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27.01.2013

20:44 Uhr

Syrien

Friedliche Revolution ist noch nicht tot

Die friedliche Protestbewegung ist in Syrien fast unsichtbar geworden. Im Vordergrund stehen jetzt die Rebellen. Der Karikaturist Juan Zero kämpft mit seiner Arbeit gegen die Logik des Krieges.

Die meisten jungen Syrer organisieren sich lieber in Nichtregierungsorganisationen, statt politische Verantwortung zu übernehmen. AFP

Die meisten jungen Syrer organisieren sich lieber in Nichtregierungsorganisationen, statt politische Verantwortung zu übernehmen.

IstanbulLange Säbel, von denen Blut tropft, und kleine Bürger, die von der brutalen Hand des Herrschers in Stücke gerissen werden - mit diesem klassischen Repertoire arabischer Karikaturisten will Juan Zero nichts zu tun haben. Der syrische Karikaturist verpackte seine Botschaft subtiler.

Präsident Baschar al-Assad zeichnet er mit einer übergroßen Krone. Das Symbol der Macht ist dem syrischen Machthaber so tief über die Augen gerutscht, dass er nichts mehr sehen kann. Zu Juan Zeros bekannten Motiven gehört außerdem ein Regenbogen, der von Kanonenkugeln durchsiebt wird.

Seinen Künstlernamen Juan Zero hat der 36-Jährige gewählt, weil er die Werke des spanischen Malers Joan Miró mag. Seine Heimat Syrien hat er vor 13 Monaten verlassen, nachdem Geheimdienstmitarbeiter in seinem Stammcafé in Damaskus nach ihm gesucht hatten. „Die Leute vom Regime kannten meinen richtigen Namen damals noch nicht, deshalb konnte ich ohne Probleme das Land verlassen“, erzählt der Künstler. Um den Hals trägt er ein rot-weißes Baumwolltuch. Ein schwarze Mütze bedeckt seinen haarlosen Kopf.

Regionale Player im Syrien-Konflikt

Israel

Ein Einsatz syrischer Massenvernichtungswaffen ist ein Alptraum für Israel, das dem Konflikt bisher eher als Beobachter beiwohnte. Jetzt warnt Jerusalem laut davor, dass Assads Chemie- und Flugabwehrwaffen in die Hände der Hisbollah oder Al-Kaidas fallen könnten. Positiv wäre für Israel, dass sein Erzfeind Iran mit Assad seinen wichtigsten Stützpfeiler in der Region verlieren würde. Mit Assad könnte Israel allerdings auch einen Nachbarn verlieren, der für weitgehende Ruhe an der gemeinsamen Grenze gesorgt hat.

Saudi Arabien und Katar

Die sunnitischen Herrscher vom Golf unterstützen in Syrien - wie schon zuvor in Libyen - die islamisch-konservativen Kräfte. Und versuchen, einen Verbündeten ihres Erzfeindes Iran zu schwächen. Daheim können sie sich so als Unterstützer der Revolution präsentieren, ohne Protesten Vorschub zu leisten. Damaskus will in Saudi-Arabien und Katar die Urheber des „Komplotts“ gegen sich identifiziert haben.

Türkei

Das Nato-Mitglied ist seit langem einer der schärfsten Kritiker des syrischen Regimes. Weiter verschärft wurde das Verhältnis Ende Juni durch den Abschuss eines türkischen Kampfflugzeuges vor der syrischen Küste. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sagte dem syrischen Volk daraufhin Unterstützung bis zur Befreiung von „Diktator“ Assad zu, bei weiteren Zwischenfällen werde sein Land mit Gewalt zurückschlagen. Ein Teil des Nachschubs der syrischen Rebellen wird durch die Türkei geschleust, die allerdings offiziell keine Waffen liefert.

Libanon

Das westliche Nachbarland Syriens ist zerrissen - eine gefährliche Lage. Die Sunniten im Libanon stehen mehrheitlich auf der Seite der syrischen Opposition, die zum Großteil ebenfalls aus Sunniten besteht. Über die Grenze werden auch Waffen geliefert. Die schiitische Hisbollah-Miliz hingegen, die in Beirut in der Regierung sitzt, ist mit dem Assad-Regime verbündet. Die Waffen, mit denen sie ihre Herrschaft sichert, kommen aus Damaskus. Seit einigen Wochen gibt es im Libanon Auseinandersetzungen zwischen pro- und anti-syrischen Gruppierungen, dabei gab es auch Tote.

Iran

Aus iranischer Sicht darf das syrische Regime keinesfalls fallen. Im Frühjahr erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad, er kenne keine Grenzen bei seiner Unterstützung für Präsident Assad. Angeblich schickte Teheran Militärberater und Kämpfer. Ohne Assads Regime würde es für den Iran schwerer, die eigene anti-israelische Ideologie zu verbreiten. Auch die pro-iranischen Milizen, besonders die Hisbollah in Libanon, würden geschwächt. Zuletzt bestätigte der Iran Gespräche mit Regimegegnern in Syrien und brachte sich als Vermittler ins Gespräch.

Al-Kaida

Das Terrornetzwerk Al-Kaida versucht einmal mehr, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Die Terroristen wollen sich als Speerspitze der Revolution präsentieren und das anschließende Tohuwabohu für ihre Zwecke nutzen.

Seine Geschichte ähnelt der vieler syrischer Revolutionäre, die geflohen sind, um nicht in den Folterkellern des Regimes zu landen. Sie sind auf der Flucht, sie pendeln seit Monaten zwischen Istanbul, Kairo, Beirut und den verschiedenen Flüchtlingslagern und schlafen bei Freunden auf der Couch. Anders als die Vertreter der Oppositionsparteien, die in unregelmäßigen Abständen Spenden von Geschäftsleuten und verschiedenen Regierungen erhalten, leben sie von Ersparnissen und Gelegenheitsjobs.

Sanktionen gegen Syrien

Schwarze Liste für Auslandsreisen

Die EU hat eine schwarze Liste mit Personen und Unternehmen, die das syrische Regime unterstützen und die Gewalt im Land fördern. Wer darauf steht, darf nicht mehr in die EU reisen; außerdem wird seine Vermögen in der EU eingefroren. Für ein Unternehmen bedeutet ein Listenplatz, dass es keine Geschäfte mehr mit der EU machen darf. Am Montag kamen 26 Personen - nach Angaben von Diplomaten handelt es sich dabei um Mitglieder des Militärs oder der syrischen Geheimdienste - und drei neue Unternehmen dazu. Die gesamte Strafliste umfasst damit jetzt 155 Personen und 52 Organisationen oder Unternehmen.

Waffen-Exportverbot

Schon seit Mai 2011 dürfen die Mitgliedstaaten der EU keine Waffen mehr nach Syrien exportieren. Am Montag verschärften die EU-Außenminister das bestehende Waffenembargo. Flugzeuge und Schiffe mit Lieferungen an Syrien müssen jetzt speziell auf Waffenlieferungen kontrolliert werden. Anfang des Jahres war auf Zypern ein Schiff aufgehalten worden, das Munition von Russland nach Syrien bringen sollte.

Beschränktes Handelsembargo

Um die Wirtschaft des Landes zu schwächen, verhängte die EU verschiedene Handelsembargos: So dürfen EU-Staaten zum Beispiel kein Rohöl aus Syrien importieren oder in die Ölindustrie investieren. Auch andere Branchen wollen die Mitgliedstaaten finanziell und technologisch aushungern - wie die Bereiche Telekommunikation, Metalle und Edelsteine, Versicherungen und Banken

Luftverkehr

Nach Angaben des luxemburgischen Außenministers Jean Asselborn hat die EU auch die syrische Fluglinie Syrian Arab Airlines auf die Liste gesetzt. Ein Diplomat erklärte, die Flugzeuge dürften die EU noch überfliegen, dort aber allenfalls eine Notlandung machen.

Luxusartikel

Mit einem Beschluss aus dem April 2012 versuchte die EU dem syrischen Diktator Assad auch das Privatleben schwer zu machen: Sie verhängte eine Art Luxus-Sanktion. Für sich und seine Familie darf er seitdem in der EU unter anderem keine Trüffel, teuren Schuhe, Uhren oder Autos kaufen.

Juan Zero ist diese Woche bei Freunden in Istanbul untergekommen. In der türkischen Metropole sammelt er Spenden für sein nächstes Projekt. Er will den traumatisierten Kindern in einem Flüchtlingslager in der Provinz Aleppo „ein Stück Kindheit zurückgeben“. Mit Kreativität und Spiel sollen die rund 1200 Kinder lernen, ihre Kriegserlebnisse zu verarbeiten.

Als er zu einer ersten Erkundungstour in dem Lager war, das unweit der türkischen Grenze liegt, war er positiv überrascht, wie die Eltern der Flüchtlingskinder auf seinen Vorschlag reagierten. „Ich habe gedacht, sie sagen mir vielleicht, warum willst du hierher kommen, um zu spielen? Bring uns lieber Essen und warme Decken. Aber nein, sie waren sehr aufgeschlossen und erklärten, alles, was gut sei für ihre Kinder, sei ihnen willkommen.“

Zu den syrischen Oppositionsparteien, deren Vertreter sich diese Woche in Istanbul zu einer Konferenz aufhalten, wahrt Zero einen „Sicherheitsabstand“, wie er sagt. Der Karikaturist hat wie viele Araber seiner Generation ein großes Misstrauen gegen Parteien und Politiker. Er will sich nicht vereinnahmen lassen. Gelegentlich nimmt er sich in seinen Karikaturen auch die Veteranen der Opposition und die Rebellen vor.

Ähnlich wie die ägyptischen Aktivisten, die im Januar 2011 die ersten Demonstrationen gegen das korrupte Regime von Präsident Husni Mubarak angezettelt hatten, so organisieren sich auch die meisten jungen Syrer lieber in Nichtregierungsorganisationen, statt politische Verantwortung zu übernehmen. Trotzdem kritisiert Zero den ägyptischen IT-Manager Wael Ghoneim, der zu den bekanntesten Gesichtern der sogenannten Revolution vom 25. Januar zählt: „Er ist seiner Verantwortung nicht gerecht geworden, es ist nicht in Ordnung, erst zu protestieren und danach einfach nach Hause zu gehen.“

Von

dpa

Kommentare (3)

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Thomas-Melber-Stuttgart

27.01.2013, 21:12 Uhr

Herr Assad tritt bei den nächsten Präsidentschaftswahlen doch gar nicht mehr an; zudem hat er ja mehrfach seine Bereitschaft erklärt, mit der friedlichen Opposition im Land zusammenzuarbeiten. Leider will dies "im Westen" niemand zur Kenntnis nehmen.

Gina

28.01.2013, 16:31 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

ahira

04.07.2013, 13:32 Uhr

"Friedliche Opposition"
Bereits im Juni 2011 wurde in Jisr ash-Shugur (Distrikt Idlib) insgesamt 120 syrische Sicherheitskräfte getötet: „Berichten der Regierung zufolge kamen 37 Sicherheitskräfte ums Leben, als Aufständische ein Regierungsgebäude angriffen. 20 Polizisten seien getötet worden, als sie mit ihrem Fahrzeugkonvoi in einen Hinterhalt geraten seien. 8 Wachmänner starben bei einem Anschlag auf ein Postgebäude. Dutzende weitere Sicherheitskräfte seien bei Kämpfen in der Ortschaft getötet worden.“ … „Außerdem wurde Sprengstoff gestohlen.“ (Beachte: Es wird von mehreren Angriffen auf verschiedene staatliche Institutionen gesprochen, nicht von 120 Angehörigen EINER Sicherheitsgruppe und an EINEM Ort, wie es bei einer Meuterei der Fall wäre! Die Vorgehensweise [Hinterhalt] deutet darauf hin, dass die Angreifer militärisch ausgebildet waren! In westlichen Medien wird der Tod der Sicherheitskräfte als Folge einer Meuterei gegen Präsident Assad dargestellt.

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