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28.09.2015

21:08 Uhr

Syrien-Krise

Warum sich Putin in Syrien engagiert

VonAndré Ballin

Wladimir Putin will nun doch keine Truppen nach Syrien schicken. Doch er wird sich nicht auf die Beobachterrolle beschränken – und Syriens Präsidenten Assad militärisch stärken. Aus zwei guten Gründen.

Russland hat traditionell gute Verbindungen zur arabischen Welt. Reuters

Wladimir Putin

Russland hat traditionell gute Verbindungen zur arabischen Welt.

MoskauEs war ein gelungener Auftritt von Wladimir Putin bei US-Talkmaster Charlie Rose. Selbstbewusst parierte der Kremlchef die Fragen des Moderators, scherzte und lächelte entspannt in die Kameras. Putin hatte sich gut – womöglich besser als Rose selbst – auf das Interview vor seiner mit Spannung erwarteten Rede an die Uno-Vollversammlung vorbereitet. Der Sender CBS zeigte sich beeindruckt von „einer starken Persönlichkeit, die sich in eine Konversation mit unverblümter Rede, Charme und Witz einbringt“.

Trotz der gerühmten Unverblümtheit: In die Karten ließ sich der Kremlchef nur bedingt schauen. Russische Truppen in Syrien stritt er ab. Derzeit liefere Moskau nur Waffen an die syrische Regierung und humanitäre Güter an die Zivilbevölkerung und bilde Personal aus, sagte Putin. „Russland wird sich nicht an Militäroperationen auf dem Territorium Syriens oder anderer Staaten beteiligen, zumindest planen wir das zum heutigen Tag nicht“, fügte er hinzu.

Sechs Gründe, warum der Bürgerkrieg in Syrien noch nicht beendet ist

Einmischung von außen

Das Regime von Baschar al-Assad hat mit Russland und dem schiitischen Iran mächtige Verbündete im Ausland. Teheran unterstützt Damaskus mit Geld und Kämpfern. Zudem kämpft die libanesische Schiiten-Miliz an der Seite Assads. Aber auch die Rebellen erhalten Geld und Waffen aus dem Ausland, unter anderem aus Saudi-Arabien. So wurde die Krise zu einem regionalen Konflikt. (Quelle: dpa)

Assads Unnachgiebigkeit

Der Präsident sagte am Anfang der Proteste Reformen zu - die nie kamen. Stattdessen brandmarkt sein Regime sämtliche Gegner als „Terroristen“, auch moderatere Oppositionelle. Viele Kritiker des Regimes sitzen in Gefängnissen. Im Kampf ums Überleben setzt die Armee zudem immer wieder sogenannte Fassbomben ein - Metallbehälter, die mit Sprengstoff und Metall gefüllt sind.

Zerstrittene Opposition

Den Regimegegnern ist es bis heute nicht gelungen, sich zu einen und eine gemeinsame Führung zu bilden. Die Exil-Opposition in Istanbul wird zwar international anerkannt, zeigt sich aber immer wieder zerstritten und hat in Syrien kaum Einfluss. Auch mit der Inlandsopposition aus Damaskus konnte sie sich noch immer nicht auf konkrete gemeinsame Ziele einigen.

Konfessionalismus

Längst ist der Bürgerkrieg auch zu einem Konflikt zwischen den Konfessionen geworden. Das Regime wird von Alawiten kontrolliert, einer Nebenlinie des schiitischen Islams. Die Alawiten befürchten blutige Rache, sollte Assad stürzen. Auch viele Christen sehen den Präsidenten als ihren Schutzpatron. In den Reihen der Rebellen kämpfen dagegen vor allem Sunniten.

Politik des Westens

Die USA und Europa lehnen eine militärische Intervention gegen das Assad-Regime ab. US-Präsident Barack Obama drohte zwar für den Fall des Einsatzes von Chemiewaffen durch das Regime in Syrien mit einem Eingreifen, nahm dann aber doch davon Abstand. Der Westen steht politisch zwar an der Seite der moderateren Rebellen, unterstützt diese aber kaum mit Waffen.


Stärke der Extremisten

Als die Krise in Syrien eskalierte, dehnte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus dem Irak ins Nachbarland aus. Jetzt kontrolliert sie dort ein Drittel der Fläche. Andere Teile Syriens stehen unter Herrschaft der Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Moderate Kräfte sind auf dem Rückzug. Die von den USA unterstützte Harakat Hasm löste sich kürzlich auf.

Aus diesen Aussagen zu schließen, dass sich der Kreml in Syrien auf die Beobachterrolle beschränkt, wäre falsch. Natürlich ist der russischen Führung nicht daran gelegen, Bodentruppen gegen den Islamischen Staat (IS) ins Feld zu schicken; ein blutiges Unterfangen, das Erinnerungen an den verlustreichen Afghanistan-Krieg wecken würde. Doch Putin wird Syriens Präsidenten Baschar al-Assad auch militärisch stärken. „Es ist ein großer Fehler, die syrische Regierung und ihre Armee infrage zu stellen“, sagte Putin auch am Montagabend vor der Uno-Vollversammlung. „Sie kämpfen wahrhaft gegen die Bedrohung durch islamistische Terroristen.“ Die Flüchtlingskrise habe allein eine herbe Lektion erteilt. Unter Anspielung auf Libyen, Syrien und den Irak sagte Putin, staatliche Strukturen, die zerstört worden seien, müssten wieder hergestellt werden.

Einerseits liegen dem Festhalten an Assad geopolitische Erwägungen zugrunde: Russland hat traditionell gute Verbindungen zur arabischen Welt und sieht im Nahen und Mittleren Osten seine natürliche Einflusssphäre entlang seiner Südflanke. In der Hafenstadt Tartus hat Russland seinen einzigen Militärstützpunkt außerhalb der GUS. Mit Assads Sturz wäre die Flottenbasis gefährdet. Nun bietet sich stattdessen die Möglichkeit, im nördlich davon gelegenen Latakia sogar eine zweite Basis aufzubauen und somit die militärische Präsenz im Land zu verstärken.

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Nach Ansicht des Politologen Nikolai Koschanow überlagern sich wirtschaftliche und geopolitische Überlegungen: „Das Bestreben, die Einflusssphäre der russischen Flotte auszubauen, zwingen Moskau dazu, die Basis in Tartus zu bewachen. Und die russischen Energiekonzerne sind an der Erkundung und Erschließung möglicher Öl- und Gasreserven vor der syrischen Küste interessiert“, schreibt der Experte des Moskauer Carnegie-Zentrums.

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