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27.01.2013

15:09 Uhr

Südserbien

Im Armenhaus Europas blüht nur der Nationalismus

In Südserbien brodelt es wieder: Die örtliche albanische Bevölkerungsmehrheit und die serbische Regierung sind auf Konfrontationskurs. Beide Seiten drohen mit Gewalt. Die Situation droht zu eskalieren.

Die albanische Volksgruppe protestiert gegen die Entfernung eines Denkmals. AFP

Die albanische Volksgruppe protestiert gegen die Entfernung eines Denkmals.

PresevoDie Atmosphäre macht depressiv. Im Winter versinken große Teile der Gemeinden und Dörfer in Südserbien wegen mangelnder Infrastruktur im Matsch und Dreck. Die Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand. Löcher in Kratergröße lauern. Überall halbfertig gebaute Häuser. Die meisten Bauherren sind augenscheinlich ohne Statiker ausgekommen. Weil Geld knapp ist, verzichten sie in der Regel auf jede Außenfassade. Die nackten Ziegel sind eine Dauerlösung. Auf vielen ärmlichen Bauernhöfen stehen Gebäude, die mit traditionellen Lehmziegeln zusammengeschustert sind - nicht nur für das Vieh.

Von den 120 000 Einwohnern rund um die Gemeinden Presevo, Bujanovac und Medvedja im Süden Serbiens sind geschätzte 80 000 Albaner. So genau weiß man das nicht, weil die Albaner die letzte Volkszählung vor zwei Jahren boykottiert hatten. Für alle Menschen ist die Lage mies. Arbeit gibt es nicht, rund drei Viertel der Erwerbstätigen sind arbeitslos. Viele haben als Gastarbeiter die Flucht nach Deutschland, Österreich oder die Schweiz angetreten.

Einige haben vergeblich ihr Glück als Asylbewerber versucht. Lendija Tahipi ist eine von ihnen und gleichzeitig ein ganz normales Beispiel für die vielen traurigen Schicksale. Die heute 43-Jährige wusste nach dem Bürgerkrieg zwischen Albanern und Serben 2000 und 2001 nicht mehr ein noch aus. Ihr Mann konnte als prominenter albanischer Aufständischer nicht nach Serbien zurückkehren, weil er auf der Fahndungsliste stand. Er setzte sich ab, gründete irgendwo eine neue Familie. Zurück in Presevo blieben seine Frau und die drei Töchter, die heute 13, 14 und 16 Jahre alt sind.

Im Februar 2011 wurde die unvollständige Tahipi-Familie nach zwei Jahren Asylverfahren schließlich aus Belgien abgeschoben. Sie fiel ins Nichts. Glücklicherweise konnten die Frauen beim Verwandten Imran Sherifi unterschlüpfen. Der 32-jährige wohnt aber schon selbst mit drei Kindern und seiner Mutter in dem kleinen Haus. Niemand hat Arbeit. Sherifi hält sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser.

Die einst leidlich blühende Industrie liegt in der Region, die unmittelbar an das mehrheitlich albanisch bewohnte Kosovo grenzt, seit langem am Boden. Schuld habe die miserable Privatisierung der einstigen Staatsbetriebe, heißt es unisono. In der Regel wurden albanische Interessenten von Versteigerungen durch Verfahrenstricks ausgeschlossen. Serben aus Belgrad oder aus den umliegenden Städten wie Vranje oder Leksovac kamen zum Zuge. Die neuen Besitzer verkauften die Maschinen, entließen die Arbeiter und ließen die Fabriken verrotten.

Die neuen Eigentümer interessierte der schnelle Reibach, nicht die Produktion. Sie verhökerten die in der Regel üppigen Grundstücke, die zu den Fabriken gehörten, als wertvolles Bauland. Früher wurden in der Industriezone Kunststoffe, Möbel, Elektrozubehör oder Grafiken und Werbematerial produziert. Heute bieten die einstigen Arbeitsstätten nur noch ein Bild des Jammers. Die weitgehend stillgelegte und vergammelte Zement- und Kalkfabrik heißt „Zukunft Presevos“.

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Die Schuld für die aussichtslose Lage sieht Bürgermeister Ragmi Mustafa einzig und allein bei der serbischen Regierung in Belgrad. „Wir sind die am meisten unterentwickelte Gemeinde im ganzen Land“, beginnt er sein Klagelied. Seine albanischen Landsleute würden auf breiter Front unterdrückt. Serbien lasse die Region absichtlich verkommen, weil es eine deutliche „Albaner-Phobie“ gebe. Überall würden die Albaner unterdrückt, „weil sie uns hassen“: „Wir sind hier ungeschützt und wollen endlich Schutz durch die USA und die EU.“

Der Konflikt hat sich in den letzten Tagen zugespitzt. Serbiens Regierungschef Ivica Dacic hat den gewaltsamen Abriss eines umstrittenen albanischen Rebellendenkmals vor dem Rathaus von Presevo erst angekündigt und trotz aller Proteste dann auch wahr gemacht.

Kommentare (2)

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Steuerschaetzer

27.01.2013, 15:46 Uhr

Nichts schlimmer als der überall noch vorhandene oder wieder aufkeimende Nationalismus.
"Und wenn schon immer die Geschichte bemüht wird, um angeblich historische Ansprüche auf Land zu „beweisen“, dann erinnert der ehemalige Lehrer Osmani daran, dass die Serben erst nach dem Ersten Weltkrieg hierher gezogen seien. Vorher habe die südserbische Region jahrhundertelang unter osmanischer Herrschaft mit der regionalen Hauptstadt Skopje im heutigen Mazedonien gestanden." So der Artikel:

Richtig, aber wann fängt Geschichte an? Was war vor den türkischen Eroberern? Vorher war diese Region griechisch oder serbisch und die Türken saßen irgendwo in Kleinasien im Reich der Rum und nicht in Konstantinopel (Istanbul). Also auch die Türken haben dieses Gebiet erst erobert und zwar mit Waffen und Feuer und nicht mit Tanzen und Kaffee trinken, um dies klar zu stellen.
Heute muss der Ausgleich gesucht und gefunden werden, um neues Unrecht zu vermeiden. Insbesondere, wenn dann alle in die EU wollen. Oder wollen sie nur das Geld der EU?

Einwegglas

27.01.2013, 15:57 Uhr

Es waren die Osmanen, die die Region durch ihre jahrhundert andauernde Besetzung islamisiert und dadurch den potentiellen Krisenherd im Balkan geschaffen hat. Wenn man dann den immer wieder aufflammenden Nationalismus in dieser so von Unterschieden geprägten Region des Balkans anprangert, dann bitte auch den der Albaner , Kosovo-Albaner etc. Einseitig die Opferrolle diskutieren und aud die ach so bösen Serben schimpfen, spielt auch nur den falschen Leuten in die Hände.

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