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22.09.2016

20:11 Uhr

Syrien-Krieg

UN hoffen trotz schwerer Kämpfe auf neue Feuerpause

Die Kämpfe in Syrien flammen wieder auf, in der Nacht zum Donnerstag wurden Rebellenstellungen im Osten Aleppos von den schwersten Luftangriffen seit Monaten getroffen. Trotzdem geben die UN die Hoffnung nicht auf.

Der UN-Generalsekretär hofft beim Treffen der Internationalen Syrien-Unterstützergruppe in New York auf eine neue Feuerpause. dpa

Ban Ki Moon

Der UN-Generalsekretär hofft beim Treffen der Internationalen Syrien-Unterstützergruppe in New York auf eine neue Feuerpause.

Beirut/GenfUngeachtet neuer schwerer Kämpfe in Syrien wollen die Vereinten Nationen ihre Hoffnung auf eine neue Feuerpause nicht begraben. Am Donnerstagabend sollte die Internationale Syrien-Unterstützergruppe (ISSG) – und mit ihr die USA und Russland – in New York zusammentreten. Eine Wiederbelebung des Waffenstillstandes würde natürlich den Friedensgesprächen sehr helfen, erklärte der stellvertretende UN-Sondergesandte für das Bürgerkriegsland, Ramzy Ezzeldin Ramzy, in Genf. „Ich glaube, diese Möglichkeit besteht.“ Die ISSG sei entschlossen, „die Dinge zum Laufen zu bringen und den politischen Prozess anzuschieben“. Syriens Präsident Baschar al-Assad warnte dagegen, der Konflikt könne sich noch lange hinziehen.

Die USA unterstützen in Syrien Rebellen, Russland ist mit Assad verbündet. Eine von den beiden Ländern ausgehandelte Feuerpause war Anfang der Woche gescheitert. Seit Mittwoch toben wieder heftige Kämpfe. In der Nacht zum Donnerstag wurden Rebellenstellungen im Osten der Stadt Aleppo offenbar von den schwersten Luftangriffen seit Monaten getroffen. „Es wirkt so, als ob die Flugzeuge die Tage wettmachen wollten, an denen sie keine Bomben angeworfen haben“, sagte der Chef des örtlichen Katastrophenschutzes, Ammar al-Selmo, der Nachrichtenagentur Reuters. Rebellenvertreter und Rettungskräfte berichteten von dem Einsatz von Brandbomben. Der Leiter eines Krankenhauses in Ostaleppo, Hamsa al-Chatib, sprach von 45 Toten.

Die Einnahme Aleppos wäre der größte Sieg der Regierung in Damaskus in dem seit mehr als fünf Jahren anhaltenden Krieg. Dieser sei dabei nur eine Facette eines viel größeren Konflikts, sagte Assad in einem Interview von AP News. Dies wirke einer schnellen Lösung entgegen. „Wenn man das als Teil eines global und regionalen Konflikts betrachtet, wenn es viele externe Faktoren gibt, die man nicht kontrolliert, dann wird sich das hinziehen“, sagte er über den Krieg.

Die wichtigsten Parteien im syrischen Bürgerkrieg

REGIME

Die syrische Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden die Anhänger von Präsident Baschar al-Assad von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern. Zudem fliegt die russische Luftwaffe Angriffe in Syrien.

ISLAMISCHER STAAT (IS)

Die Terrormiliz verlor in den vergangenen Monaten einige ihrer Gebiete an das Regime und die Kurden und befindet sich in der Defensive. Die Dschihadisten kontrollieren aber immer noch große Teile des Landes im Norden und Osten, vornehmlich Wüstengebiete.

KURDISCH GEFÜHRTE KRÄFTE

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte ein Bündnis unter Führung der kurdischen Volksschutzeinheiten YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückdrängen. Die Kurden kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch in der nordöstlichen Stadt Hasaka zu ungewöhnlich heftigen Zusammenstößen mit syrischen Regierungstruppen. Die Türkei ist ein erklärter Gegner der Kurden. Sie befürchtet angesichts eines mehr als 400 Kilometer langen Gebietes unter kurdischer Kontrolle an seiner Südgrenze Unabhängigkeitsbestrebungen der türkischen Kurden.

DSCHAISCH AL-FATAH

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die dschihadistische Miliz Fatah al-Scham. Teil von Dschaisch al-Fatah sind auch die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib. Einige der islamistischen Rebellen sollen Saudi-Arabien und Katar nahestehen.

AHRAR AL-SCHAM

Die islamistische Miliz ist neben Fatah al-Scham die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger. Die Türkei gilt als wichtige Unterstützerin der Miliz.

FREIE SYRISCHE ARMEE (FSA)

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis Dschaisch al-Fatah gehören, sowie im Süden.

Die neuen Luftangriffe dürften von russischen oder syrischen Kampfjets geflogen worden sein. Die Bombardierungen kommen einer klaren Absage an US-Außenminister John Kerry und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier gleich, die die Einrichtung einer Flugverbotszone vorgeschlagen haben. Auch der Iran, der die syrische Regierung unterstützt, lehnt derartige Pläne ab: Damit würden nur radikale Gruppen wie die Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) und Nusra-Front gestärkt.

Der Tonfall zwischen den USA und Russland blieb auch am Donnerstag scharf. Der Vorsitzende des US-Generalstabs, General Joseph Dunford, sprach sich vor dem Senat in Washington gegen eine engere Zusammenarbeit aus. „Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee wäre, mit den Russen Geheimdienstinformationen auszutauschen“, sagte Dunford.

Die Vereinten Nationen nahmen nach zwei Tagen Pause ihre Hilfslieferungen wieder auf. Im Laufe des Tages kamen Lastwagen mit Lebensmitteln und Medikamenten in einem belagerten Vorort von Damaskus an, wie ein UN-Sprecher mitteilte. Die Transporte waren unterbrochen worden, nachdem ein Konvoi in der Nähe von Aleppo unter Beschuss geraten war. Assad wies Vorwürfe zurück, Russland oder die syrische Armee könnten für den Angriff verantwortlich gewesen sein: „Wir haben keine Ahnung, was passiert ist.“

Die Sicherheitslage sei je nach Region unterschiedlich, sagte ein UN-Vertreter. Hilfslieferungen könnte hoffentlich schon bald auch in die umkämpften Gebiete im Raum Aleppo erfolgen. „An der türkisch-syrischen Grenze stehen 40 Lastwagen“, sagte der für humanitäre Fragen zuständige UN-Gesandte Jan Egeland in Genf. „Die Lebensmittel laufen am Montag ab.“ Egeland rief Assad auf, den Hilfsgruppen die erforderlichen Genehmigungen und Sicherheitsgarantieren für die Weiterfahrt zu geben.

Von

rtr

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