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26.01.2005

07:01 Uhr

Südamerikanische Kandidaten blockieren sich gegenseitig

Lamy kämpft um WTO-Topjob

VonJan Dirk Herbermann (Handelsblatt)

Der Kampf um einen der wichtigsten Jobs der globalen Wirtschaft ist eröffnet: Bei der Welthandelsorganisation (WTO) steigen am Mittwoch vier Kandidaten für den Posten des WTO-Generaldirektors in den Ring. Prominentester Bewerber ist der ehemalige EU-Handelskommissar Pascal Lamy. Im Allgemeinen WTO-Rat müssen die Konkurrenten Rede und Antwort stehen. Die Hearings vor dem WTO-Entscheidungsgremium läuten den Ausleseprozess ein, der Ende Mai mit der Nominierung des neuen WTO-Bosses enden soll.

GENF. Egal wer gewinnt und am 1. September im Chefsessel Platz nimmt, auf den Sieger wartet viel Arbeit: „Er muss helfen, die aktuelle Welthandelsrunde erfolgreich zu Ende zu bringen“, sagt der Zürcher WTO-Experte Richard Senti. Zudem werden die Rufe nach einer Reform der schwerfälligen WTO immer lauter.

Ausgerechnet Pascal Lamy geißelte die WTO als „mittelalterliche“ Organisation. Doch trotz der Kritik geben Unterhändler dem Franzosen im Rennen um den Topjob sehr gute Chancen. „Lamy kennt die WTO aus seiner Brüsseler Zeit hervorragend und die WTO-Mitglieder kennen ihn“, erklärt ein Diplomat eines EU-Landes. Auch unterhält Lamy, der seit seiner Rückkehr aus Brüssel in den französischen Staatsdienst keine Aufgabe hat, einen guten Draht nach Washington. Zusammen mit dem damaligen US-Handelsbeauftragten Robert Zoellick trieb Lamy den Start der aktuellen Welthandelsrunde voran. Die exzellente Beziehung der beiden ließ auch so manchen Handels-Konflikt zwischen den WTO-Supermächten USA und EU nicht total außer Kontrolle geraten. „Lamy tritt nicht an, wenn Washington gegen ihn ist“, betont ein Unterhändler.

Einziger gewichtiger Nachteil Lamys bleibt seine Herkunft. Bis Ende der 90er Jahre kamen alle Chefs der WTO und der Vorgängerorganisation Gatt aus Europa. Der Neuseeländer Mike Moore galt trotz seiner südpazifischen Heimat als Mann des Westens. Erst mit dem Thai Supachai Panitchpakdi stieg 2002 der erste Vertreter eines Entwicklungslandes in der globalen Handels-Hierarchie ganz nach oben. „Natürlich haben die Entwicklungsländer in der WTO enormes Gewicht“, sagt der WTO-Botschafter Bangladeschs, Toufiq Ali. „Mehr als 100 der 148 Mitglieder sind schließlich Entwicklungsländer.“

Doch konnten sich die einkommensschwachen Staaten nicht auf einen Bewerber einigen. Schlimmer noch: Zwei Südamerikaner blockieren sich gegenseitig: Carlos Perez del Castillo aus Uruguay und der Brasilianer Luiz Felipe de Seixas Correa. „Die Brasilianer haben mit Uruguay noch Rechnungen offen“, erklärt ein Beobachter. Der Streit entzündete sich vor der gescheiterten WTO-Ministerkonferenz von Cancun 2003.

Damals war Perez del Castillo Vorsitzender des Allgemeinen WTO-Rats. Seine Vorarbeit für Cancun missfiel dem großen Nachbarn Brasilien. Als unter Federführung Brasilias sich dann die wichtigsten Entwicklungsländer der WTO zur Interessengruppe G20 zusammenschlossen, zeigte Montevideo dem neuen Bund die kalte Schulter. Immerhin, fachlich werden beiden Latinos beste Zeugnisse ausgestellt, jeder hat Erfahrungen als WTO-Botschafter seines Landes.

Könnte aus dem Streit Uruguay-Brasilien am Ende der Bewerber aus Mauritius, Jaya Krishna Cuttaree, als lachender Dritter hervorgehen? Das bezeichnen Unterhändler als eher unwahrscheinlich. Zwar versichern offiziell die Länder der Afrikanisch-, Karibisch- und Pazifischen Gruppe (AKP) dem Außen- und Handelsminister des Eilands ihre Hilfe. Der Mann aus dem Indischen Ozean sei „hervorragend geeignet und verdiene die Unterstützung aller WTO-Staaten“, schreibt der Ministerrat der AKP. Nur: Ob sich die 56 AKP-Staaten, die gleichzeitig Mitglied der WTO sind, wirklich an ihr Versprechen halten, ist zweifelhaft. Schließlich bringt sein kleines Heimatland zu wenig Gewicht auf die Waage. Im komplexen System des Gebens und Nehmens der WTO haben die Insulaner zu wenig zu bieten. Laut Fahrplan sollen die WTO-Mitglieder den neuen Chef im Konsens bestimmen; notfalls könnte in Genf auch eine Wahl stattfinden.

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