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14.08.2012

11:07 Uhr

Syrien

Ärzte im Kugelhagel

Sie helfen Menschen und riskieren dabei ihr Leben: Ärzte aus aller Welt versuchen der syrischen Bevölkerung so gut zu helfen, wie sie können. Doch sichere Orte gibt es nur wenige und die Helfer geraten selber in Gefahr.

Ein verletzter Mann wird in einem Feldlazarett der Rebellen in Homs notdürftig medizinisch versorgt. dpa

Ein verletzter Mann wird in einem Feldlazarett der Rebellen in Homs notdürftig medizinisch versorgt.

Aleppo Vor einer Woche noch spielte der britisch-syrische Arzt Abu Schamel zu Hause in Manchester mit seinem kleinen Sohn. Jetzt hockt er an einer Straßenecke der nordsyrischen Stadt Aleppo und verarztet einen angeschossenen und vor Schmerzen schreienden Mann. Um ihn herum tobt der Straßenkampf, im Hintergrund hallt das Echo der Explosionen. Kämpfer haben den Mann aus dem zerstörten Stadtteil Selaheddin geborgen. Ein paar Meter entfernt legen sie ihn auf eine schwarze Matratze und machen die Wunde am Gesäß frei. Eilig entfernt der Arzt die Kugel, legt einen Verband an und schickt den verwundeten Mann in eines der geheimen Feldlazarette.

Auf Menschen wie Abu Schamel sind die syrischen Rebellen dringend angewiesen, seitdem vor zwei Wochen die Kämpfe in Syriens größter Stadt ausbrachen. Der 37-jährige Arzt spricht fließend Arabisch und Englisch. Als er hörte, dass es an Ärzten fehle, die die verwundeten Rebellen versorgen, verließ er mit zwei Kollegen die englische Heimat. Wie alle Mediziner, die die syrischen Aufständischen unterstützen, meidet er die staatlichen Krankenhäuser. "Ärzte schicken die Kämpfer und Zivilisten nicht in öffentliche Krankenhäuser, und die Zivilisten würden es auch nicht wagen, selbst dort hinzugehen", sagt Abu Schamel. "Wenn da jemand mit einer Schusswunde auftaucht, heißt das, er kommt aus Selaheddin oder Umgebung und das bedeutet, er ist Terrorist. Wir sind alle Terroristen", sagt er bitter lachend.

Während um ihn herum Mörsergranaten explodieren, erklärt der Arzt sechs Rebellen in Kampfanzügen und mit Sturmgewehren ausgerüstet, wie sie ihren verwundeten Kameraden Erste Hilfe leisten. Er verteilt Päckchen mit Verbandszeug und blutstillenden Kompressen. "Wir haben Dutzende dieser Erste-Hilfe-Päckchen mitgebracht, um sie hier zu verteilen. Den Inhalt haben wir mit Spenden gekauft, die wir von Kollegen und Freunden in Manchester gesammelt haben", erklärt er. Als Abu Schamel in Syrien ankam, war er schockiert über die Zahl der Zivilisten, die im Kugelhagel verwundet wurden. Er sah Kinder mit Verletzungen an Kopf, Brust und Bauch, die aus einstürzenden Häusern flohen. "Ich bin Chirurg, und Blut zu sehen, gehört zu meinem Beruf, aber was ich hier sehe, bringt auch mich zum weinen", sagt der Arzt. Die Mediziner haben in Aleppo Dutzende versteckter Lazarette eingerichtet, besonders im Stadtteil Selaheddin, wo die Kämpfe am heftigsten toben.

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