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09.01.2016

11:26 Uhr

Südkorea

Mit Propagandabeschallung gegen den Feind

Der Süden berieselt Nordkorea wieder mit Kritik an Kim, Atomtests und Menschenrechtsverletzungen. Das ist jedoch nicht das einzige, das aus den Lautsprechern an der Grenze dudelt.

Südkorea setzt wieder einmal seine spezielle Waffe ein. dpa

Südkorea

Südkorea setzt wieder einmal seine spezielle Waffe ein.

SeoulSüdkorea setzt wieder einmal seine spezielle Waffe ein: Mit an der Grenze postierten Lautsprechern nervt es seinen Erzrivalen im Norden mit Propagandabeschallung. In den Übertragungen wird die Herrscherfamilie Kim ebenso kritisiert wie das Atomprogramm, die wackelnde Wirtschaft und die Menschenrechtslage in Nordkorea. Seoul nutzt für seine Provokationen aber aber auch eine hausgemachte, eigene kulturelle Leistung: koreanische Popmusik, kurz K-Pop genannt.

Auf der Playlist Seouls stehen Lieder von Künstlern, die sich mit eher fragwürdigen Aktionen einen Namen gemacht haben. Darunter wäre eine weibliche K-Popgruppe, die berühmt dadurch wurde, dass ihre Mitglieder reihenweise bei einem Auftritt von der Bühne fielen, aber auch ein Sänger mittleren Alters, der vergangenes Jahr bekanntwurde, weil er ein Lied über den Wunsch sang, 100 Jahre lang zu leben. Manche Lieder, etwa diejenigen der Band Big Bang oder von Apink, sind bei Youtube mehrere Zehnmillionen Mal angeschaut worden.

Die Beschallung an der Grenze ist eine südkoreanische Vergeltung für den vom Norden behaupteten Atomtest. Pjöngjang hatte bekanntgegeben, man habe am Mittwoch erfolgreich eine „miniaturisierte“ Wasserstoffbombe getestet.

Südkorea benutzt die Propaganda, um sich seines demokratischen Systems und seiner Kultur zu rühmen. Aber auch ein wenig seichte Musik schadet nicht, scheint sich die politische Führung in Seoul sicher zu sein. Das südkoreanische Verteidigungsministerium erklärte, K-Popsongs würden das Interesse der Nordkoreaner wecken.

Pjöngjangs Weg zur Wasserstoffbombe

2002

Oktober: Washington wirf Pjöngjang vor, insgeheim waffenfähiges Uran zu produzieren und damit gegen das atomare Abrüstungsabkommen von 1994 zu verstoßen.
Dezember: Nordkorea enthüllt seinen Reaktor Yongbyon, in dem Plutonium hergestellt wird, und wirft die Inspekteure der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA aus dem Land.

2003

Januar: Der kommunistische Staat kündigt den Atomwaffensperrvertrag auf.
August: Die sogenannte Sechsergruppe aus Nord- und Südkorea, den USA, China, Russland und Japan trifft sich zu ersten Verhandlungen über den Atomkonflikt.
Oktober: Die UNO verhängt Wirtschafts- und Handelssanktionen gegen Nordkorea.

2005

Februar: Pjöngjang verkündet, Atomwaffen zu Verteidigungszwecken gebaut zu haben.
September: Pjöngjang akzeptiert den Stopp seines Atomprogramms und die Rückkehr zum Atomwaffensperrvertrag, bekommt im Gegenzug Sicherheitsgarantien und die Zusage von Energielieferungen.
November: Eine weitere Verhandlungsrunde scheitert am Widerstand der USA, eingefrorene Konten Nordkoreas in Macau freizugeben.

2006

Oktober: Erster nordkoreanischer Atomwaffentest

2007

Februar: Pjöngjang verspricht ein Mal mehr die Aufgabe seines Atomwaffenprogramms und will wieder IAEA-Inspekteure ins Land lassen - im Gegenzug für eine Million Tonnen Treibstoff und die Streichung von der US-Liste der Terror-Staaten.
Juni und Juli: Die Treibstofflieferungen werden aufgenommen, die IAEA-Kontrolleure bescheinigen Pjöngjang, den Reaktorkomplex in Yongbyon dichtgemacht zu haben.
Oktober: Der kommunistische Staat verspricht, sein komplettes Atomprogramm bis Ende des Jahres zurückzufahren.

2009

April: Nordkorea testet eine Langstreckenrakete. Der UN-Sicherheitsrat verschärft daraufhin die Sanktionen. Pjöngjang verlässt die Sechsergruppe, verkündete die Wiederaufnahme seines Atomprogramms und beendet die Zusammenarbeit mit der IAEA.
Mai: Nordkorea verkündet einen zweiten „erfolgreichen“ unterirdischen Atomwaffentest.

2013

Januar: Nach einem weiteren Raketentest verschärft die UNO ein weiteres Mal die Sanktionen.

Februar: Dritter Atomwaffentest, diesmal mit einem Mini-Sprengsatz.

August: Einem Satellitenfoto zufolge hat Nordkorea nach sechs Jahren seine Atomanlage Yongbyon wieder hochgefahren, die wichtigste Quelle für waffenfähiges Plutonium.

2015

Mai: Pjöngjang verkündet die Fähigkeit, Mini-Atomwaffen zu produzieren, eine entscheidende Etappe auf dem Weg zu Atomsprengköpfen für Raketen.
Dezember: Machthaber Kim Jong Un lässt durchblicken, sein Land habe eine Wasserstoffbombe entwickelt.

2016

Januar: Pjöngjang verkündet einen ersten Test mit einer Wasserstoffbombe.

Wie in anderen Kulturen manchmal auch, haben auch die koreanischen Songs teils zweifelhafte Botschaften. Ein Lied von Lee Ae Ran, dessen Titel so viel bedeutet wie „100 Jahre Leben“, handelt vom Tod und einem Gott der Unterwelt. In den Strophen erzählt Lee, dass es eigentlich noch nicht Zeit sei, um dem Leben Lebewohl zu sagen. Der Song wurde sowohl bei jungen als auch älteren Hörern so populär, dass auf KakaoTalk, einer Art südkoreanischem WhatsApp-Pendant, eigene Emoticons und animierte Bilder dafür entwickelt wurden. Online-Parodien des Stückes gibt es zuhauf.

Über die demilitarisierte Zone hallen nun auch die Rhythmen der Mädchenband GFriend. „Me gustas Tu“ handelt schlichtweg von einem jungen, schüchternen Mädchen, das allen Mut zusammennimmt, um einen Jungen um ein Date zu fragen. Die Gruppe ist zum einen für eingängige Popmusik und Tanzeinlagen bekannt. So richtig berühmt wurde sie aber erst, als ein Fan vergangenes Jahr ein Video auf Youtube hochlud. Darin ist zu sehen, wie die Mitglieder der Band nacheinander von einer rutschigen Bühne fallen. Neun Millionen Menschen haben sich das Video in den vergangenen vier Monaten angeschaut.

Es ist nicht das erste Mal, dass Musik als Waffe gegen einen Feind eingesetzt wird. Als die USA 1989 in Panama einfielen, um De-Facto-Machthaber Manuel Noriega zu stürzen, spielten die US-Kräfte laute Rockmusik vor der vatikanischen Botschaft, in die sich Noriega geflüchtet hatte. Damit wollten sie ihn zum Aufgeben bringen.

Nordkoreanern ist es eigentlich untersagt, K-Pop zu hören. Nur staatlich kontrollierte Radiostationen und Fernsehsender sind in dem abgeschotteten Land erlaubt. Exilanten berichten jedoch davon, dass südkoreanische Musik in ihrem Heimatland sehr beliebt ist. Sie wird demnach auf USB-Sticks und DVDs ins Land geschmuggelt.

Von

dpa

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