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09.08.2012

16:32 Uhr

Syrien-Konflikt

Der Kampf ums nackte Überleben

Kein Strom, wenig Lebensmittel, kaum Medikamente: Für die Menschen in Aleppo wird die Lage unerträglich. Die Rufe nach Hilfe für die zwischen die Fronten geratenen Zivilisten in Syrien verhallen ungehört.

Die Zivilisten in Aleppo, Syrien leiden. AFP

Die Zivilisten in Aleppo, Syrien leiden.

BeirutJeden Morgen wirft Abu Tarik einen Blick auf seine langsam schwindenden Mehlbestände, nimmt sich einen Scheffel davon, knetet den Teig und backt sein Brot. Dann zieht er die fertigen Fladen aus dem Backofen, verteilt sie an ein Dutzend Familien, die noch in seiner Nachbarschaft verblieben sind, und an ein paar Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA), der Streitmacht der Aufständischen gegen das Regime von Baschar al-Assad. In seiner Gasse im Stadtviertel Al-Schaar im umkämpften Aleppo nennen sie Abu Tarik den „Bäcker der Revolution“.

Seit fast drei Wochen ist Krieg in der nördlichen syrischen Metropole mit ihrer malerischen Altstadt und ihrer mittelalterlichen Zitadelle. Für die zivilen Bewohner bedeutet das den Zusammenbruch des gewohnten Lebens. Es gibt keinen Strom mehr, die Telefone funktionieren nicht. Lebensmittel, Kochgas und Arzneimittel sind kaum mehr irgendwo erhältlich. Der Granatbeschuss der Regimetruppen macht die Suche nach Lebensmitteln zum lebensgefährlichen Unterfangen.

Regionale Player im Syrien-Konflikt

Israel

Ein Einsatz syrischer Massenvernichtungswaffen ist ein Alptraum für Israel, das dem Konflikt bisher eher als Beobachter beiwohnte. Jetzt warnt Jerusalem laut davor, dass Assads Chemie- und Flugabwehrwaffen in die Hände der Hisbollah oder Al-Kaidas fallen könnten. Positiv wäre für Israel, dass sein Erzfeind Iran mit Assad seinen wichtigsten Stützpfeiler in der Region verlieren würde. Mit Assad könnte Israel allerdings auch einen Nachbarn verlieren, der für weitgehende Ruhe an der gemeinsamen Grenze gesorgt hat.

Saudi Arabien und Katar

Die sunnitischen Herrscher vom Golf unterstützen in Syrien - wie schon zuvor in Libyen - die islamisch-konservativen Kräfte. Und versuchen, einen Verbündeten ihres Erzfeindes Iran zu schwächen. Daheim können sie sich so als Unterstützer der Revolution präsentieren, ohne Protesten Vorschub zu leisten. Damaskus will in Saudi-Arabien und Katar die Urheber des „Komplotts“ gegen sich identifiziert haben.

Türkei

Das Nato-Mitglied ist seit langem einer der schärfsten Kritiker des syrischen Regimes. Weiter verschärft wurde das Verhältnis Ende Juni durch den Abschuss eines türkischen Kampfflugzeuges vor der syrischen Küste. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sagte dem syrischen Volk daraufhin Unterstützung bis zur Befreiung von „Diktator“ Assad zu, bei weiteren Zwischenfällen werde sein Land mit Gewalt zurückschlagen. Ein Teil des Nachschubs der syrischen Rebellen wird durch die Türkei geschleust, die allerdings offiziell keine Waffen liefert.

Libanon

Das westliche Nachbarland Syriens ist zerrissen - eine gefährliche Lage. Die Sunniten im Libanon stehen mehrheitlich auf der Seite der syrischen Opposition, die zum Großteil ebenfalls aus Sunniten besteht. Über die Grenze werden auch Waffen geliefert. Die schiitische Hisbollah-Miliz hingegen, die in Beirut in der Regierung sitzt, ist mit dem Assad-Regime verbündet. Die Waffen, mit denen sie ihre Herrschaft sichert, kommen aus Damaskus. Seit einigen Wochen gibt es im Libanon Auseinandersetzungen zwischen pro- und anti-syrischen Gruppierungen, dabei gab es auch Tote.

Iran

Aus iranischer Sicht darf das syrische Regime keinesfalls fallen. Im Frühjahr erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad, er kenne keine Grenzen bei seiner Unterstützung für Präsident Assad. Angeblich schickte Teheran Militärberater und Kämpfer. Ohne Assads Regime würde es für den Iran schwerer, die eigene anti-israelische Ideologie zu verbreiten. Auch die pro-iranischen Milizen, besonders die Hisbollah in Libanon, würden geschwächt. Zuletzt bestätigte der Iran Gespräche mit Regimegegnern in Syrien und brachte sich als Vermittler ins Gespräch.

Al-Kaida

Das Terrornetzwerk Al-Kaida versucht einmal mehr, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Die Terroristen wollen sich als Speerspitze der Revolution präsentieren und das anschließende Tohuwabohu für ihre Zwecke nutzen.

„Es ist nichts mehr da in der Stadt“, sagt Abu Tarik. „Für die, die noch da sind, steht das Leben still.“ Der „Bäcker der Revolution“ backt weiter, so lange sein Mehlvorrat reicht. So lange werden die paar Familien in seiner Nachbarschaft überleben. Warum bleibt man überhaupt in so einer Lage? „Wir sehen, wie es denen geht, die geflohen sind“, sagt Abu Tarik. „Sie sitzen in Zelten und leiden. Deshalb entschieden wir uns, zu Hause zu leiden.“

Andere haben es noch schlechter getroffen als Abu Tariks Nachbarn. „Wir haben gar nichts mehr“, klagt Marwa, Mutter von vier Kindern im nordöstlichen Stadtteil Hananu. „Wir leben von Wasser und ein paar Fleischkonserven, die uns FSA-Soldaten vorbeigebracht haben.“ In der vergangenen Woche versuchte sie, Kochgas zu beschaffen. Ein Zylinder hätte 80 Dollar (65 Euro) gekostet - unbezahlbar für die Hausfrau. „Unser Schicksal hängt von Gottes Gnade ab“, meint Marwa.

Sanktionen gegen Syrien

Schwarze Liste für Auslandsreisen

Die EU hat eine schwarze Liste mit Personen und Unternehmen, die das syrische Regime unterstützen und die Gewalt im Land fördern. Wer darauf steht, darf nicht mehr in die EU reisen; außerdem wird seine Vermögen in der EU eingefroren. Für ein Unternehmen bedeutet ein Listenplatz, dass es keine Geschäfte mehr mit der EU machen darf. Am Montag kamen 26 Personen - nach Angaben von Diplomaten handelt es sich dabei um Mitglieder des Militärs oder der syrischen Geheimdienste - und drei neue Unternehmen dazu. Die gesamte Strafliste umfasst damit jetzt 155 Personen und 52 Organisationen oder Unternehmen.

Waffen-Exportverbot

Schon seit Mai 2011 dürfen die Mitgliedstaaten der EU keine Waffen mehr nach Syrien exportieren. Am Montag verschärften die EU-Außenminister das bestehende Waffenembargo. Flugzeuge und Schiffe mit Lieferungen an Syrien müssen jetzt speziell auf Waffenlieferungen kontrolliert werden. Anfang des Jahres war auf Zypern ein Schiff aufgehalten worden, das Munition von Russland nach Syrien bringen sollte.

Beschränktes Handelsembargo

Um die Wirtschaft des Landes zu schwächen, verhängte die EU verschiedene Handelsembargos: So dürfen EU-Staaten zum Beispiel kein Rohöl aus Syrien importieren oder in die Ölindustrie investieren. Auch andere Branchen wollen die Mitgliedstaaten finanziell und technologisch aushungern - wie die Bereiche Telekommunikation, Metalle und Edelsteine, Versicherungen und Banken

Luftverkehr

Nach Angaben des luxemburgischen Außenministers Jean Asselborn hat die EU auch die syrische Fluglinie Syrian Arab Airlines auf die Liste gesetzt. Ein Diplomat erklärte, die Flugzeuge dürften die EU noch überfliegen, dort aber allenfalls eine Notlandung machen.

Luxusartikel

Mit einem Beschluss aus dem April 2012 versuchte die EU dem syrischen Diktator Assad auch das Privatleben schwer zu machen: Sie verhängte eine Art Luxus-Sanktion. Für sich und seine Familie darf er seitdem in der EU unter anderem keine Trüffel, teuren Schuhe, Uhren oder Autos kaufen.

Dramatisch verschlechtert hat sich die medizinische Versorgungslage. In den von der FSA kontrollierten Teilen der Stadt funktionieren nur improvisierte Lazarette. Engagierte Ärzte und Helfer gewährleisten ihren Betrieb unter enormem persönlichen Einsatz. Jeden Tag behandeln sie Dutzende verletzte FSA-Soldaten und Zivilisten - gerade die Granaten verursachen schreckliche, nur schwer heilende Verwundungen. Doch in den Notlazaretten gehen die Medikamente aus.

Das Rote Kreuz und der Syrische Rote Halbmond versorgen inzwischen Menschen in Aleppo mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Wasser, wie aus einer Erklärung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) am Donnerstag hervorgeht. Doch die Zivilisten in den Kampfzonen erreichen die Helfer nicht, wie sie selbst einräumen. „Wir fordern die Konfliktparteien erneut dazu auf, humanitären Helfern in den Kampfgebieten freien und sicheren Zugang zu gewähren“, erklärte DRK-Präsident Rudolf Seiters in Berlin.

„Die Ärzte brauchen dringend Arzneien, Infusionen und anderen medizinischen Bedarf“, appelliert auch der Aktivist Bassam al-Halebi an die Weltöffentlichkeit. „Wie können sie den Bedürftigen helfen mit dem, was sie haben? Nur Gott weiß es.“

Von

dpa

Kommentare (1)

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SchnauzeVollVonDerMedienschauver

09.08.2012, 17:00 Uhr

Also mal ehrlich:
Keiner der Aufständischen wurde zum Krieg gezwungen.
Man hat ihn aber gesucht, weil man vermutete, dass der "Große Bruder" USA und Konsorten es schon richten würden.
Für solche Fanatiker und ihre selbstgemachten Katastrophen habe ich nur begrenzt Mitgefühl.
Zumal sie sich als depperte Bauernopfer ür die Großmachtsgelüste der USA hergeben.

Krieg ist Scheiße!
Immer und Überall!
Für Jeden.
Spart euch also das Jammern.
Das gilt für alle.

Und Helden sind Dumme, die glauben etwas bewegt zu haben, und, schaut mal nach, zuallermeist Mausetot, so dass sie sich dieser vielleicht "üblen" Nachrede nicht erwehren können.

Wir sollten uns aus diesem selbstgemachten Chaos heraus halten.

Es gibt keine demokratische oder sonstige Legitimierung in Syrien einzugreifen.

Wie die Mehrheiten wirklich sind, ist Kaffesatzleserei.

Hegemonialgedanken sind es, die die Szene bestimmen.
Alles andere ist Blödsinn.

Und dafür opfere ich nich eintmal mein Kaffetrinken mit meinem Nachbarn heute abend im Garten.

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