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06.11.2016

21:35 Uhr

Syrien

Syrische Kurden starten Offensive auf Al-Rakka

Die Offensive auf die irakische IS-Hochburg Mossul läuft bereits seit knapp drei Wochen. Nun sollen die Extremisten in Syrien auch aus ihrer De-facto-Hauptstadt Al-Rakka vertrieben werden.

Die vorwiegend kurdischen Demokratischen Kräfte Syriens haben am Sonntag den Beginn einer Offensive zur Rückeroberung der Stadt Al-Rakka von der Terrormiliz Islamischer Staat bekanntgegeben. AFP; Files; Francois Guillot

Pressekonferenz der SDF

Die vorwiegend kurdischen Demokratischen Kräfte Syriens haben am Sonntag den Beginn einer Offensive zur Rückeroberung der Stadt Al-Rakka von der Terrormiliz Islamischer Staat bekanntgegeben.

BeirutDie lange erwartete Offensive zur Rückeroberung der syrischen Stadt Al-Rakka von der Terrormiliz Islamischer Staat hat begonnen. Die von Kurden angeführten Demokratischen Kräfte Syriens kündigten am Sonntag an, dass sie mit 30.000 Kämpfern von verschiedenen Seiten aus auf die De-facto-Hauptstadt des IS vorrücken würden. Die USA und Großbritannien erklärten, sie würden die Angreifer aus der Luft unterstützen.

SDF-Kämpferin Cihan Ehmed gab den Beginn der Operation „Zorn des Euphrats“ bei einer Pressekonferenz am Sonntag im kurdisch kontrollierten Ein Issa nördlich von Al-Rakka bekannt. Genaue Details, wie die schätzungsweise 5000 Extremisten aus der 200-000-Einwohner-Stadt vertrieben werden sollen, nannte sie nicht.

SDF-Sprecher Talal Sillo sagte lediglich: „Wir wollen das umliegende Land befreien, dann die Stadt umzingeln und dann werden wir angreifen und sie befreien.“ Am Sonntag meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, dass die SDF im Gebiet zwischen Ein Issa und Al-Rakka bereits sechs Dörfer eingenommen hätten.

Vor knapp drei Wochen hatten irakische Truppen bereits eine Offensive gestartet, um den IS aus Mossul im Nordirak zu vertreiben. Ehmed sagte am Sonntag, die beiden Operationen, Mossul und Al-Rakka, seien nicht aufeinander abgestimmt. Es handele sich schlicht um „gutes Timing“.

Die internationale Anti-IS-Koalition

Welche Länder beteiligen sich?

Nachdem der IS sich im Sommer 2014 in Syrien ausbreitete, beschlossen zehn Länder auf einer Nato-Konferenz ein Bündnis gegen die Terrormiliz. Heute gehören mehr als 60 Staaten zu der Allianz, darunter neben den USA auch Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Türkei. Saudi-Arabien und andere arabische Staaten wie Jordanien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar haben sich dem Bündnis ebenfalls angeschlossen.

Quelle: dpa

Wie geht die Allianz vor?

Derzeit bekämpft die Allianz den IS vor allem in Syrien und im Irak, wenngleich sich der IS auch in Libyen festgesetzt hat. Nach eigenen Angaben hat die Koalition mehr als 12.000 Luftangriffe auf IS-Stellungen geflogen. Die USA bilden im Irak Soldaten der Armee und kurdische Kämpfer aus, Deutschland liefert Waffen und Ausrüstung für kurdische Peschmerga und leistet mit sechs Tornado-Flugzeugen Aufklärungsarbeit.

Welche Erfolge gibt es?

Die Dschihadisten sind in Syrien und im Irak massiv unter Druck geraten. Seit Beginn vergangenen Jahres hat der IS mehr als ein Drittel seines „Kalifat“ genannten Herrschaftsgebietes eingebüßt. Vor allem die Kurden haben den Extremisten mit Hilfe internationaler Luftunterstützung im Norden beider Länder große Gebiete abgenommen. Der irakischen Armee gelang es, den IS aus wichtigen Städten wie Ramadi und Falludscha zu vertreiben. Außerdem haben die Luftschläge die Ölinfrastruktur unter IS-Kontrolle stark zerstört, weshalb die Extremisten laut Analysten unter Finanzproblemen leiden. Dennoch beherrscht der IS noch große Gebiete in Syrien und im Irak.

Welche Rolle spielt die Türkei?

Um die Rolle der Türkei gibt es Streit. Die Türkei stellt seit Sommer vergangenen Jahres ihren Luftwaffenstützpunkt Incirlik der Allianz für den Luftkampf gegen den IS bereit. Ankara hilft auch bei der Ausbildung und hat nach eigenen Angaben kurdische Peschmerga bei der Großoffensive auf Mossul mit Artillerie unterstützt. Die Regierung in Bagdad lehnt eine türkische Militärpräsenz im Irak allerdings ab. Die türkische Führung wiederum weigert sich, ihre Soldaten abzuziehen.

Wann ist Mossul befreit?

Das ist schwer zu sagen, zumal die eigentlichen Kämpfe um die Stadt noch nicht begonnen haben. Bei dem Koalitionstreffen in Paris geht es jedoch schon darum, die politischen Weichen für die Zeit nach dem IS in Mossul zu stellen. Das Gesellschaftsgefüge ist fragil in Iraks zweitgrößter Stadt. Während die meisten Iraker Schiiten sind, ist die Mehrheit der Bevölkerung in Mossul sunnitisch wie der IS. Zudem lebten viele Christen dort. Der sunnitische türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan forderte bereits, dass nach dem Ende der Kämpfe keine Schiiten mehr in der Stadt leben sollten.

Die Demokratischen Kräfte Syriens sind eine von den USA unterstützte Koalition aus kurdischen, arabischen und christlichen Kämpfern. Größte Teilfraktion sind die syrisch-kurdischen Volksschutzeinheiten YPG, die den USA als effektivste Truppe im Kampf gegen den IS gelten. Die Türkei hingegen betrachtet sie als Terrororganisation und hat vorgeschlagen, dass eine vom türkischen Militär unterstützte Rebellenfraktion die Offensive auf Al-Rakka anführen könnte.

Ehmed, umgeben von ranghohen Kommandeuren und Funktionären der SDF, rief die Türkei auf, sich aus dem Kampf um Al-Rakka herauszuhalten. „Unsere Hoffnung ist es, dass sich der türkische Staat nicht in die inneren Angelegenheiten Syriens einmischen wird“, hieß es.

Auf die Frage, ob er von den USA die Zusicherung erhalten habe, dass deren Nato-Partner Türkei nicht eingreifen werde, sagte SDF-Sprecher Sillo: „Natürlich haben wir sichergestellt, dass keine anderen Kräfte als die SDF an der Operation beteiligt sind, bevor wir sie begonnen haben.“ Ein weiterer SDF-Vertreter, Resan Hiddo, warnte die Türkei vor Angriffen auf kurdische Stellungen in Nordsyrien. Die Kurden-Milizen müssten dann dien Vormarsch auf Al-Rakka aufgeben, um ihre eigenen Gebiete zu schützen. „Wir können nicht das Feuer im Haus unseres Nachbarn löschen, wenn unser eigenes Heim brennt“, sagte Hiddo.

US-Verteidigungsminister Asthon Carter begrüßte die Offensive. „Al-Rakka zu isolieren und letztlich zu befreien, ist der nächste Schritt im Operationsplan unserer Koalition“, sagte er. Der Gesandte des Weißen Hauses für das Anti-IS-Bündnis, Brett McGurk, sagte, die USA würden die Kurden mit Luftangriffen unterstützen. Man sei in „engem, engem Kontakt“ mit dem Verbündeten Türkei. Großbritannien will die Offensive vor allem mit Luftraumüberwachung unterstützen, wie Verteidigungsminister Michael Fallon sagte.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kommentierte die Offensive in einer im Fernsehen übertragenen Rede nicht. Er verwies am Sonntag stattdessen auf die Erfolge der von Ankara unterstützten Rebellen beim Vormarsch auf eine weitere IS-Bastion, Al-Bab.

Von

ap

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