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30.12.2015

18:09 Uhr

Syrien

Russische Jets sollen 800 Zivilisten getötet haben

Seit Ende September fliegt Moskau Luftangriffe in Syrien – angeblich im Kampf gegen die IS-Terrormiliz. Nach Angaben von Menschenrechtlern starben dabei auch knapp 800 Zivilisten. Die USA äußern sich besorgt.

Bürgerkrieg

Bilder aus Syrien: Fassbomben, Trümmer und Kinder in Not

Bürgerkrieg: Bilder aus Syrien: Fassbomben, Trümmer und Kinder in Not

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Damaskus/Washington/BagdadEin Drittel der Todesopfer der russischen Luftangriffe in Syrien sind nach Angaben von Menschenrechtlern Zivilisten. Seit Beginn des Bombardements in dem Bürgerkriegsland Ende September seien mehr als 2300 Menschen gestorben, darunter knapp 800 Unbeteiligte, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwoch. Zu den zivilen Opfern zählen demnach auch 180 Kinder. Die Beobachtungsstelle sitzt in Großbritannien, bezieht ihre Informationen aber aus einem dichten Informantennetz vor Ort und gilt als gut informiert und zuverlässig.

Den Angaben zufolge starben bei den Luftangriffen auch etwa 650 Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sowie mehr als 900 gemäßigte und radikale Rebellen. Russland startete die Angriffe mit dem offiziellen Ziel, den IS zu bekämpfen, spricht nun aber davon, die Luftschläge würden „Terrorgruppen“ gelten. Der Westen und syrische Aktivisten werfen Moskau vor, die meisten Luftangriffe richteten sich gegen andere Gegner von Machthaber Baschar al-Assad.

Aus der Mitteilung der Menschenrechtler geht allerdings nicht genau hervor, wie diese russische Luftangriffe von denen anderer Staaten unterscheiden konnten. Neben den Russen fliegen auch eine US-geführte Koalition sowie das Regime Angriffe in Syrien.

Auch die USA warfen Russland tödliche Luftangriffe auf Zivilisten vor. Der stellvertretende Sprecher des US-Außenministeriums, Mark Toner, sprach am Dienstag (Ortszeit) in Washington von „Hunderten getöteten Zivilisten.“ Es habe unter anderem Angriffe auf medizinische Einrichtungen gegeben. Außenminister John Kerry habe sich in einem Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow besorgt darüber geäußert.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Bürgerkrieg in Syrien

Seit mehr als vier Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Dem Regime in Damaskus steht eine Vielzahl von Gegnern gegenüber, die Lage ist unübersichtlich. Längst werden die Rebellen von islamistischen und radikalen Gruppen dominiert.

Regime

Die Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden Assads Anhänger von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien. Sie kontrolliert im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in diesem Jahr mehrere Niederlagen gegen die syrischen Kurden einstecken.

Dschaisch al-Fatah

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die radikale Al-Nusra-Front, die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrien Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib.

Al-Nusra-Front

Der Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida vertritt eine ähnliche Ideologie wie IS, beide Gruppen sind aber miteinander verfeindet. Die Nusra-Front ist vor allem im Nordwesten des Landes stark, kämpft aber auch im Süden.

Ahrar al-Scham

Die islamistische Miliz ist neben der Nusra-Front die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger.

Freie Syrische Armee

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis gehören, sowie im Süden.

Kurdische Volksschutzeinheiten

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte die YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückschlagen. Dort haben die Kurden eine Selbstverwaltung aufgebaut. Sie kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch zu Zusammenstößen mit Rebellengruppen in Aleppo.

Vor einigen Tagen hatte Russland einen Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International über Angriffe auf Zivilisten als „Fälschungen“ zurückgewiesen.

Saudi-Arabien und die Türkei, die zu den schärfsten Assad-Gegnern gehören, streben inzwischen eine enge strategische Zusammenarbeit an. Beide Staaten kündigten am Dienstag die Gründung eines gemeinsamen Rates an, der sich unter anderem mit Sicherheitsfragen sowie verstärkter Kooperation in verschiedenen Bereichen befassen soll.

Im Irak stimmten Ministerpräsident Haidar al-Abadi und der Präsident der kurdischen Autonomiegebiete im Norden des Landes, Massud Barsani, nach Angaben von Al-Abadis Büro darin überein, dass die von der Türkei im Irak stationierten Truppen das Land sofort verlassen müssten. Das geht aus einer Mitteilung Al-Abadis vom Mittwoch hervor. Hintergrund des Streits zwischen dem Irak und der Türkei ist die Stationierung von türkischen Soldaten und Panzern im Nordirak - diese verletzen nach Ansicht Bagdads die irakische Souveränität.

Al-Abadi hatte am Montag seinen größten militärischen Erfolg gegen die IS-Terrormiliz gefeiert, als er die Befreiung weiter Teile der Provinzhauptstadt Ramadi von den Dschihadisten verkündete.

Von

dpa

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