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16.02.2016

21:48 Uhr

Syrien-Konflikt

Türkei wirbt für Einsatz von Bodentruppen

Der türkische Außenminister spricht sich für einen gemeinsamen Bodeneinsatz mit den Alliierten im Syrien-Konflikt aus. Einen Alleingang schließt er aber aus. Die syrische Regierung stimmt unterdessen Hilfslieferungen zu.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Reuters

Syrien-Konflikt

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu.

Istanbul, AnkaraDie Türkei hat bei ihren Alliierten im Syrien-Konflikt für einen gemeinsamen Einsatz von Bodentruppen geworben. Der Nato-Staat werde aber nicht allein mit Saudi-Arabien und Katar Truppen dafür stellen, sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Dienstag in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen.

Die türkische Armee nahm unterdessen Militärkreisen zufolge den vierten Tag in Folge Ziele der kurdischen YPG-Miliz in Syrien ins Visier. Die Gruppe, die von der Regierung in Ankara als Terrororganisation betrachtet wird, baut im Windschatten der Erfolge der syrischen Regierungstruppen gegen andere Aufständische ihre Positionen an der türkischen Grenze aus. Die syrische Regierung stimmte UN-Angaben zufolge Hilfslieferungen für sieben umkämpfte Gebiete zu. Die Konvois würden in wenigen Tagen starten, erklärte die UN-Behörde zur Koordinierung humanitärer Nothilfe (Ocha).

Beratungen laufen bereits

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Die Türkei, Saudi-Arabien und einige europäische Staaten befürworteten den Einsatz von Bodentruppen, sagte Cavusoglu. Wenn es einen Bodeneinsatz gebe, müsse er aber auch gemeinsam ausgeführt werden - genau wie die Luftangriffe der internationalen Koalition. Ein türkische Regierungsvertreter sagte, über die Frage nach Bodentruppen gebe es bereits Beratungen mit den Alliierten des Anti-IS-Bündnisses, darunter mit den USA. Die Regierung in Washington hat eine großangelegte gemeinsame Bodenoffensive ausgeschlossen. Verteidigungsminister Ashton Carter bat aber am Freitag Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate um die Entsendung von Elitetruppen für den Kampf um die syrische Stadt Rakka. Das Königreich hat sich dazu grundsätzlich bereiterklärt.

Die türkische Armee feuerte nach Angaben aus Militärkreisen am Dienstag erneut Granaten auf kurdische Milizen. Damit sei auf Beschuss aus Syrien reagiert worden. Am Montag hatte die Türkei den Milizen "schärfste Reaktionen" angedroht, sollten sie ihren Vormarsch im Norden Syriens fortsetzen. Die Türkei, die Kurdenorganisationen im eigenen Land bekämpft, fürchtet deren Erstarken im Nachbarland. Ermöglicht wurden die Erfolge der YPG durch die von der russischen Luftwaffe unterstützte Offensive der syrischen Armee. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte, Russland und Syrien zielten darauf ab, einen Korridor für kurdische Kämpfer zu schaffen.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Bürgerkrieg in Syrien

Seit mehr als vier Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Dem Regime in Damaskus steht eine Vielzahl von Gegnern gegenüber, die Lage ist unübersichtlich. Längst werden die Rebellen von islamistischen und radikalen Gruppen dominiert.

Regime

Die Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden Assads Anhänger von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien. Sie kontrolliert im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in diesem Jahr mehrere Niederlagen gegen die syrischen Kurden einstecken.

Dschaisch al-Fatah

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die radikale Al-Nusra-Front, die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrien Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib.

Al-Nusra-Front

Der Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida vertritt eine ähnliche Ideologie wie IS, beide Gruppen sind aber miteinander verfeindet. Die Nusra-Front ist vor allem im Nordwesten des Landes stark, kämpft aber auch im Süden.

Ahrar al-Scham

Die islamistische Miliz ist neben der Nusra-Front die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger.

Freie Syrische Armee

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis gehören, sowie im Süden.

Kurdische Volksschutzeinheiten

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte die YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückschlagen. Dort haben die Kurden eine Selbstverwaltung aufgebaut. Sie kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch zu Zusammenstößen mit Rebellengruppen in Aleppo.

Syrische Regierungstruppen sind bis auf 25 Kilometer an die türkische Grenze herangerückt. Ziel ist die Abriegelung des Nachschubs für Aufständische, der bislang hauptsächlich über die Türkei kam. Bodentruppen würden die Gefahr einer direkten Konfrontation der Türkei mit Russland vergrößern.

Vertreter der Syrien-Kontaktgruppe, an der sich auch Russland und die Türkei beteiligen, hatten sich am Freitag auf einen Waffenstillstand und die Lieferung von Hilfsgütern verständigt. Allerdings soll die Vereinbarung erst Ende dieser Woche in Kraft treten. Zudem wurde sie von keiner Kriegspartei unterzeichnet. Staatschef Baschar al-Assad erklärte, innerhalb einer Woche sei ein Waffenstillstand nicht zu machen. Für ihn habe die Bekämpfung des Terrorismus Priorität.

Die UN-Behörde Ocha teilte mit, die syrische Führung habe Hilfskonvois unter anderem nach Muadamija al-Scham in der Nähe von Damaskus und Deir al-Sor zugestimmt. In Syrien sind viele Menschen durch die Kämpfe von der Außenwelt abgeschnitten und brauchen dringend Hilfe.

Von

rtr

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