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30.11.2015

11:20 Uhr

Syrien-Krieg – ein Kommentar

Beelzebub Assad soll den Teufel IS austreiben

VonRüdiger Scheidges

Die westliche Allianz will Assad gegen den IS einspannen. Damit spielt Syriens Diktator plötzlich im eigenen statt im gegnerischen Team. Nach den Pariser Anschlägen verschlingt ein Sog der Solidarität jede Rationalität.

Auf Russlands Präsident Wladimir Putin kann sich Syriens Machthaber Bashar al-Assad (l.) bislang verlassen. ap

Assad und Putin

Auf Russlands Präsident Wladimir Putin kann sich Syriens Machthaber Bashar al-Assad (l.) bislang verlassen.

Es ist nicht ganz so lange her, dass US-Präsident Obama dem syrischen Diktator Baschar al-Assad eine rote Linie gezogen hat: „So weit und keinen Zentimeter weiter“, rief er tapfer dem Kriegsverbrecher entgegen, der Fassbomben und chemische Waffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzte.

Nun ist die „große Allianz des Westens“ dabei, diese rote Linie zu übertreten: Sie plant, Assads Truppen, die die Syrer, also ihre Landsleute, zu Hauf ausrotten – 300.000 Tote und Abermillionen Flüchtlinge –, im großen Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) mit ins Kriegsboot zu nehmen.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Radikaler als Frankreich, Deutschland, Russland und die USA, die eigene chaotische Strategie in Nahost mit diesem Schritt derart in Zweifel zu ziehen, könnten es nicht einmal Assad oder Putin selbst tun. Die Strategie des Westens heißt: den Teufel (IS) mit dem Beelzebub (Assad) austreiben.

Ob der „Dead Man Walking“ Assad dies als „Nur weiter so!“ begreift, sei dahingestellt. Ins Fäustchen lachen wird er sich gewiss. Es ist dieses diplomatische Manöver, dieses militärische Kalkül – eine offene Bankrotterklärung jeglicher politischer Ethik. Es ist der Höhepunkt einer völlig gescheiterten Politik des Westens gegenüber der „islamischen Gefahr“.

Die große Allianz gegen den IS, in die nun Deutschland einscheren will (morgen entscheidet der Bundestag über den militärischen Einsatz) ist von großer Unübersichtlichkeit gekennzeichnet. Die Lösung des Problems soll erst durch die Verursacher möglich werden.

Erfolge, Niederlagen und Terror des IS seit Ausrufung des „Kalifats“

IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak hervor. Ein Rückblick:

29. Juni 2014

Die sunnitischen Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein „Kalifat“ aus. Erster „Kalif“ des neuen Gottesstaates sei Anführer Abu Bakr al-Bagdadi.

August 2014

8. August: Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak.

August: Die Enthauptung eines US-Journalisten schockt die Welt. In den folgenden Monaten verbreitet der IS im Internet weitere Videos mit der Ermordung zweier US-Bürger und zweier Briten.

19. September und Dezember 2014

19. September: Frankreich startet mit Hilfe arabischer Partnerländer erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

Dezember: Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.

Januar und Februar 2015

Januar 2015: Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.

Februar: Ein Video zeigt, wie ein gefangener jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zuvor hatte die Terrormiliz bereits die Tötung zweier japanischer Geiseln zur Schau gestellt.

März und April 2015

März: Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.

April: IS-Kämpfer dringen in Ramadi 100 Kilometer westlich von Bagdad ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad, dürfen die Hauptstadt aber nicht betreten.

Mai und Juli 2015

Mai: Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.

Juni: Der IS verbreitet ein schockierendes Video über neue Hinrichtungsmethoden.

24. Juli und 6. August 2015

24. Juli: Nach einem dem IS zugeschriebenen Anschlag im türkischen Suruc fliegen türkische Kampfjets erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Zudem öffnet Ankara wenig später den südtürkischen Nato-Stützpunkt Incirlik für US-Luftschläge gegen den IS.

6. August: Einer US-Bilanz zufolge hat das internationale Anti-Teror-Bündnis in einem Jahr mehr als 5900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien geflogen. Außerdem sollen 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden sein.

18. und 23. August 2015

18. August: Der IS enthauptet den früheren Chef-Archäologen der irakischen Oasenstadt Palmyra. Nach US-Angaben stirbt die Nummer zwei der Terrormiliz, Hadschi Mutas, bei einem Luftangriff im Irak.

23. August: Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Tempel Baal Schamin in Palmyra. Einige Tage später zerstören die Extremisten auch den Baaltempel.

September 2015

Eine weitere Koalition bildet sich.  Russland bestätigt erstmals die Präsenz von Militärexperten in Syrien. Vorher waren Bilder russischer Soldaten in Syrien in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Russland und Iran unterstützen Syrien im Kampf gegen den IS, aber auch gegen andere Oppositionsgruppen.

November 2015

Nach den Anschlägen von Paris vom 13. November mit mindestens 129 Toten fliegt die französische Luftwaffe verstärkt Angriffe auf die Stadt Al-Raqqa, das inoffizielle Zentrum des vom IS kontrollierten Gebiet im Irak und Syrien. Frankreich fliegt bereits seit September 2014 Luftangriffe auf IS-Stellungen.

Der große Alliierte Frankreichs und Deutschlands, Kremlchef Wladimir Putin, bekämpft derzeit nicht Assad, sondern jene in Syrien, die ihn verjagen wollen. Zum Beispiel die Rebellen, zum Beispiel die Kurden. François Hollande begreift unter dem Eindruck der Attentate von Paris nun ebenfalls Assad als das weit geringere Übel im Vergleich zum IS.

Die Strategie Putins vereint sich mit derjenigen Teherans (der Feind des vom Westen mit Kriegswaffen aufgepäppelten Saudi-Arabien), nach der ebenfalls Assad gestützt und dessen Gegner bekämpft werden. Und nicht zu vergessen die heikle Motivation dieser beiden Parteien: Der IS ist ihnen schon deshalb ein gar nicht so grauslicher Feind, da er doch vor allem den Westen mit Bomben bedroht.

Die beiden großen Alliierten, die Türkei und Russland, befehden sich gegenseitig, schießen sich die Jets vom Himmel und boykottieren sich durch Handelsbarrikaden. Die USA, die unter ihrem damaligen Präsidenten George W. Bush und seinem Irak-Krieg wesentlich zu der unheilvollen Lage in Nahost beigetragen und sie unter dem amtierenden Barack Obama nicht bekämpft haben, glänzen durch Attentismus – neudeutsch „Zuwarten“ genannt.

Kommentare (39)

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Herr C. Falk

30.11.2015, 11:48 Uhr

Was für ein Hohn. Ein vormals funktionierendes, wenn auch autoritäres Staatswesen wie Syrien, wurde durch eine bewaffnete syrische Opposition destabilisiert. Assad hat grausam zurückgeschlagen, um seine Herrschaft zu sichern, wie das jeder Staatschef in dieser Region macht, man denke nur an die brutale Vorgehensweise der Türkei gegen die Kurden vor noch nicht langer Zeit, die über 40.000 Kurden das Leben gekostet hat.

Koalitionen zur Bekämpfung von Terror sind ziemlich normal. Die Situation in Syrien und dem Irak ist allerdings durch geostrategische Einflussnahme von außen hochkomplex, Russland, die USA, Saudi-Arabien, die Türkei, der Iran die Golfstaaten haben Interessen und sind zum Teil mitverantwortlich für das Entstehen des IS, den sie nun angeblich bekämpfen.

Im Fall der Türkei und Saudi - Arabien kann man wohl davon ausgehen, dass dieser Kampf gegen den IS mehr symbolischer Art ist.

Die Türkei hat zumindest bisher lukrative Geschäfte mit dem IS gemacht, was man Herrn Assad wohl nicht nachsagen kann.

Frau mona mariposa

30.11.2015, 11:52 Uhr

"Es ist nicht ganz so lange her, dass US-Präsident Obama dem syrischen Diktator Baschar al-Assad eine rote Linie gezogen hat: „So weit und keinen Zentimeter weiter“, rief er tapfer dem Kriegsverbrecher entgegen, der Fassbomben und chemische Waffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzte." Soweit die hetzerische US-getriebene Nato Propaganda. Es ist diese abgrundtiefe Verlogenheit und Heuchelei, welche die 'Glaubwürdigkeit der hiesigen Presse auf Null reduziert.

Peter Kraus

30.11.2015, 12:09 Uhr

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