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27.09.2016

17:04 Uhr

Syrien-Krieg

Sturm auf Aleppo

Bodenoffensive in Aleppo: Die syrische Armee stößt in Rebellengebiete in der umkämpften Metropole vor. Die USA werten dies als Beleg, dass Damaskus und Moskau kein Interesse an einem Friedensprozess haben.

Seit Donnerstag sollen in der syrischen Stadt Hunderte Menschen ums Leben gekommen sein, Dutzende davon Kinder. Reuters

Aleppo

Seit Donnerstag sollen in der syrischen Stadt Hunderte Menschen ums Leben gekommen sein, Dutzende davon Kinder.

BeirutIn Syrien setzt die Armee von Präsident Baschar al-Assad zum Sturm auf die Rebellengebiete in der Metropole Aleppo an. Nach tagelangen Luftangriffen stießen die Soldaten in einer großangelegten Bodenoffensive auf Stellungen der Aufständischen an vier Orten gleichzeitig vor, teilte ein hochrangiger Vertreter der Aufständischen am Dienstag mit.

Die USA werteten den Großangriff als Beleg dafür, dass Assad und sein Partner Russland kein Interesse an einem Friedensprozess hätten und nun eine militärische Entscheidung suchten. Angesichts der immer schwieriger werdenden Lage ihrer Verbündeten drohte ein Vertreter der USA, die Rebellen könnten mit Luftabwehr-Raketen ausgerüstet werden. In Berlin bezweifelte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass ein Flugverbotszone eingerichtet werden könnte.

„Sie arbeiten daran, jede Lücke zu erweitern, die sie finden“, schilderte der Rebellen-Vertreter die Lage im Kampfgebiet. Dabei kämen auch Fassbomben und Hubschrauber zum Einsatz. Die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, die Armee habe einige Geländegewinne erzielt, was jedoch von Rebellen abgestritten wurde.

Wer kämpft gegen wen im Norden Syriens?

Idlib

Die Provinz im Nordwesten des Landes wird von dem Rebellenbündnis Dschaisch al-Fatah kontrolliert, das aus verschiedenen moderaten bis radikalen Gruppen besteht. Darunter die dschihadistische Miliz Fatah al-Scham. Das syrische Regime fliegt mit seinen Verbündeten – zu denen unter anderem Russland gehört – Luftangriffe auf Stellungen der Aufständischen. Einige der islamistischen Rebellen sollen Saudi-Arabien und Katar nahestehen.

Aleppo

Die einstige Handelsmetropole ist seit Jahren zwischen Regime und verschiedenen Rebellengruppen geteilt. Die Regierung kontrolliert den Westteil der Stadt. Die Aufständischen im Osten gehören einem weiten Spektrum zwischen extremistisch, islamistisch bis hin zu moderat an. Einige werden auch von den USA unterstützt. Das gilt auch für die kurdischen Kämpfer, die einige Viertel im Norden der Stadt kontrollieren. Westlich und südwestlich Aleppos herrscht das Bündnis Dschaisch al-Fatah, das auch die Provinz Idlib kontrolliert.

Grenzregion bei Dscharablus

Nach der Invasion der türkischen Armee zusammen mit Rebellengruppen am Mittwoch eroberten die Kräfte westlich des Euphrat die Grenzstadt Dscharablus von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die Dschihadisten halten immer noch einige Gebiete an der Grenze zur Türkei, darunter die Stadt Al-Bab.

Die Kurdenmiliz YPG hatte die strategische Stadt Manbidsch vor wenigen Wochen vom IS befreit und war vom Osten her weit in das Gebiet der Extremisten vorgerückt. Dies ist der Türkei ein Dorn im Auge, weil die Kurdenmiliz YPG der bewaffnete Arm der Kurdenpartei PYD in Syrien ist. Bei der PYD wiederum handelt es sich um den Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei.

Der Nordosten

Die Kurden unter Führung ihrer Partei PYD haben im östlichen Teil der Provinz Aleppo sowie den Landesteilen Al-Rakka und Hasaka eine zusammenhängendes Gebiet unter ihrer Kontrolle geschaffen. In dem mehrere hundert Kilometer langen Streifen an der türkischen Grenze haben sie eine Selbstverwaltung ausgerufen. Die Kurden schienen sich trotz zeitweiser Gefechte mit Regimetruppen in zwei Enklaven arrangiert zu haben. Allerdings kam es zuletzt zu ungewöhnlich heftigen Kämpfen, die erst mit einer Waffenruhe eingedämmt werden konnten.

Die Truppen bewegten sich nach Angaben eines regierungstreuen Milizenkommandeurs unter Führung einer Eliteeinheit in gepanzerten Fahrzeugen auf Rebellengebiete im Osten der Stadt zu. Auch im Südwesten der Stadt wurden Gefechte gemeldet. Zudem griff die Regierung die Palästinenser-Siedlung Handarat im Norden der Stadt erneut an. Rebellen hatten die Soldaten erst am Wochenende wieder aus dem strategisch wichtigen Ort vertrieben.

Ein Grund für den militärischen Erfolg Assads ist die Unterstützung durch die russische Luftwaffe. Die Rebellen selbst verfügen über keine Kampfflugzeuge. Das Scheitern der jüngsten Feuerpause könnte nach Einschätzung von US-Regierungsvertretern die Verbreitung von Luftabwehrgeschossen bei Rebellen fördern. Es steige die Wahrscheinlichkeit, dass Golfstaaten Aufständische mit tragbaren Raketen ausrüsteten, mit denen sie Hubschrauber und Flugzeuge abschießen könnten, sagte ein Regierungsinsider. Dies hätten die USA bislang verhindert.

Zwar unterstützt die US-geführte Koalition moderate Rebellengruppe mit Luftangriffen. Diese beschränken sich jedoch bislang auf extremistische Gruppen wie den Islamischen Staat (IS). Regierungstruppen wurden bislang nur versehentlich bombardiert.

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