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14.12.2016

06:51 Uhr

Syrien-Krieg

Abzug von Rebellen und Zivilisten aus Ost-Aleppo verzögert sich

Die syrischen Regierungstruppen haben Aleppo zurückerobert – die Rebellen haben eingewilligt, die heftig umkämpfte Stadt zu verlassen. Doch Frieden sieht anders aus.

Nach jahrelangen Kämpfen

Abzug verzögert – Ist der Waffenstillstand in Gefahr?

Nach jahrelangen Kämpfen: Abzug verzögert – Ist der Waffenstillstand in Gefahr?

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Beirut/New YorkDer geplante Abzug von Kämpfern und Zivilisten aus den Rebellengebieten der umkämpften syrischen Stadt Aleppo verzögert sich. Hintergrund seien Differenzen zwischen dem Regime und seinem Verbündeten Russland über die Einigung mit den Rebellen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwochmorgen. Demnach ist Syriens Führung unzufrieden, weil Russland die Einigung ohne Abstimmung mit ihr verkündet hat. Bislang habe noch niemand die Stadt verlassen.

Regime und Rebellen hatten sich am Dienstag nach wochenlangen schweren Kämpfen auf den Abzug geeinigt. Aus syrischen Regierungskreisen hieß es, er solle am frühen Mittwochmorgen beginnen. Journalisten berichteten aus Aleppo, erste Busse für den Transport stünden bereit. Die Kämpfer und Zivilisten sollen die Stadt in Richtung der von Rebellen kontrollierten Provinz Idlib verlassen.

Am Dienstag hatte Russland erklärt, dass alle Militärhandlungen im zuletzt von Rebellen gehaltenen Osten Aleppos vorbei seien. Bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats sagte der russische Botschafter Witali Tschurkin, die syrische Regierung habe die Kontrolle über die Gebiete wiedererlangt. Den „Terroristen“ – so bezeichnet Assad alle Aufständischen in Syrien, egal welcher Gruppe angehörig – sei freies Geleit zugesichert worden. Auch die Aufständischen in Aleppo hatten zuvor mitgeteilt, dass eine Waffenruhe vereinbart worden sei.

Warum Aleppo im Krieg so wichtig ist

Symbolwirkung

Aleppo hat sich zum Symbol für den verheerenden Konflikt entwickelt. Die Stadt war nahezu seit Beginn der Kämpfe zwischen Regime und Rebellengruppen geteilt und ist das am schwersten umkämpfte Schlachtfeld in dem Krieg. Wer hier siegt, hat auch einen immensen psychologischen Vorteil.

Letzte Hoffnung für Rebellen

Aleppo ist die letzte Großstadt, in der Aufständische noch Gebiete kontrollieren. Damaskus und Homs sind fest in der Hand der Truppen von Syriens Präsident Baschar al-Assad. Den Rebellen blieben ohne die ehemals größte Stadt des Landes nur noch einige eher ländliche Gebiete wie die Provinz Idlib.

Strategisch wichtig

Nicht zu unterschätzen ist der militärische Spielraum, den die syrische Armee bei einer Eroberung gewinnen würde. Die Schlacht um die ehemalige Handelsmetropole bindet viele Kräfte. Diese könnten sich dann auf andere Rebellengebiete des Landes konzentrieren und das Ende des Bürgerkrieges erzwingen.

Einfluss Russlands

An der Entwicklung in der nordsyrischen Stadt lässt sich der Einfluss Russlands seit seinem Kriegseintritt vor mehr als einem Jahr sowie der des Irans ablesen. Ohne diese beiden Verbündeten wäre das geschwächte Regime nicht in der Lage gewesen, die Rebellen so in die Defensive zu drängen.

Verfehlte Politik des Westens

An Aleppo zeigt sich die Schwäche und die verfehlte Politik des Westens, allen voran der USA und seiner Verbündeten. Sie ließen ein Machtvakuum im Bürgerkrieg entstehen, in das Moskau zugunsten der syrischen Regierung vorstieß - und gucken nun ohnmächtig der zivilen Katastrophe zu.

Verhandlungsbasis

Die Eroberung Aleppos würde dem Regime eine starke Verhandlungsbasis für künftige Friedensgespräche geben – falls Assad diese angesichts seines Siegeszuges überhaupt für nötig halten sollte.

Der syrische UN-Botschafter wies Vorwürfe zurück, nach denen das Militär Racheakte an Zivilisten und Massentötungen verübt haben soll. Die Soldaten hätten die Bürger im Osten der Stadt von „Terroristen“ befreit, sagte Baschar Dschaafari am Dienstag. Derzeit würde die Identität aller Menschen überprüft, die Aleppo verlassen – Terroristen und ausländische Kämpfer müssten ausgemerzt werden.

Schon bevor die Rückeroberung verkündet wurde, hatte die internationale Gemeinschaft vor Racheakten und Massentötungen gewarnt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er habe glaubwürdige Berichte über Zivilisten bekommen, die durch Bombenangriffe und willkürlichen Mord durch die Assad-Regierung ums Leben gekommen seien. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte zitierte aus Berichten, wonach die Regierungstruppen von Haus zu Haus gegangen sein und dabei Dutzende Zivilisten töteten.

Die amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power sprach die Regierung Assad, Russland und den Iran bei einer Rede im UN-Sicherheitsrat direkt an: „Sie tragen die Verantwortung für diese Gräueltaten.“ Der Nachrichtenagentur AP berichteten mehrere Bewohner und Aktivisten der Opposition, syrische Regierungstruppen hätten Rebellen am Montag massenweise umgebracht – ohne jedoch selbst Zeugen gewesen zu sein. Das syrische Militär wies alle Vorwürfe zurück. Die Anschuldigungen seien ein verzweifelter Versuch, international Mitleid zu erregen.

Syrer im umkämpften Aleppo: „Wir haben Gott um Gnade angefleht“

Syrer im umkämpften Aleppo

„Wir haben Gott um Gnade angefleht“

In Aleppos Rebellengebieten harren noch immer Zehntausende aus, die mit dem Schlimmsten rechnen. Ihre Hoffnung auf Rettung schwindet mehr und mehr. Manche Botschaften klingen nach einem Abschied von dieser Welt.

Das Kinderhilfswerk Unicef berichtete vor Bekanntgabe der Waffenruhe, dass möglicherweise auch mehr als 100 Kinder in einem Haus im Rebellengebiet eingeschlossen seien, das beschossen werde. Die Weltgemeinschaft müsse für diese Kinder einstehen und diesem Alptraum ein Ende setzen, sagte der Regionaldirektor der Organisation, Geert Cappelaer.

Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz rief zu einem Schutz der Zivilisten auf. Sie hätten keinen Ort, an den sie fliehen könnten, hieß es in einer Erklärung. Das IKRK und die UN-Organisationen riefen die syrische Regierung auf, die Regeln der Kriegsführung und der Menschlichkeit zu wahren.

UN-Botschafter Dschaafari erklärte, es sei das „konstitutionelle Recht“ Syriens, Jagd auf Terroristen zu machen. „Aleppo ist zur Nation zurückgekehrt“, sagte er. In den regierungstreuen Teilen im Westen der Stadt wurde dies auch gefeiert: Menschen fuhren in Autokolonnen durch die Straßen, hupten und schwenkten syrische Fahnen.

Krisenherde in der arabischen Welt

SYRIEN

Seit 2011 wird das Land von einem Bürgerkrieg und dem Terror des Islamischen Staates (IS) erschüttert, mehr als 400.000 Menschen kamen bereits ums Leben. Millionen wurden vertrieben.

IRAK

Der zeitweilige Vormarsch des IS hat viele Menschenleben gekostet. 2015 starben in dem zerrütteten Land mehr als 7.500 Zivilpersonen eines gewaltsamen Todes. Dieses Jahr waren es bis September mehr als 4.000.

GAZA

Seit 2008 gab es drei Gaza-Kriege. Allein während des jüngsten Konflikts im Sommer 2014 wurden mehr als 2.200 Menschen getötet.

TÜRKISCHES KURDISTAN

Im Kurdenkonflikt starben seit 1984 mehr als 40.000 Menschen. Er strahlt in Nachbarländer ab. Seit 2015 eine Waffenruhe endete, herrschen in Teilen der Südosttürkei bürgerkriegsähnliche Zustände.

JEMEN

Im Bürgerkrieg zwischen der von Saudi-Arabien unterstützten sunnitischen Regierung und den schiitischen Huthi-Rebellen sind seit März 2015 mehr als 4.000 Zivilisten getötet worden.

SINAI

Das ägyptische Militär kämpft auf der Halbinsel gegen das Terrornetzwerk Islamischer Staat. Hunderte Menschen starben seit 2011 bei Anschlägen radikaler Islamisten auf der Halbinsel und in Kairo.

LIBYEN

Libyen ist nach dem Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi 2011 in Chaos und Bürgerkrieg versunken. Das Land gilt als Sammelbecken für IS-Kader aus dem Kerngebiet in Syrien und dem Irak.

Für die Regierung Baschar al-Assads ist die Rückeroberung ein großer Erfolg im Kampf gegen die Rebellen. Doch gehen Experten nicht davon aus, dass der Krieg bald endet. Die UN befürchten, dass die Kämpfe künftig in der von Rebellen gehaltene Provinz Idlib fortgesetzt werden könnten.

Russland bezeichnete die Darstellung der Kämpfe durch den Westen als scheinheilig. Die Extremisten in Aleppo hätten die mehr als 100.000 Einwohner von Ost-Aleppo als menschliche Schutzschilde missbraucht, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien erklärte, seit Mitte November hätten Regierungstruppen 6.000 Jugendliche und erwachsene Männer festgenommen, die vor dem Sturm auf Ost-Aleppo hätten fliehen wollen. Ihnen werde vorgeworfen, sich dem Militärdienst entzogen zu haben, sie würden nun zum Dienst gezwungen. Die Beobachtungsstelle berief sich am Dienstag auf Kontakte im Sicherheitsapparat. Die syrische Armee leidet unter akutem Personalmangel.

Kommentare (10)

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Herr Hans Mayer

14.12.2016, 08:48 Uhr

Liebes Handelsblatt, es handelt sich in Syrien nicht um "Rebellen" und "Aufständische", sondern um Terroristen, ihre Beobachtungsstelle für Menschenrechte in SYrien hat ihren Sitz in England und ist eine 1Mann Show in einer Pommes Buse.
Das die Terroristen jetzt mit ihrem Anhang an Gesindel durch Busse die Stadt verlassen dürfen, ist mehr als großzügig.
Nehmen sie es so hin, Aleppo ist befreit worden, die Terroristen sind auf der Flucht oder tot.
Oder wieso feiern die Menschen auf den Strassen, schauen sie sich zur Abwechslung mal in Netz um.

Account gelöscht!

14.12.2016, 08:53 Uhr

Frieden schaut anders aus....ist schon klar...der Friede schaut bei euch so aus, dass die von der USA unterstützen Rebellen weiter Krieg führen sollen und das Leid und den Tod in Syrien weiter am Laufen zu halten.
Es ist einfach nur noch eine erbärmliche Bericht-Medienerstattung was hier stattfindet!
Kein Wunder, dass der 30 Jährige Krieg in Deutschland solange anhalten konnte. Die Deutschen glauben mehr an die Propaganda und weniger an ihren eigenen Verstand.
Ohne Worte!

Herr Otto Berger

14.12.2016, 09:28 Uhr

HB : " Hintergrund seien Differenzen zwischen dem Regime und seinem Verbündeten Russland über die Einigung mit den Rebellen,"
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Bei den letzten Waffenstillstandsverhandlungen zählte man etwas über 100 gegen Assad "arbeitende" (Söldner etc., die von irgendeinem Interessenten bezahlt werden) Milizen mit unterschiedlichsten Interessen. Wer will diese Interessen denn abgleichen können, hin zu einem Frieden ?
Fazit : Dieser Krieg wird solange fortgesetzt werden, bis die Kombattanten vor Erschöpfung nicht mehr in der Lage sein werden, dass Messer am Halse des jeweils anderen noch durchziehen zu können und bis zu diesem Zustand kann der Krieg - reichliche Zufuhr an Waffen, Geld etc. vorausgesetzt - noch viele,Jahre andauern und die Welt wird sich an die Jagdszenen auf Zivilisten gewöhnt haben und nur noch müde und angewidert abwinken.

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