Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.10.2015

06:53 Uhr

Syrien-Rückkehrer sagt aus

Deutsche beim IS-Geheimdienst

Im Januar ging den Behörden ein deutscher Dschihadist ins Netz. Dessen Aussagen über seine Zeit beim IS in Syrien legen nahe, dass Deutsche dort an Folterungen und Hinrichtungen beteiligt waren - auch gegen IS-Kämpfer.

IS-Fahne (Archivfoto): Die Terror-Miliz geht offenbar auch gegen eigene Kämpfer repressiv vor. Das legen Aussagen eines deutschen Dschihadisten nahe. dpa

IS-Fahne

IS-Fahne (Archivfoto): Die Terror-Miliz geht offenbar auch gegen eigene Kämpfer repressiv vor. Das legen Aussagen eines deutschen Dschihadisten nahe.

BerlinMehrere deutsche Dschihadisten sind nach Angaben eines Syrien-Rückkehrers bei einer Spezialeinheit der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) an Folterungen und Hinrichtungen beteiligt gewesen. In der syrischen Stadt Manbidsch seien mehrere Deutsche in einer "Sturmtrupp" genannten Abteilung beschäftigt gewesen, die für die Festnahme von sogenannten Abweichlern und Deserteuren zuständig gewesen sei, sagte der Rückkehrer Nils D. laut einem am Dienstag veröffentlichten Bericht des Rechercheverbunds aus "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR.

Die Bundesanwaltschaft hat den Mann wegen Mitgliedschaft in der Terrororganisation IS angeklagt. Er soll dem Islamischen Staat von Oktober 2013 an für etwas mehr als ein Jahr angehört haben. Der Mann war im Januar im niederrheinischen Dinslaken festgenommen worden. Er wird sich vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verantworten müssen.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Nils D., der aus der Salafistenszene in Dinslaken-Lohberg in Nordrhein-Westfalen stammt, war demnach von Oktober 2013 bis November 2014 in Syrien. Acht dieser dreizehn Monate habe er in dem "Sturmtrupp" verbracht, der vom Generalbundesanwalt als „Abteilung Innere Sicherheit· der IS-Miliz bezeichnet werde. Laut Nils D. bedurfte es einer besonderen Empfehlung, um zum IS-Geheimdienst zu gelangen. Auf der Straße seien die Angehörigen nur vermummt aufgetreten.

Laut Anklagebehörde war er auch in die Verwaltung von IS-Gefängnissen eingebunden gewesen. Beim Verhör eines Gefangenen habe er als Dolmetscher fungiert. Laut dem Bericht sagte Nils D. aus, an zehn bis fünfzehn Festnahmen beteiligt gewesen zu sein.

Analyse von Michael Wolffsohn: Warum uns Gewalt fasziniert

Analyse von Michael Wolffsohn

Warum uns Gewalt fasziniert

Der Anschlag in Köln, die Terrormiliz IS, der Krieg in Syrien: Überall eskaliert Gewalt. Sie ist erfolgreich, weil die Gewaltanwender eine politische Strategie haben – im Gegensatz zu ihren friedlichen Gegnern.

Gefangene seien durch Folter zu Geständnissen gezwungen worden, auf einem „Hinrichtungsmarktplatz“ hätten regelmäßig Erschießungen und Enthauptungen stattgefunden. Einmal habe er auch die Kreuzigung eines IS-Kommandeurs gesehen, an dem ein Exempel statuiert werden sollte.

Im IS-Gefängnis in Manbidsch, in dem er zusammen mit anderen Deutschen eingesetzt gewesen sei, habe er eingekauft und gekocht, sagte er laut dem Bericht. An Hinrichtungen und Folterungen, die in dem Gefängnis an der Tagesordnung gewesen seien, sei er nicht beteiligt gewesen. Ein Foto auf seinem Handy zeige ihn allerdings, wie er einem Gefangenen eine Waffe an den Hinterkopf halte.

Nils D. war dem Bericht zufolge Ende 2014 nach Dinslaken zurückgekehrt und wurde nach einem abgehörten Gespräch festgenommen. Seine mehr als 20 Vernehmungen zeigen laut dem Rechercheverbund das Ausmaß der Repression in den Gebieten unter Kontrolle der IS-Miliz, die sich nicht nur gegen die Zivilbevölkerung, sondern auch gegen eigene Kämpfer richte.

Im Januar soll vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht der Prozess gegen Nils D. beginnen. Wegen seiner Aussagen über andere deutsche IS-Kämpfer soll er in anderen Verfahren als Zeuge auftreten, etwa vor dem Oberlandesgericht in Celle, wo zwei Wolfsburger Syrien-Rückkehrern der Prozess gemacht wird.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×