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29.10.2015

15:21 Uhr

Syrien-Gipfel

Gesucht: Der Weg aus der Hölle

VonHans-Peter Siebenhaar

Bevor der Syrien-Gipfel in Wien begonnen hat, gibt es eine gute Nachricht: Die Erzfeinde Iran und Saudi-Arabien nehmen erstmals gemeinsam an den Friedensgesprächen teil. Ob das eine Lösung des Konflikts beschleunigt?

Saudi Arabiens Außenminister Adel bin Ahmed Al-Jubeir (Mitte) wird ebenso wie sein iranischer Amtskollege an den Gesprächen teilnehmen. AFP

Syrien-Gipfel

Saudi Arabiens Außenminister Adel bin Ahmed Al-Jubeir (Mitte) wird ebenso wie sein iranischer Amtskollege an den Gesprächen teilnehmen.

WienEine prächtigere Herberge als das legendäre Hotel Imperial hat Wien nicht zu bieten. Das überaus angenehme Ambiente ist der Rahmen für die als ausgesprochen schwierig geltende Konferenz zur Beendigung des seit Jahren andauernden Bürgerkrieges in Syrien. Auf Einladung des US-Außenministers John Kerry setzen sich am Freitag erstmals auch die Erzrivalen Iran und Saudi-Arabien an einen Tisch.

Die Regionalmächte sind seit Jahrzehnten verfeindet und führen im Mittleren Osten eine Reihe von Stellvertreterkriegen. Ein wichtiges Schlachtfeld der Iranis und der Saudis ist Syrien.

Kerry hatte vor seine Abreise nach Wien in Washington erklärt, es gelte, „einen Weg aus der Hölle zu weisen.“ Im syrischen Bürgerkrieg sind bereits eine Viertelmillion Menschen getötet worden. Europa und der Nahe Osten haben mit einer Flüchtlingswelle zu kämpfen. Millionen von Syrern sind vor der Gewalt in die Nachbarländer Türkei und Libanon oder nach Ost- und Mitteleuropa geflohen.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Bürgerkrieg in Syrien

Seit mehr als vier Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Dem Regime in Damaskus steht eine Vielzahl von Gegnern gegenüber, die Lage ist unübersichtlich. Längst werden die Rebellen von islamistischen und radikalen Gruppen dominiert.

Regime

Die Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden Assads Anhänger von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien. Sie kontrolliert im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in diesem Jahr mehrere Niederlagen gegen die syrischen Kurden einstecken.

Dschaisch al-Fatah

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die radikale Al-Nusra-Front, die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrien Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib.

Al-Nusra-Front

Der Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida vertritt eine ähnliche Ideologie wie IS, beide Gruppen sind aber miteinander verfeindet. Die Nusra-Front ist vor allem im Nordwesten des Landes stark, kämpft aber auch im Süden.

Ahrar al-Scham

Die islamistische Miliz ist neben der Nusra-Front die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger.

Freie Syrische Armee

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis gehören, sowie im Süden.

Kurdische Volksschutzeinheiten

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte die YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückschlagen. Dort haben die Kurden eine Selbstverwaltung aufgebaut. Sie kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch zu Zusammenstößen mit Rebellengruppen in Aleppo.

Der amerikanische Außenminister ist bereits am Donnerstag in Wien eingetroffen. Bereits am vergangenen Freitag hatte Kerry Friedensgespräche im „Imperial“ geführt, die aber zu keinen greifbaren Ergebnissen geführt haben. Am Donnerstagabend wird er nach einer Reihe von Vorgesprächen unter anderen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow auch ein Abendessen mit Kerry und dem österreichischen Außenminister Sebastian Kurz geben.

Am Freitag wird der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif in der österreichischen Hauptstadt eintreffen. Trotz heftiger Gegenwehr haben die Amerikaner durchgesetzt, dass Iran am Versuch einer Friedenslösung für Syrien beteiligt. Am Wiener Gipfel nehmen auch der russische Außenminister Lawrow sowie Saudi-Arabien und Delegationen von annähernd 20 weiteren Staaten teil. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier, sein britischer Amtskollege Philipp Hammond und die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini werden dabei sein. Für Freitag ist auch eine Pressekonferenz geplant.

Strategiewechsel im Syrien-Konflikt: USA erwägen Einsatz von Bodentruppen

Strategiewechsel im Syrien-Konflikt

USA erwägen Einsatz von Bodentruppen

Die USA schwenken offenbar auf einen neuen Kurs im Krieg gegen die Terrormiliz IS ein. Plötzlich wird über einen Einsatz von Bodentruppen gesprochen, auch die Rolle des Iran bei der Konfliktlösung wird neu definiert.

Ob es zu einer Annäherung der Konfliktparteien unter der Aufsicht der Großmächte USA und Russland in Wien kommen wird, ist völlig offen. Es wird bereits unter Diplomaten als Erfolg gewertet, dass sowohl der saudi-arabische Außenminister Adel bin Ahmed Al-Jubeir als auch sein Amtskollege Mohammed Dschawad Sarif in Wien dabei sein werden. Nur einer wird in der österreichischen Hauptstadt fehlen: Bashar al-Assad und die syrische Regierung. Dabei soll über das Schicksal des syrischen Diktators entschieden werden.

Im Vorfeld der Wiener Konferenz hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang zu einer politischen Lösung zur Beendigung des syrischen Bürgerkriegs aufgerufen. Ein Durchbruch wird in Wien am Freitag nicht erwartet. Bereits in der nächsten Woche wird ein weiteres Treffen in der österreichischen Hauptstadt anvisiert.

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