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26.01.2016

17:58 Uhr

Syrien-Gespräche

UN laden zu Friedenskonferenz

Der Termin für die Syrien-Friedenskonferenz steht fest. Wer mit am Tische sitzen darf, ist aber weiterhin offen. Die Verhandlungen sollen dem Bürgerkrieg ein Ende setzen und Wege zu einem politischen Neuanfang aufzeigen.

Zu den Eingeladenen der Friedensgespräche will sich der Sondergesandte der UN erst äußern, wenn diese geantwortet hätten. AFP

Staffan de Mistura

Zu den Eingeladenen der Friedensgespräche will sich der Sondergesandte der UN erst äußern, wenn diese geantwortet hätten.

MoskauDer UN-Sondergesandte Staffan de Mistura hat Vertreter von Regierung und Opposition in Syrien zu den Friedensgesprächen am Freitag eingeladen. Für wen er sich entschieden hat, wollte er am Dienstag allerdings noch nicht sagen, sondern erst die Reaktionen abwarten. Bis kurz zuvor hatten sich die Konfliktgegner und ihre Unterstützer um die Teilnehmerliste gestritten. Hilfsorganisationen riefen zum Schutz der Zivilbevölkerung auf.

Die Verhandlungen sollen dem seit fast fünf Jahren tobenden Bürgerkrieg ein Ende setzen und Wege zu einem politischen Neuanfang aufzeigen. Bis zuletzt war aber umstritten, wer von den Gegnern des Präsidenten Baschar al-Assad mit am Tisch sitzen darf. De Misturas Sprecherin sagte der Nachrichtenagentur AP, die Einladungen seien verschickt worden. Zu den Adressaten werde sich der Sondergesandte aber erst äußern, wenn die Eingeladenen geantwortet hätten.

Unmittelbar zuvor hatte Russlands Außenminister Sergej Lawrow auf einer Beteiligung der Kurden bestanden. Die syrische Kurdenpartei PYD nicht einzuladen, wäre ein schwerer Fehler, sagte er. Deren Volksverteidigungseinheiten YPG zählen zu den erfolgreichsten Fraktionen im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat in Syrien.

Die vielen Namen der Extremistenmiliz IS

Isil

Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ und ist vor allem im Englischen noch häufig zu hören. Sie kommt der Übersetzung des arabischen Namens recht nahe. Dort ist vom Islamischen Staat im Irak und „al-Scham“ die Rede, also Großsyrien unter den Omajaden und später den Abbasiden.

Isis

Die Kurzform von „Islamischer Staat im Irak und Syrien“.

Isig

Diese Abkürzung benutzt die Bundesanwaltschaft in ihren Pressemitteilungen. Sie steht für den „Islamischen Staat im Irak und Großsyrien“.

IS

So nennt sich die Organisation selbst seit der Ausrufung ihres Kalifats 2014. Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat“. Kritiker lehnen diese Bezeichnung ab, weil sie den Anspruch der Miliz untermauere, einen echten Staat – und noch dazu einen islamischen – geschaffen zu haben. Manche sprechen deshalb vom „sogenannten Islamischen Staat“.

Daesch oder Daisch

Als Alternative ist in den vergangenen Monaten vermehrt die Bezeichnung Daesch oder Daisch in Mode gekommen. Dies ist die arabische Abkürzung für die Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und al-Scham“ (Al Daula al-Islamija fi al-Irak wa al-Scham). In den Ohren von Muttersprachlern klingt sie despektierlich, der IS selbst lehnt sie ab. Das ist ein Grund mehr für Gegner der Extremisten, sie zu verwenden.

Die Türkei will die PYD jedoch nicht am Tisch haben, weil diese der kurdischen Rebellenorganisation PKK nahesteht. Russland wiederum stemmt sich gegen eine Teilnahme radikalislamischer Fraktionen wie Ahrar al-Scham, die von Saudi-Arabien und der Türkei unterstützt werden. Von Saudi-Arabien unterstützte Oppositionskräfte trafen sich in Riad, um zu entscheiden, wen sie zu den Friedensverhandlungen schicken wollen. Sie warfen Russland vor, die Teilnehmerliste diktieren zu wollen.

Umstritten ist auch, welche Rolle Assad künftig spielen soll. Lawrow dementierte Berichte, wonach Russland ihn zum Rücktritt gedrängt und ihm Asyl angeboten habe. „Niemand hat um politisches Asyl gebeten oder es angeboten“, sagte er. Assad sei aber gewillt, sich mit der Opposition und auch mit bewaffneten Gruppen an einen Tisch zu setzen, um patriotische Kräfte in den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat einzubinden.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

In dem seit fast fünf Jahren tobenden Bürgerkrieg sind nach UN-Schätzungen mindestens 250.000 Menschen getötet worden, Millionen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef, die Weltgesundheitsorganisation und andere Hilfsgruppen forderten, die Bombardierung von Schulen müsse aufhören, Hilfskräfte bräuchten Zugang zu Kranken.

Die Gesundheitsversorgung und die Lage für Kinder würden immer schlimmer. Unicef kündigte an, in diesem Jahr gut eine Milliarde Euro für etwa 6,7 Millionen syrische Kinder bereitzustellen, die im Land selbst oder in Nachbarstaaten als Bürgerkriegsflüchtlinge in Not geraten sind.

KTG Zivile Opfer im syrischen Bürgerkrieg

Gesamtzahl der Opfer

Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im Frühjahr 2011 sind laut Aktivisten rund 190 000 Zivilisten getötet worden. Insgesamt kamen im Bürgerkrieg nach Angaben der UN mindestens 250 000 Menschen ums Leben. Genaue Zahlen sind wegen der schwierigen Informationslage allerdings immer mit großer Unsicherheit behaftet.

Opfer durch das Assad-Regime

Mehr als 180 000 starben dem oppositionsnahen Syrischen Netzwerk für Menschenrechte zufolge durch Kräfte des Regimes.

Opfer durch die Rebellen

Die oppositionellen Kräfte der Rebellen töteten demnach etwa 2750 Zivilisten.

Opfer durch den „Islamischen Staat“

Durch die Dschihadisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sollen 1800 zivile Opfer zu beklagen sein.

Opfer durch Russland

Seit dem Beginn der russischen Luftschläge in Syrien Ende September kamen laut Aktivisten Hunderte Zivilisten durch Russlands Angriffe ums Leben. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte beziffert die Zahl der Toten auf 710. Unter den Opfern seien 161 Kinder. Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte sprach Mitte Dezember von 570 getöteten Zivilisten. Amnesty International wirft Russland sogar Kriegsverbrechen vor. Laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation starben allein bei sechs russischen Angriffen zwischen September und November rund 200 Zivilisten. Moskau mache zugleich falsche Angaben zu zivilen Opfern, kritisierte Amnesty.

Opfer durch die internationale Allianz

Laut Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle starben seit Beginn der US-geführten internationalen Luftangriffe auf syrische IS-Stellungen im September 2015 mindestens 299 Zivilisten, unter ihnen 81 Kinder. Die Internetseite Airwars.org, ein Projekt von Journalisten, kommt auf 402 bis 550 Zivilisten, die bisher in Syrien von der internationalen Koalition getötet worden sein sollen.

In Syrien verbuchten Assads Streitkräfte einen weiteren Erfolg. Die Truppen eroberten im Süden des Landes die Stadt Scheich Maskin. Sie liegt nahe einer wichtigen Straße von Damaskus an die jordanische Grenze. Doch trafen auch mehrere Anschlägen Regierungstruppen in der Stadt Homs. Dabei wurden mindestens 20 Menschen getötet.

Zunächst sei eine Autobombe explodiert, danach habe ein Selbstmordattentäter angegriffen, sagte Gouverneur Talal Barasi der staatlichen Nachrichtenagentur Sana. Mehr als 100 Menschen seien verletzt worden. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete sogar 25 Tote. 15 von ihnen seien Sicherheitskräfte gewesen. Der IS bekannte sich zu dem Anschlag.

Von

ap

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