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25.09.2015

15:48 Uhr

Syrien-Krise

Putins doppeltes Spiel

VonMartin Gehlen

Welches Spiel treibt Putin in Syrien? Der Kremlchef bietet dem Westen scheinbar die Hand – und selbst Merkel scheint sich darauf einzulassen. Denn bei der Syrien-Krise gibt es nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Der russische Präsident präsentiert dem Westen eine Syrien-Strategie. ap

Wladimir Putin

Der russische Präsident präsentiert dem Westen eine Syrien-Strategie.

KairoEntlarvender hätten die Gegensätze kaum sein können. Während randvoll beladene Kriegsschiffe aus Moskau den Bosporus Richtung Syrien durchqueren und Satellitenfotos von modernsten russischen Kampfjets auf dem Rollfeld von Latakia zirkulieren, schickten die USA den zweiten Trupp ihrer frisch trainierten Syrer-Rebellen über die Grenze, 75 Freiwillige in Jeeps mit leichten Waffen.

Die erste Gruppe vor acht Wochen wurde bereits nach wenigen Stunden von Dschihadisten aufgerieben, auch weil ihre Kämpfer zunächst mit ihren Familien Wiedersehen feiern wollten. Nicht zuletzt solche Details belegen, der Westen ist bei der syrischen Tragödie nur noch an der Peripherie präsent.

Die Europäer wissen, dass sie spätestens im kommenden Jahr eine neuerliche Massenflucht aus Syrien nicht mehr bewältigen können. Und die Vereinigten Staaten werden sich bis zum Ende der Amtszeit von Barack Obama in 16 Monaten strikt weigern, vor Ort mit eigenen Bodentruppen einzugreifen.

Sechs Gründe, warum der Bürgerkrieg in Syrien noch nicht beendet ist

Einmischung von außen

Das Regime von Baschar al-Assad hat mit Russland und dem schiitischen Iran mächtige Verbündete im Ausland. Teheran unterstützt Damaskus mit Geld und Kämpfern. Zudem kämpft die libanesische Schiiten-Miliz an der Seite Assads. Aber auch die Rebellen erhalten Geld und Waffen aus dem Ausland, unter anderem aus Saudi-Arabien. So wurde die Krise zu einem regionalen Konflikt. (Quelle: dpa)

Assads Unnachgiebigkeit

Der Präsident sagte am Anfang der Proteste Reformen zu - die nie kamen. Stattdessen brandmarkt sein Regime sämtliche Gegner als „Terroristen“, auch moderatere Oppositionelle. Viele Kritiker des Regimes sitzen in Gefängnissen. Im Kampf ums Überleben setzt die Armee zudem immer wieder sogenannte Fassbomben ein - Metallbehälter, die mit Sprengstoff und Metall gefüllt sind.

Zerstrittene Opposition

Den Regimegegnern ist es bis heute nicht gelungen, sich zu einen und eine gemeinsame Führung zu bilden. Die Exil-Opposition in Istanbul wird zwar international anerkannt, zeigt sich aber immer wieder zerstritten und hat in Syrien kaum Einfluss. Auch mit der Inlandsopposition aus Damaskus konnte sie sich noch immer nicht auf konkrete gemeinsame Ziele einigen.

Konfessionalismus

Längst ist der Bürgerkrieg auch zu einem Konflikt zwischen den Konfessionen geworden. Das Regime wird von Alawiten kontrolliert, einer Nebenlinie des schiitischen Islams. Die Alawiten befürchten blutige Rache, sollte Assad stürzen. Auch viele Christen sehen den Präsidenten als ihren Schutzpatron. In den Reihen der Rebellen kämpfen dagegen vor allem Sunniten.

Politik des Westens

Die USA und Europa lehnen eine militärische Intervention gegen das Assad-Regime ab. US-Präsident Barack Obama drohte zwar für den Fall des Einsatzes von Chemiewaffen durch das Regime in Syrien mit einem Eingreifen, nahm dann aber doch davon Abstand. Der Westen steht politisch zwar an der Seite der moderateren Rebellen, unterstützt diese aber kaum mit Waffen.


Stärke der Extremisten

Als die Krise in Syrien eskalierte, dehnte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus dem Irak ins Nachbarland aus. Jetzt kontrolliert sie dort ein Drittel der Fläche. Andere Teile Syriens stehen unter Herrschaft der Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Moderate Kräfte sind auf dem Rückzug. Die von den USA unterstützte Harakat Hasm löste sich kürzlich auf.

Umso entschlossener agiert in diesen Wochen ihr gemeinsamer Widersacher Wladimir Putin, der auf diese Weise hofft, die westliche Aufmerksamkeit von der schwelenden Ukraine-Krise abzulenken. Er bringt eigene Truppen und modernste Waffen in Stellung, verhandelt mit eingeschworenen Assad-Gegnern wie Saudi-Arabien und koordiniert sich mit Israel.

Denn das Geschehen in Syrien verteilt sich mittlerweile politisch wie territorial auf zwei Schauplätze. Zum einen geht es um die Zukunft und das künftige Machtarrangement in einem Restsyrien entlang der Küste, in dem immerhin noch die Hälfte der verbliebenen syrischen Bevölkerung lebt.

Zum anderen geht es um die Expansion des „Islamischen Kalifates“ sowie das Vorrücken der radikalen Al-Nusra-Front in Nord- und Ostsyrien, deren Gotteskrieger unter allen Umständen und bis zur Eroberung von Damaskus weiterkämpfen wollen.

Russische Kampfflugzeuge für Syrien: Assads Truppen fliegen mit Putins Jets

Russische Kampfflugzeuge für Syrien

Assads Truppen fliegen mit Putins Jets

Die Terrormiliz IS kommt von mehreren Seiten unter Feuer. Der Westen verfolgt das ausgeweitete Militär-Engagement Russlands in Syrien allerdings mit Sorge. Nun bestätigte Damaskus eine neue russische Waffenlieferung.

Putin winkt daher mit einer doppelten Offerte: Zuerst eine nationale Übergangsregierung für das Post-Assad-Syrien mit einer – zeitlich befristeten – Beteiligung von Baschar al-Assad plus Repräsentanten der moderaten Opposition.

Anschließend eine massive internationale Militärfront gegen den „Islamischen Staat“ aus USA, Russland und Europa, Iran und Türkei, den Golfstaaten, Irak und Ägypten plus der Armee Syriens. Putins Preis jedoch, ein Regime-dominiertes Restsyrien, ist für die golfarabische, türkische und westliche Diplomatie hart zu schlucken.

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