwanderern.

Der Wirtschaftsmotor...

... des gesamten afrikanischen Kontinents ist Südafrika. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 400 Milliarden US-Dollar ist das Land die größte Volkswirtschaft Afrikas und gehört der G8+5 an. Die Staatsverschuldung lag 2012 bei 43,3 Prozent des BIP – also vergleichsweise niedrig, die Inflationsrate betrug fünf bis sechs Prozent.

Die Kehrseite der Medaille...

... sind noch immer massive Unterschiede beim Wohlstand. Der Gini-Koeffizient als Maß für das Ungleichgewicht bei Einkommen und Konsum gehören jeweils zu den höchsten weltweit. Die Arbeitslosigkeit liegt weit über 20 Prozent. Noch immer sind Schwarze, wenn auch nicht mehr rechtlich, benachteiligt. Die Armutsquote steigt. Viele Fachkräfte, insbesondere Ärzte und Ingenieure, wandern aus.

Die Apartheid...

... hat die Nation an der Südspitze Afrikas massiv geprägt. Eingeführt wurde sie nach ihrem Wahlsieg 1948 von der National Party, der Partei der meist niederländischstämmigen Buren. Die massive Diskriminierung, Benachteiligung und Herabwürdigung der schwarzen Bevökerung existierte bis 1990. Nach mehr als 40 Jahren meist friedlichem Kampf der benachteiligten Bevölkerungsmehrheit unter politischen Führern wie Nelson Mandela brach das System schließlich zusammen.

Das Ende des autoritär geführten Systems...

... mündete 1994 in die ersten Parlamentswahlen mit einem gleichen Wahlrecht für alle Bürger und veränderten das politische Leben im Land grundlegend. Nelson Mandela wurde am 27. April 1994 zum zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt. Er starb 2013.

Die Weißen...

... machen nur knapp neun Prozent der Bevölkerung aus, die hauptsächlich sind es Nachfahren niederländischer, deutscher, französischer und britischer Einwanderer sind, die ab Mitte des 17. Jahrhunderts nach Südafrika immigrierten. Die Zahl der europäischstämmigen Bevölkerung nimmt sinkt kontinuierlich. Fast eine Million Weiße haben seit den 90er-Jahren haben das Land verlassen.

Die Schwarzen...

... stellen knapp 80 Prozent der gesamten Bevölkerung und teilen sich in verschiedene Volksgruppen auf, etwa die Zulu, Xhosa, Basotho, Venda, Tswana, Tsonga, Swazi und Ndebele.

Knapp neun Prozent...

... machen die sogenannten Coloureds (Farbige) aus. Sie sind meist die Nachkommen der ersten europäischen Siedler, deren Sklaven und der ursprünglich in Südafrika lebenden Völker, zu einem kleineren Teil auch von eingewanderten Asiaten.

Asiaten...

... machen 2,5 Prozent der Bevölkerung aus. Der Großteil kommt ursprünglich aus Indien und ist Mitte des 19. Jahrhunderts ins Land geholt worden, um auf den Zuckerrohrfeldern zu arbeiten.

Inzwischen haben rund eintausend schwarze Immigranten, vorwiegend aus Malawi, Somalia und dem Kongo, voller Angst in Polizeistationen und einigen provisorisch errichteten Zeltlagern Zuflucht gesucht. Zurück in ihre geplünderten Behausungen wollen und können sie nicht. „Lieber zurück in die Hölle der Heimat als das hier“, sagt ein Immigrant entgeistert. Neben Malawi will nun auch Somalia die eigenen Landsleute so schnell wie möglich nach Hause bringen. Yusuf Olusu, Handelsattaché der somalischen Botschaft in Johannesburg, bezeichnete sein vom Bürgerkrieg ruiniertes Land sogar als „sicherer als Südafrika“.

Auslöser der jüngsten Pogrome war offenbar eine Äußerung des Zulukönigs Goodwill Zwelithini. Der von seinen Anhängern verehrte Monarch hatte vor drei Wochen in einer Rede die südafrikanische Regierung ausdrücklich zum Rauswurf der Ausländer gedrängt. Obwohl Zwelithini dies nun heftig bestreitet, sagte er, wie ein Video deutlich belegt, damals wörtlich: „Wir wollen, dass Ausländer ihre Sachen packen und nach Hause gehen.“ Als wenig hilfreich erwies sich, dass ausgerechnet Edward Zuma, der Sohn des südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma, dem Zulukönig wenig später beipflichtete, als er in einem Radiointerview davor warnte, dass Südafrika auf einer Zeitbombe säße und Ausländer das Land übernehmen wollten.

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