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27.12.2012

07:09 Uhr

Syrienkonflikt

Assads innerster Machtzirkel gerät unter Druck

Syriens Innenminister wird bei einem Anschlag beinahe getötet und die Rebellen verbuchen neue Erfolge: Präsident Assad wird immer stärker isoliert. Auch der Chef der Militärpolizei hat noch eine Videobotschaft für ihn.

Der Chef der syrischen Militärpolizei, Generalmajor Abdul Asis Dschassem al Schallal, erklärt in einem Video, dass er sich den Rebellen anschließt. AFP

Der Chef der syrischen Militärpolizei, Generalmajor Abdul Asis Dschassem al Schallal, erklärt in einem Video, dass er sich den Rebellen anschließt.

BeirutFast zwei Jahre nach Beginn des Aufstands in Syrien wird der syrische Präsident Baschar al Assad immer stärker isoliert. Während der verwundete Innenminister Mohammed al Schaar offenbar aus Angst vor einer Festnahme vorzeitig seine Klinik im Libanon verließ, kündigte der Chef der syrischen Militärpolizei Assad die Gefolgschaft.

Generalmajor Abdul Asis Dschassem al Schallal erklärte in einem Video, er schließe sich der Volksrevolution an. Das Militär schütze nicht länger das Volk, sondern sei zu einer „Bande für Mord und Zerstörung“ verkommen. Der Generalmajor warf den Streitkräften vor, Städte und Dörfer zu zerstören und Massaker an Unschuldigen zu verüben. Die Rebellen meldeten derweil neue militärische Erfolge im Grenzgebiet zur Türkei.

Chef der syrischen Militärpolizei läuft zu Rebellen über

Video: Chef der syrischen Militärpolizei läuft zu Rebellen über

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Unterdessen verließ Innenminister al Schaar vorzeitig sein Krankenhaus in Beirut und flog am Mittwoch mit einem Privatjet zurück nach Damaskus, wie Mitarbeiter des Rafik-Hariri-Flughafens in der libanesischen Hauptstadt mitteilten. Al Schaar war bei einem Selbstmordanschlag am 12. Dezember verwundet worden und hatte sich im Libanon behandeln lassen.

Chronologie – der Konflikt zwischen Türkei und Syrien

6. Juni 2011

Der Flüchtlingsstrom aus Syrien in die Türkei setzt ein. Ankaras Regierungschef Recep Tayyip Erdogan verspricht den Flüchtlingen eine offene Grenze. Zehn Tage später sind bereits fast 10 000 Syrer in türkischen Lagern.

12. November

Anhänger von Machthaber Baschar al-Assad attackieren die türkische Botschaft in Damaskus.

16. März 2012

Die Türkei ruft ihre Bürger auf, Syrien wegen der Gewalt zu verlassen. Am 26. März schließt Ankara die Botschaft in Damaskus.

9. April

Syrische Truppen feuern über die Grenze hinweg auf das Flüchtlingslager Kilis. Zwei Syrer und zwei Türken werden verletzt. Ankara verstärkt die Truppen an der Grenze und warnt vor weiteren Angriffen. In türkischen Lagern leben rund 25 000 Syrer.

30. Mai

Als Reaktion auf das Massaker an Zivilisten im syrischen Al-Hula weist die Türkei alle syrischen Diplomaten aus Ankara aus.

22. Juni

Syrien schießt vor der Küste einen türkischen Militärjet ab. Beide Piloten sterben. Das Flugzeug war nach syrischen Angaben in den Luftraum des Landes eingedrungen.

26. Juni

Der türkische Ministerpräsident Erdogan sagt in einer vom Fernsehen übertragene Ansprache: „Bis sich das syrische Volk von diesem Diktator (Baschar al-Assad) mit blutbefleckten Händen befreit hat, wird die Türkei ihm (dem Volk) jede Art von Unterstützung zuteilwerden lassen.“

28. Juni

Ankara stationiert Raketenabwehrsysteme und Militärfahrzeuge an der Grenze.

6. Juni 201130. Juni

Die türkische Armee lässt Kampfjets gegen syrische Hubschrauber aufsteigen, die sich der Grenze näherten.

20. August

Wegen der schnell steigenden Zahl syrischer Flüchtlinge fordert die Türkei Schutzzonen auf syrischem Boden. Die türkischen Lager könnten nicht mehr als 100 000 Menschen aufnehmen. 70 000 sind bereits in die Türkei geflüchtet, tausende warten tagelang auf der syrischen Seite der Grenze auf die Einreise in die Türkei.

18. September

Bei Kämpfen syrischer Regierungstruppen mit Rebellen werden in dem türkischen Grenzdorf Akcakale mehrere Menschen durch Schüsse aus Syrien verletzt.

3. Oktober

In Akcakale schlagen mindestens drei aus Syrien abgefeuerte Granaten ein. Eine Mutter und ihre vier Kinder sterben. Wenig später greift die türkische Armee erstmals Ziele im Nachbarland an. In den folgenden Tagen schlagen im Grenzgebiet immer wieder Granaten aus Syrien ein, die Türkei feuert zurück.

4. Oktober

Das Parlament in Ankara erlaubt der Regierung für ein Jahr Einsätze auch über die Grenze hinweg. Die Türkei habe aber kein Interesse an einem Krieg mit Syrien, heißt es.

10. Oktober

Die türkische Luftwaffe zwingt ein syrisches Passagierflugzeug zur Landung in Ankara. Die Maschine war auf dem Weg von Moskau nach Damaskus. Es seien Teile von Raketensystemen und Kommunikationsausrüstung an Bord gefunden worden.

Zuvor sei den libanesischen Behörden der Hinweis zugespielt worden, dass ein internationaler Haftbefehl gegen al Schaar wegen dessen Rolle bei der Niederschlagung der Proteste ausgestellt werden könnte, sagte ein führender Sicherheitsbeamter der Nachrichtenagentur AP. In der vergangenen Woche war im Libanon zudem immer wieder die Festnahme al Schaars wegen dessen Rolle beim Angriff syrischer Truppen auf die libanesische Stadt Tripoli im Jahr 1986 gefordert worden. Hunderte Menschen waren damals ums Leben gekommen - al Schaar gilt vielen Libanesen seit damals als der „Schlächter von Tripoli“.

Seit Beginn des Aufstands gegen Assad sind bereits Dutzende Offiziere zur Opposition übergelaufen. Im Juni schloss sich mit Brigadegeneral Manaf Tlass erstmals ein Mitglied des inneren Machtzirkels Assads der Opposition an. Auch Tausende Soldaten verweigerten Assad die Gefolgschaft. Die meisten begründeten ihre Entscheidung mit Angriffen auf Zivilisten.

Oppositionskämpfer in den Straßen von Aleppo. Reuters

Oppositionskämpfer in den Straßen von Aleppo.

Den Angriffen der Regierungstruppen fielen unterdessen nach Angaben von Aktivisten in der Provinz Rakka mindestens 20 Menschen zum Opfer. Unter den Getöteten seien acht Kinder und drei Frauen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwoch. Ein Amateurvideo zeigte die Leichen von mehreren Menschen, unter ihnen Kinder, in einer Reihe in einem Zimmer. Einige hatten Blut an der Kleidung, im Hintergrund war Weinen zu hören.

Die Rebellen griffen den Angaben zufolge erneut den Militärstützpunkt Wadi Deif in der Provinz Idlib im Norden des Landes an. Der Stützpunkt in der Nähe der strategisch wichtigen Stadt Maaret al Numan wird sei Wochen von Regierungsgegnern belagert. Die Beobachtungsstelle erklärte, die neuerlichen Kämpfe hätten mindestens fünf Rebellen das Leben gekostet. Kampfflugzeuge hätten Stellungen der Aufständischen in der Region angegriffen.

Die Regierungstruppen haben zunehmend Schwierigkeiten, auf dem Landwege Nachschub in die Provinz Aleppo zu bringen, vor allem nach der Einnahme von Maaret al Numan durch die Rebellen im Oktober. Die Stadt liegt an der Autobahn zwischen der Hauptstadt Damaskus und Aleppo, Syriens größter Stadt.

Nach Wochen schwerer Kämpfe verbuchten die Rebellen Aktivisten zufolge einen weiteren militärischen Erfolg und eroberten die Stadt Harem im Grenzgebiet zur Türkei. Mohammed Kanaan, ein Aktivist in Idlib, sagte, Harem sei vollständig befreit. Zuletzt hätten die Aufständischen die historische Zitadelle der Stadt eingenommen, die die syrischen Streitkräfte zu einem Militärstützpunkt gemacht habe.

„Harem ist sehr wichtig, weil es eine der Städte ist, die bislang dem Regime gegenüber loyal waren“, sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdul Rahman. Die Aufständischen haben inzwischen große Gebiete entlang der Grenze zur Türkei erobert, vor allem im Norden der Provinz Aleppo.

Von

dapd

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