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23.02.2017

16:27 Uhr

Syrien

Kämpfe überschatten Friedensgespräche in Genf

In der Schweiz sollte es zu Friedensverhandlungen zwischen der syrischen Regierung und der Opposition kommen. Zum Auftakt kam es allerdings zu kämpfen in zwei syrischen Provinzen. Die Chancen auf einen Durchbruch sinken.

Mitglieder vom hohen syrischen Verhandlungskomitee sollten die Lage in Syrien entschärfen. dpa

Syrien-Friedensverhandlungen in Genf

Mitglieder vom hohen syrischen Verhandlungskomitee sollten die Lage in Syrien entschärfen.

Genf/BeirutSchwere Kämpfe in Syrien haben den Auftakt neuer Friedensgespräche in der Schweiz überschattet. Die Chefunterhändler der syrische Regierung und der Opposition trafen am Donnerstag getrennt voneinander bei den Vereinten Nationen in Genf ein. Parallel wurden nach Angaben der oppositionsnahen Beobachtungsstelle für Menschenrechte Rebellen-Gebiete in den westlichen und zentralen Provinzen Deraa und Hama aus der Luft angegriffen. Aufständische hätten wiederum Regierungsziele mit Raketen beschossen. Im Norden des Bürgerkriegslandes übernahmen zudem Rebellen mit Unterstützung des türkischen Militärs nach Angaben der Regierung in Ankara die Kontrolle über nahezu die gesamte IS-Hochburg Al-Bab.

Die Freie Syrische Armee (FSA) sei ins Zentrum von Al-Bab eingerückt, sagte Verteidigungsminister Fikri Isik der Nachrichtenagentur Anadolu. Die Soldaten sind dem Bericht nach dabei, Minen zu räumen, die der sogenannte Islamische Staat (IS) in der Stadt hinterlassen habe. Die FSA ist ein loser Verbund von syrischen Arabern und Turkmenen. Sie haben Al-Bab seit Dezember angegriffen, unterstützt von türkischen Kampfjets, Panzern und Spezialeinheiten. Der Ort liegt 30 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Mit der Eroberung weitet die Türkei eine Pufferzone im Norden Syriens aus, von der aus die von ihr unterstützten Kämpfer weiter auf die faktische Hauptstadt des IS in Syrien, Rakka, vorrücken könnten. Gleichzeitig hofft die Türkei, die Ausbreitung der syrischen Kurdenmiliz YPG an seiner Grenze zu verhindern, die sie als verlängerten Arm der verboten kurdischen Arbeiterpartei PKK betrachtet.

Die wichtigsten Akteure im Syrien-Krieg

Regierung

Anhänger von Präsident Baschar al-Assad beherrschen die großen Städte des Landes. Syriens Armee hat im langen Krieg sehr gelitten, konnte die Rebellen aber dank massiver russischer und iranischer Hilfe in vielen Gebieten zurückdrängen, unter anderem aus der Großstadt Aleppo. Assad sitzt derzeit fest im Sattel.

Rebellen

Sie sind vor allem im Nordwesten und Süden Syriens stark. Ihr Spektrum reicht von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten. Zu diesen gehören die mächtigen Gruppen Ahrar al-Scham und Dschaisch al-Islam. Moskau ist von seiner Forderung abgerückt, diese beiden auf die Terrorliste zu setzen. Dschaisch al-Islam wird in Genf an den Verhandlungen teilnehmen.

Politische Opposition

Sie ist zersplittert. Das wichtigste Oppositionsbündnis ist die Syrische Nationale Koalition in Istanbul, die in Genf mit Repräsentanten vertreten sein wird.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz beherrscht im Norden und Osten weiterhin riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in den vergangenen Monaten mehrere Niederlagen einstecken. Sie sind an keinerlei Verhandlungen beteiligt. Für sie und andere Terrorgruppen gilt auch die landesweite Waffenruhe nicht.

Al-Kaida

Auch die Al-Kaida-nahe Fatah-al-Scham-Front (Ex-Al-Nusra-Front) ist von der Feuerpause aufgenommen. Sie hat sich mit anderen Gruppen zu einer Allianz zusammengetan und kämpft mit anderen Rebellen um die Vorherrschaft im Nordwesten Syriens.

Die Kurden

Kurdische Streitkräfte beherrschen mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Allerdings sind weder die wichtigste Kurdenpartei PYD noch die größte Kurdenmiliz YPG in Genf dabei. Die Türkei betrachtet sie als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und bekämpft sie deshalb.

Russland

Moskau ist wichtigster Verbündeter der Regierung. Seit September 2015 fliegt auch Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien. Sie richten sich gegen den IS ebenso wie gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind.

Iran

Teheran ist ein treuer Unterstützer der Assad-Regierung. Iraner kämpfen an der Seite der syrischen Soldaten. Auch die von Teheran finanzierte libanesische Schiitenmiliz Hisbollah sowie andere bewaffnete Gruppen sind in Syrien an Assads Seite im Einsatz.

Die Türkei

Sie ist mittlerweile der einflussreichste Partner der Rebellen. Ankara war neben Moskau maßgeblich daran beteiligt, dass es zu einer neuen Waffenruhe kam. Türkische Truppen sind in Nordsyrien im Einsatz, wo sie Rebellen im Kampf gegen den IS unterstützen.

Die USA und der Westen

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Deutschland stellt unter anderem sechs Tornados für Aufklärungsflüge über Syrien und ein Flugzeug zur Luftbetankung. In den jetzigen Verhandlungen spielt der Westen nur eine Nebenrolle.

Der IS hatte das Chaos im Zuge des seit fast sechs Jahren andauernden syrischen Bürgerkriegs genutzt, um in dem Land vom Irak aus Fuß zu fassen. Von den Friedensgesprächen in Genf ist der IS ausgeschlossen. Dort soll es darum gehen, Rebellen und Regierungsvertreter zusammenzubringen. Es sind die ersten Friedensgespräche in der Schweiz seit fast einem Jahr. Im April 2016 waren sie wegen der eskalierenden Gewalt besonders rund um die inzwischen unter Regierungskontrolle stehende Großstadt Aleppo abgebrochen worden. Danach initiierten Russland, die Türkei und der Iran ein neues Format in der kasachischen Hauptstadt Astana. Dort wurde eine Feuerpause vereinbart, die sich aber als brüchig erwiesen hat.

Im Vorfeld des Treffens in Genf hat der UN-Syrien-Gesandte Staffan de Mistura die Erwartungen gedämpft und erklärt, er rechne nicht mit einem Durchbruch. Fraglich ist allein schon, ob er die Vertreter der Konfliktparteien überhaupt in einen Raum zusammenbekommt. Für Donnerstag war nach Angaben von Diplomaten „eine Art Eröffnungszeremonie“ geplant, auf der De Mistura die Delegationen formell begrüßen wolle.

Von

rtr

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