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18.07.2012

14:12 Uhr

Syrien

Anschlag trifft Assads Regime schwer

Bei einem Selbstmordanschlag sind hochrangige Vertreter des Regimes getötet worden. Der Verteidigungsminister und sein Vertreter - ein Schwager von Präsident Assad - starben. Über weitere Opfer wird noch spekuliert.

Der syrische Verteidigungsminister General Dawood Rajiha bei einer Ansprache. dpa

Der syrische Verteidigungsminister General Dawood Rajiha bei einer Ansprache.

DamaskusEine Bombe sprengt eine empfindliche Lücke in die Führungsspitze des syrischen Regimes: Verteidigungsminister Daud Radscheha und Asef Schawkat, der Schwager von Präsident Baschar Assad, sind bei dem Anschlag in Damaskus getötet worden. Das berichtete das syrische Staatsfernsehen.

Den Berichten zufolge wurde auch der Innenminister Mohammed Ibrahim al-Schaar schwer verletzt, als der Sprengsatz am Mittwoch vor einem Gebäude der Sicherheitskräfte im Al-Rawda-Viertel explodierte. Sein Zustand sei aber stabil. In der Nationalen Sicherheitsbehörde fand gerade eine hochrangig besetzte Sitzung des Krisenstabs statt.

Schawkat war zuletzt stellvertretender Kommandeur der Streitkräfte. Als ehemaliger Militärgeheimdienstchef gilt er bei der Opposition als eine der meistgehassten Persönlichkeiten innerhalb der Regierung.

Die syrische Oppositionsgruppen im Überblick

Syrischer Nationalrat (SNC)

Der im August 2011 in Istanbul gegründete SNC gilt als größte und repräsentativste syrische Oppositionsgruppe. Ihren Vertretungsanspruch für die Belange der Opposition bezieht sie zum einen daraus, dass fast hundert ihrer insgesamt rund 230 Mitglieder in Syrien ansässig sind. Überdies bevorzugen die Regierungen in Washington und Paris den SNC als Ansprechpartner. Die Konferenz in Tunis könnte dazu führen, dass der Nationalrat international als „legitimer“, wenn auch nicht als einziger Repräsentant der syrischen Opposition anerkannt wird.

Im SNC sind Islamisten, vor allem Anhänger der Muslimbrüder, Liberale und Nationalisten vereint. Sein Vorsitzender ist der im französischen Exil lebende Oppositionelle Burhan Ghaliun, der sich für eine militärische Intervention in Syrien ausgesprochen hat. Seine Gegner werfen Ghaliun vor, er koordiniere seine Vorgehensweise nicht hinreichend mit den Kräften vor Ort.

Nationales Koordinierungskomitee für den demokratischen Wandel (NCB)

Das von Hassan Abdel Asim geleitete NCB vereint arabische Nationalisten, Kurden, Sozialisten und Marxisten sowie unabhängige Persönlichkeiten wie den Wirtschaftsexperten Aref Dalila. Das Komitee gründete sich Mitte September in der Nähe von Damaskus und wählte als Führungsgremium einen Zentralrat. Die Gruppierung ist strikt gegen eine Militärintervention von außen, ein Versuch einer Annäherung an den SNC scheiterte. Das NCB boykottiert die Konferenz in Tunis aus Protest gegen den Plan, den Nationalrat als Repräsentanten der syrischen Opposition anzuerkennen.

Örtliche Koordinierungskomitees (LCC)

Die Komitees sehen sich als Bestandteil des Nationalrates, in ihnen sind die Protestbewegungen aus einzelnen Städten und Stadtvierteln zusammengeschlossen. Die meisten ihrer Mitglieder sind junge Syrer ohne militante Vergangenheit, die sich über soziale Netzwerke wie Facebook organisieren und mit der Außenwelt unter anderem über den Internetdienst Skype kommunizieren. Sie organisieren ein System gegenseitiger Hilfsleistungen, etwa um Verletzte aus ihren Reihen außerhalb der von den Sicherheitskräften kontrollierten Krankenhäuser zu versorgen.

Syrische Koalition säkularer und demokratischer Kräfte (CSDF)

Die Koalition kam das erste Mal Mitte September in Paris zusammen. Sie strebt einen laizistischen Staat in Syrien an. Ihr gehören Vertreter von Kurdenparteien, der Assyrischen Kirche und sunnitische Muslime an. Die CSDF wendet sich gegen den starken Einfluss der Islamisten in der syrischen Oppositionsbewegung und will die Minderheiten in der Bevölkerung, vor allem die Christen, mobilisieren.

Syrischer Revolutionsausschuss (SRGC)

Der Mitte August gegründete SRGC strebt ein demokratisches Syrien an. Erklärtes Ziel der Gruppierung ist es, die Reihen der Opposition zu schließen und gemeinsam den Sturz Assads zu erzwingen.

Das Attentat soll nach Angaben von Aktivisten auf das Konto der Freien Syrischen Armee gehen. Sie besteht größtenteils aus bewaffneten Einheiten von Deserteuren der syrischen Regierungstruppen.

Das Staatsfernsehen berichtete, der Anschlag sei das Werk eines Selbstmordattentäters. Regimegegner sprachen von einer Autobombe.

Bei mehreren Anschlägen in Damaskus in den vergangenen Monaten waren Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Die Opposition und das Regime hatten sich jeweils gegenseitig beschuldigt.

Die beiden Regimegrößen Schawkat und Radscheha waren im vergangenen Mai schon einmal totgesagt worden. Damals war berichtet worden, sie seien bei einem gemeinsamen Essen des Krisenstabs in Damaskus vergiftet worden.

Panzer, Flugzeuge, Raketen: Syriens Armee

Soldaten

In Syrien stehen nach Angaben des Londoner Instituts für Strategische Studien (IISS) 295.000 Soldaten unter Waffen. Dazu kommen weitere 314.000 Reservisten.

Panzer und Artilleriegeschütze

Das syrische Heer soll über 4950 Kampfpanzer und mehr als 3440 Artilleriegeschütze verfügen, viele aus sowjetischer oder russischer Produktion.

Boden-Boden-Raketen

Syrien soll über 850 Boden-Boden-Raketen mit unterschiedlicher Reichweite verfügen.

Flugzeuge

550 Flugzeuge nennt die syrische Luftwaffe ihr Eigen. Davon sind rund 440 russische MIG-Kampfflugzeuge unterschiedlicher Baureihen.

Hubschrauber

Die Armee kann mehr als 70 Kampfhubschrauber einsetzen, darunter viele russische Typen, aber auch 30 französische „Gazelle-Maschinen“.

ABC-Waffen

Die USA haben den Verdacht, dass Syrien über chemische und biologische Waffen verfügt und dafür technische Hilfe aus dem Iran erhält. Außerdem soll Syrien nach US-Recherchen Interesse an Atomwaffen haben und Partner im Iran und Nordkorea suchen.

Waffenlieferungen

Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts (SIPRI) bekam Syrien im Jahr 2011 trotz der blutigen Unterdrückung des Aufstandes gegen das Regime 291 Waffenlieferungen - 246 aus Russland und 45 aus dem Iran. Darunter waren 126 Luftabwehrsysteme und 135 Raketen. Zwischen 2001 und 2011 hat Syrien 1201 von SIPRI registrierte Waffenlieferungen erhalten. Die mit Abstand meisten (857) kamen aus Russland, der Rest aus Weißrussland, dem Iran und Nordkorea.

Embargo

Die EU hat bereits im Mai 2011 neben Sanktionen ein Verbot von Waffenlieferungen nach Syrien beschlossen. Dazu zählen nicht nur Feuerwaffen, Bomben und Granaten, sondern auch technisches Gerät, das gegen Demonstranten eingesetzt werden kann, etwa Wasserwerfer. Auf internationaler Ebene ist ein Embargo im UN-Sicherheitsrat bisher gescheitert - vor allem am Widerstand Russlands, dem Hauptwaffenexporteur nach Syrien. Aber auch China verhinderte Sanktionen.

Abgesehen von dem Anschlag zählten die Regimegegner am Mittwoch landesweit 18 Tote. Die meisten von ihnen seien von Regierungstruppen in den Provinzen Homs und Daraa getötet worden, hieß es. Angriffe habe es auch in Damaskus gegeben, vor allem in den Vierteln Al-Kabun und Al-Midan.

Am Dienstag hatten die Regierungstruppen nach Informationen der Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter allein in Damaskus 17 Menschen getötet. Landesweit zählte die Organisation mehr als 100 Tote. Die regierungsamtliche Zeitung „Al-Thawra“ schrieb am Mittwoch: „Damaskus ist schwer in die Knie zu zwingen, selbst wenn sich die ganze Welt gegen diese Stadt verbünden sollte.“

Kommentare (5)

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pro-D

18.07.2012, 12:55 Uhr

man sieht, die israelischen Drohnen, die sie bisher gegen die wehrlosen Palästinenser eingesetzt haben, kann man auch in Syrien einsetzen.

Amerikanische Kriegstechnik ist eben doch auch hierfür sehr gut.

r.ebell

18.07.2012, 15:05 Uhr

Ok!Was lernen wir aus dem angeblichen Anschlag!Die Amerikaner sind absolut meisterlich in der "schrägen"Kriegsführung!
Das Ziel war offensichtlich Sadat aber er hat vermutlich den Termin auf anraten seiner Sicherheitsleute verschoben!Der Drohnenkrieg ist eröffnet!Die Zielmarkierer halten sich garantiert schon seit Wochen in Syrien auf!Die "abgeschossene"türkische Maschine war nur ein keliner Test wie
die syrische Luft- Abwehr funktioniert!Da zur Zeit ein Manöver der russischen Flotte im Mittelmeer stattfindet wird ein großer Angriff oder "Luftschlag"eher nicht stattfinden!Aber Drohnen gehen immer!

stetson

18.07.2012, 15:06 Uhr

Das Ende dieses Regimes ist doch ganz offensichtlich nur noch über Gewalt zu erreichen. Und wenn nicht durch Gewalt von Außen, dann eben durch Gewalt von Innen (mit Unterstützung von Außen).

Man muss kein Kriegstreiber sein um zu erkennen, dass diejenigen die jetzt noch von einer "diplomatischen" Lösung träumen, unter totalem Realitätsverlust leiden.

Aber als Politiker darf man das natürlich nicht aussprechen, das ist sogar mir klar!

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