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18.03.2016

20:04 Uhr

Syrien-Konflikt

Ein Krieg verändert die Welt

Der Konflikt in Syrien hat erst das Land und dann eine ganze Region zerstört. International hat er die Machtverhältnisse durcheinander gewirbelt. Wer der große Verlierer ist, überrascht.

Ein Soldat der Freien Syrischen Armee steht auf einem Panzer. Seit mehr als fünf Jahren bekämpft die Oppositionsgruppe das Regime von Baschar al-Assad. AP

Vormarsch

Ein Soldat der Freien Syrischen Armee steht auf einem Panzer. Seit mehr als fünf Jahren bekämpft die Oppositionsgruppe das Regime von Baschar al-Assad.

BeirutSie waren noch Kinder, als sie im Frühjahr 2011 mit einer Spraydose bewaffnet durch die Straßen von Daraa liefen. Vor einer Mauer hielten sie und sprühten: „Du hast das Land geplündert, Assad – jetzt bist du dran.“ Niemand konnte wissen, welche Konsequenzen dieser Schriftzug haben sollte. Denn was folgt sind Festnahmen durch den Geheimdienst, Folter, Misshandlung.

Ein hoher Beamte sagte zu den Eltern der Kinder: „Vergesst diese Kinder, macht neue“. Die Eltern machten die Aussagen publik – und sie verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sie war der Auslöser eines Konflikts, der erst Syrien in einen Bürgerkrieg stürzte, dann eine Region ins humanitäre Chaos und schlussendlich das weltpolitische Machtgefüge durcheinander wirbelte. Fünf Aspekte, die zeigen, wie ein Konflikt die Welt verändert:

Aufstieg der Terrormiliz Islamischer Staat

Im Machtvakuum des Syrienkonflikts stieg ein kaum bekannter, extrem gewalttätiger Ableger von Al-Kaida zur weltweit vorherrschenden Terrormiliz auf. 2014 übernahm die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die nordsyrische Stadt Rakka und eroberte anschließend Mossul im Nordirak. Schließlich beherrschte die Terrormiliz auf beiden Seiten der Grenze ein Gebiet von der Größe Großbritanniens und erlangte dort die Kontrolle über Waffen, Vermögenswerte und Menschen.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Die syrische Regierung hatte der Ausbreitung des IS nichts entgegenzusetzen, da ihre Kräfte im Kampf gegen Oppositionsgruppen in den bevölkerungsreicheren Gebieten am Mittelmeer gebunden waren.

Der IS verbreitet in der Region – und weltweit – Furcht. Er geht brutal gegen Minderheiten vor, misshandelt Frauen systematisch als Sexsklavinnen, hat reguläre staatliche Truppen bezwungen und macht aus der Tötung von Gegnern öffentlichkeitswirksame Spektakel. Er hat Weltkulturerbe-Stätten wie die antike Oasenstadt Palmyra zerstört und befeuert den illegalen Handel mit Kulturschätzen.

Der IS hat von Frankreich bis Jemen Terroranschläge verübt und sich im Norden Libyens ein weiteres Standbein aufgebaut, das das sogenannte Kalifat in Syrien und Irak überdauern könnte. Und er hat tausende junge Männer und Frauen aus Europa angelockt, die sich ihm angeschlossen haben.

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