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15.02.2016

20:27 Uhr

Syrien-Krieg

50 Zivilisten sterben bei Angriffen auf Krankenhäuser und Schulen

Der Syrien-Krieg eskaliert: Russland will trotz Waffenruhe weiterbomben, die Türkei droht mit „schärfsten Reaktionen“. Bei Luftangriffen auf Krankenhäuser und Schulen sind mindestens 50 Menschen gestorben.

Frankfurt/Damaskus/Istanbul/MoskauFür die einen ist es eine Feuerpause binnen sieben Tagen, für die anderen ein Freibrief, noch eine Woche weiter zu bomben. Nachdem auf der Münchener Sicherheitskonferenz am Wochenende noch überraschend eine Art Waffenruhe vereinbart worden ist, fliegen kaum einen Tag später wieder die Bomben.

Bei einem Luftangriff in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens ist ein Not-Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen (MSF) getroffen worden. „Das Krankenhaus wurde nach Angaben von dem Personal vor Ort bei zwei Angriffen innerhalb weniger Minuten viermal getroffen“, erklärte Mitarbeiter Stefan Dold.

Außerdem wurde ein Kinder- und Frauenkrankenhaus in Azaz an der türkischen Grenze zerbombt. Wer die Klinik betreibt, ist unklar. Nach UN-Angaben wurden bei Angriffen auf mehrere medizinische Einrichtungen und Schulen insgesamt fast 50 Menschen getötet. Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte sich besorgt. Solche Angriffe seien eine Verletzung des Völkerrechts. Videos von vor Ort zeigen aufsteigende Rauchsäulen, Schreie sind zu hören. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sagte, russische Flugzeuge seien für den Angriff verantwortlich.

Trotz der Einigung auf eine Feuerpause in Syrien scheint ein Ende der Kampfhandlungen in dem Bürgerkriegsland wieder in die Ferne zu rücken.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Bürgerkrieg in Syrien

Seit mehr als vier Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Dem Regime in Damaskus steht eine Vielzahl von Gegnern gegenüber, die Lage ist unübersichtlich. Längst werden die Rebellen von islamistischen und radikalen Gruppen dominiert.

Regime

Die Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden Assads Anhänger von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien. Sie kontrolliert im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in diesem Jahr mehrere Niederlagen gegen die syrischen Kurden einstecken.

Dschaisch al-Fatah

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die radikale Al-Nusra-Front, die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrien Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib.

Al-Nusra-Front

Der Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida vertritt eine ähnliche Ideologie wie IS, beide Gruppen sind aber miteinander verfeindet. Die Nusra-Front ist vor allem im Nordwesten des Landes stark, kämpft aber auch im Süden.

Ahrar al-Scham

Die islamistische Miliz ist neben der Nusra-Front die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger.

Freie Syrische Armee

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis gehören, sowie im Süden.

Kurdische Volksschutzeinheiten

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte die YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückschlagen. Dort haben die Kurden eine Selbstverwaltung aufgebaut. Sie kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch zu Zusammenstößen mit Rebellengruppen in Aleppo.

Auch die Türkei rasselt mit den Säbeln und verschärft den Konflikt mit Russland: Die Türkei drohte am Montag mit „schärfsten Reaktionen“, sollten Kurdenmilizen ihren Vormarsch fortsetzen. Russland kündigte an, seine Luftangriffe auch nach einer Einigung auf einen Waffenstillstand fortzusetzen. Zwischen beiden Staaten wachsen die Spannungen: Während Russland der Türkei vorwarf, das Einsickern von Dschihadisten nach Syrien zuzulassen, gab die Regierung in Ankara der russischen Armee die Schuld für den Raketenangriff auf das Kinderkrankenhaus in Asas. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu bezichtigte Russland, sich wie „eine Terrororganisation“ zu verhalten.

Zurzeit versuchen Truppen von Präsident Baschar al-Assad mit Hilfe der russischen Luftwaffe, Aleppo in Nordsyrien einzunehmen. An den Kämpfen beteiligen sich auch Kurdenmilizen, die von den Rebellen mehrere Orte und den Militärflughafen Menagh eroberten. Nach Erkenntnissen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte haben die Kurden auch schon den größten Teil der Stadt Tal Rifaat eingenommen, die zwischen Aleppo und Asas liegt.

Die Erfolge der Kurden hat die Türkei auf den Plan gerufen, die ein Erstarken kurdischer Gruppen fürchtet. Ein Teil der Kämpfe konzentriert sich auf Asas. Dort halten sich Zehntausende Flüchtlinge auf.

Sein Land werde nicht zulassen, dass Asas in die Hände der kurdischen YPG-Miliz falle, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu. Die Türkei werde zudem den Militärflugplatz Menagh unbenutzbar machen, sollte sich die YPG nicht von dort zurückziehen. Am Wochenende hatte die türkische Armee Stellungen der YPG beschossen und damit nach eigenen Angaben die Einnahme von Asas verhindert. Empört reagierte die Türkei auf Mahnungen der USA, sich auf den gemeinsamen Kampf mit der YPG gegen die Extremistenmiliz IS zu besinnen. Man sei darüber schockiert, mit der YPG in einen Topf geworfen zu werden, sagte ein Sprecher des Außenministeriums.

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