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08.03.2013

12:38 Uhr

Südkorea

Wirtschaft lässt Nordkoreas Drohung kalt

VonJakob Struller

Die deutschen Unternehmer in Südkorea reagieren verhältnismäßig gelassen auf Nordkoreas Aggressionen. Der Konflikt gehört zum Alltag. Einen Notfallplan bei einer weiteren Eskalation haben die Unternehmen jedoch nicht.

Aussichtspunkt für Touristen: Der Konflikt gehört schon zum Alltag. AP/dpa

Aussichtspunkt für Touristen: Der Konflikt gehört schon zum Alltag.

DüsseldorfNordkorea hat den Nichtangriffspakt mit dem Seoul aufgekündigt, Südkorea antwortet in scharfem Ton und die deutschen Unternehmer im Krisengebiet? Die nehmen die Drohungen aus Pjöngjang verhältnismäßig gelassen auf. Man gewöhne sich mit der Zeit an den Konflikt, sagt Friedrich Stockinger, Präsident der Auslandshandelskammer in Südkorea am Freitag im Gespräch mit Handelsblatt Online. Stockinger ist Geschäftsführer eines Maschinenbaukonzerns in Korea. „Diese Drohung kommt in unserem Alltagsleben ähnlich an wie frühere Ankündigungen“, sagte er. „Das wird hier überwiegend weniger konkret wahrgenommen als es im Ausland meist der Fall ist.“

Die Kurse des südkoreanischen Won und der Staatsanleihen fielen am Freitag leicht, Analysten führen das auf den möglicherweise drohenden Konflikt zurück. „Das ist die einzige unmittelbare Auswirkung, die wir feststellen können“, sagte Stockinger. Die Sprünge von weniger als einem halben Prozent bewertet er aber nicht als dramatisch. „Ansonsten ist das hier eher ein generelles Phänomen, dass wir mit einer latenten Risikosituation leben.“ Völlige Gleichgültigkeit stelle sich bei aller Gewöhnung aber trotzdem nicht ein, betont er.

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Schließlich seien die jüngsten Drohungen durchaus von neuer Qualität. "Ob sich der Konflikt politisch lösen lässt und wieder untergeht oder ob man sich doch auf eine stark veränderte Situation einstellen muss, lässt sich auch heute nicht beurteilen", sagt Stockinger. Auf eine wirkliche Eskalation stelle man sich derzeit nicht ein: „Ich glaube, niemand wäre darauf wirklich vorbereitet.“ Er kenne jedenfalls keinen konkreten Plan, wie man sich im Falle einer Zuspitzung verhalten würde.

Nordkorea hatte den USA am Donnerstag einen nuklearen Erstschlag angedroht. Nachdem der Uno-Sicherheitsrat wie vermutet die Sanktionen gegen das Regime verschärft hatte, kündigte Pjöngjang auch den Nichtangriffspakt mit Südkorea und kappte die ständige Kommunikationsleitung. Die Regierung in Seoul reagierte scharf auf die Drohung. Das Regime von Machthaber Kim Jong Un werde zugrunde gehen, sollte es Südkorea mit Atombomben angreifen, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Chronologie: Nordkorea und seine Atombomben

1989

Ein US-Spionagesatellit macht erste Aufnahmen der nordkoreanischen Atomanlage Yongbyon.

1994

Pjöngjang legt den Atomreaktor im Rahmen eines Abkommens mit den USA still und erhält dafür Zusagen für den Bau zweier Leichtwasserreaktoren.

1998

Abschuss einer nordkoreanischen Langstreckenrakete vom Typ Taepodong-1.

2002

US-Präsident George W. Bush erklärt Nordkorea im Januar zu einem Teil der "Achse des Bösen". Im Dezember reaktiviert Pjöngjang den Atomreaktor Yongbyon und weist Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) aus.

2003

Nordkorea kündigt im Januar den Atomwaffensperrvertrag auf. Im August beginnen Sechs-Nationen-Gespräche zur Beendigung des nordkoreanischen Atomprogramms mit Nord- und Südkorea, China, USA, Japan und Russland.

2005

Nordkorea gibt im Februar bekannt, Atomwaffen zur Selbstverteidigung hergestellt zu haben.

2006

Nordkorea nimmt am 9. Oktober den ersten Atombomben-Test vor. Der UN-Sicherheitsrat beschließt Sanktionen.

2007

Nordkorea erklärt sich im Februar bereit, die Anlage in Yongbyon abzuschalten und Atominspektoren wieder ins Land zu lassen. Im Juli erklärt die IAEA, Yongbyon sei geschlossen.

2009

Im April startet Nordkorea eine Langstreckenrakete mit tausenden Kilometern Reichweite. Die Regierung in Pjöngjang zieht sich aus den Sechs-Parteien-Gesprächen zurück und kündigt die Wiederaufnahme des Atomprogramms an. Am 24. Mai nimmt Nordkorea einen zweiten Atombombentest vor. Am 12. Juni werden die UN-Sanktionen verschärft.

2011

Nach dem Tod des langjährigen nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il am 17. Dezember kommt sein jüngster Sohn Kim Jong Un an die Macht.

2012

Nach einem fehlgeschlagenen Test der Rakete Unha-3 im April gelingt ein zweiter Abschuss des Raketentyps im Dezember.

2013

Der UN-Sicherheitsrat verschärft am 22. Januar die Sanktionen erneut, zwei Tage später kündigt die Führung in Pjöngjang einen neuen Atomtest an. Am 12. Februar vollzieht Nordkorea nach eigenen Angaben "erfolgreich" einen unterirdischen Atomtest.

2014

In seiner Neujahrsansprache kündigt Diktator Kim Jong-Un gegenüber den USA eine „massive nukleare Katastrophe“ an, sollte auf der koreanischen Halbinsel ein Krieg ausbrechen. Im September veröffentlicht die IAEA einen Bericht, wonach der Atomreaktor Nyongbyon wieder in Betrieb sei, und belegt dies mit Satellitenbildern.

2015

Im Januar bietet Kim Jong-Un an, das Atomwaffenprogramm Nordkoreas aufzugeben, wenn die USA auf gemeinsame Militärmanöver mit Südkorea verzichten. Im Mai verbreitet Pjöngjang, dass Nordkorea inzwischen auch Langstreckenraketen mit entsprechend miniaturisierten Nuklearwaffen ausrüsten zu können – eine offene Drohung in Richtung USA.

2016

Gleich zu Beginn des Jahres gibt Nordkorea bekannt, erstmals erfolgreich den Einsatz einer Wasserstoff-Bombe getestet zu haben. Chinesische und US-amerikanische Behörden bezweifeln die Behauptung aufgrund seismischer Signale in der Nähe des Testgeländes, die eher auf die Explosion einer Spaltbombe hindeuten. Einen Monat später führt Pjöngjang einen Raketentest durch: Am 7. Februar startet eine Unha-3-Trägerrakete und bringt einen Satelliten in die Erdumlaufbahn. Die USA, Südkorea und Japan werten den Start jedoch als Test einer atomar bestückbaren Langstreckenrakete – und erlassen erneut Sanktionen gegen Nordkorea.

Auch die USA wiesen die Atombomben-Drohungen des kommunistischen Landes zurück. „Die USA sind voll und ganz in der Lage, sich gegen nordkoreanische Raketendrohungen zu verteidigen“, sagten die Sprecher von Weißem Haus und Außenministerium am Donnerstag in Washington wortgleich.  China unterdessen rief alle beteiligten Seiten auf, Ruhe zu bewahren. In Peking sei man angesichts der Entwicklungen „besorgt“, sagte eine Sprecherin.

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Einen tatsächlichen Angriff Nordkoreas mit Atomwaffen halten Experten für höchst unwahrscheinlich. Im Interview mit Handelsblatt Online sagte Asien-Expertin Alexandra Sakaki: „Eine tatsächliche Attacke auf Washington, wie angedroht, ist für Nordkorea höchst unwahrscheinlich beziehungsweise sogar unmöglich. Das Regime ist noch Jahre davon entfernt, Raketen mit Atomsprengköpfen zu besitzen, die tatsächlich die USA erreichen können.“

Dass es dennoch zu Zwischenfällen zwischen Nord- und Südkorea kommen könnte, schloss die Wissenschaftlerin jedoch nicht aus. Die Vergangenheit habe jedoch gezeigt, dass Nordkorea zwar gerne mit den Säbeln rasselt, es dann aber doch nicht zu einem Krieg kommen lasse.

Mit Agenturmaterial

Kommentare (2)

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Unbekannt

08.03.2013, 14:00 Uhr

Mal wieder viel heiße Luft vom neuen Machthaber, der sich erst noch den 'Respekt' der eigenen Nomenklatura erarbeiten muss, um die Fußstapfen von seinem Papi und Opi aus zu füllen. Wird jetzt halt n bissle schwieriger das eigene dolce vita mit Luxusgütern weiter zu führen. Aber da findet sich bestimmt auch ein Schmugglerweg, diese Sanktionen zu umgehen. Alles im allen nichts neues. Das übliche Säbelrasseln eben, um seine eigene Wenigkeit mal wieder ins 'rechte Licht' zu rücken.

hanji

12.03.2013, 17:26 Uhr

Gut, dass Handelsblatt mal die Stimmung bei denen beschreibt, die nahe am Geschehen sind: Die Südkoreaner und die Ausländer, die dort leben. Man kennt die Drohungen aus dem Norden seit Jahrzehnten. Nur dass diese anders als vor 10-20 Jahren nicht mehr bedrohlich sind. Die Armut des Landes und die Kraftlosigkeit der sogenannten "Armee" sind im Süden wohl bekannt. Wenn wir Westdeutschen uns über den 100-fachen atomaren Overkill nie aufgeregt haben, der ganz real und echt auf uns bis 1989 gerichtet war, warum sollten sich die Südkoreaner über die Zornesausbrüche und substanzlosen Drohungen eines benachbarten Armenhauses aufregen, von dem nicht einmal bewiesen ist, dass die getesteten Bomben nuklear waren: Es gab weder jetzt noch 2006 noch 2009 auch nur den geringsten radioaktiven Fallout; sehr verdächtig ...

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