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01.10.2015

06:48 Uhr

Syrienkrise

Wen hat Putin im Visier?

Moskau greift in den blutigen Konflikt in Syrien ein - doch wen bekämpft Kremlchef Putin? Die Zweifel der westlichen Staaten am russischen Eingreifen wachsen. Denn Russland bombardiert nicht nur die IS.

Ein syrischer Soldat in al-Mleiha bei Damaskus, Syrien, mit einem russischen Sturmgewehr vom Typ AK-47. dpa

Syrische Soldaten in al-Mleiha

Ein syrischer Soldat in al-Mleiha bei Damaskus, Syrien, mit einem russischen Sturmgewehr vom Typ AK-47.

New York/MoskauUnmittelbar nach dem Start der russischen Intervention im syrischen Bürgerkrieg wachsen im Westen Zweifel an den Absichten Moskaus. Russland hat bei seinen Luftangriffen nach US-Informationen offenbar auch Gebiete bombardiert, in denen sich keine Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat aufhielten, sagte Pentagonchef Ashton Carter. Ähnlich äußerte sich sein französischer Kollege Jean-Yves Le Drian, Deutschland forderte Aufklärung von Moskau. Der oppositionelle Syrische Nationalrat meldete Dutzende zivile Todesopfer durch die russischen Luftangriffe, was Moskau jedoch umgehend zurückwies.

Russland hatte seine Syrien-Initiative tagelang gezielt vorbereitet - unter anderen in einem Treffen von Präsident Wladimir Putin mit US-Präsident Barack Obama. Am Mittwoch genehmigte dann der russische Föderationsrat auf Putins Antrag hin einen Militäreinsatz in dem seit 2011 umkämpften Bürgerkriegsland. Putin erklärte, der Einsatz diene dazu, das eigene Land vor extremistischen Rückkehrern aus Syrien zu schützen und Assads Offensive gegen den Terror zu unterstützen. Wenige Stunden später griffen russische Kampfjets erstmals an.

Erfolge, Niederlagen und Terror des IS seit Ausrufung des „Kalifats“

IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak hervor. Ein Rückblick:

29. Juni 2014

Die sunnitischen Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein „Kalifat“ aus. Erster „Kalif“ des neuen Gottesstaates sei Anführer Abu Bakr al-Bagdadi.

August 2014

8. August: Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak.

August: Die Enthauptung eines US-Journalisten schockt die Welt. In den folgenden Monaten verbreitet der IS im Internet weitere Videos mit der Ermordung zweier US-Bürger und zweier Briten.

19. September und Dezember 2014

19. September: Frankreich startet mit Hilfe arabischer Partnerländer erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

Dezember: Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.

Januar und Februar 2015

Januar 2015: Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.

Februar: Ein Video zeigt, wie ein gefangener jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zuvor hatte die Terrormiliz bereits die Tötung zweier japanischer Geiseln zur Schau gestellt.

März und April 2015

März: Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.

April: IS-Kämpfer dringen in Ramadi 100 Kilometer westlich von Bagdad ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad, dürfen die Hauptstadt aber nicht betreten.

Mai und Juli 2015

Mai: Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.

Juni: Der IS verbreitet ein schockierendes Video über neue Hinrichtungsmethoden.

24. Juli und 6. August 2015

24. Juli: Nach einem dem IS zugeschriebenen Anschlag im türkischen Suruc fliegen türkische Kampfjets erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Zudem öffnet Ankara wenig später den südtürkischen Nato-Stützpunkt Incirlik für US-Luftschläge gegen den IS.

6. August: Einer US-Bilanz zufolge hat das internationale Anti-Teror-Bündnis in einem Jahr mehr als 5900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien geflogen. Außerdem sollen 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden sein.

18. und 23. August 2015

18. August: Der IS enthauptet den früheren Chef-Archäologen der irakischen Oasenstadt Palmyra. Nach US-Angaben stirbt die Nummer zwei der Terrormiliz, Hadschi Mutas, bei einem Luftangriff im Irak.

23. August: Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Tempel Baal Schamin in Palmyra. Einige Tage später zerstören die Extremisten auch den Baaltempel.

September 2015

Eine weitere Koalition bildet sich.  Russland bestätigt erstmals die Präsenz von Militärexperten in Syrien. Vorher waren Bilder russischer Soldaten in Syrien in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Russland und Iran unterstützen Syrien im Kampf gegen den IS, aber auch gegen andere Oppositionsgruppen.

November 2015

Nach den Anschlägen von Paris vom 13. November mit mindestens 129 Toten fliegt die französische Luftwaffe verstärkt Angriffe auf die Stadt Al-Raqqa, das inoffizielle Zentrum des vom IS kontrollierten Gebiet im Irak und Syrien. Frankreich fliegt bereits seit September 2014 Luftangriffe auf IS-Stellungen.

Doch herrschte nach den Angriffen Verwirrung darüber, was tatsächlich getroffen wurde. Aus dem US-Verteidigungsministerium verlautete, dass die russischen Kampfjets Ziele in der Provinz Homs angegriffen hätten. Aktivisten vor Ort berichteten ebenfalls von Luftangriffen in Homs und Hama mit Dutzenden Toten - allerdings in Gebieten, die nicht unter Kontrolle des IS stehen.

Pentagonchef Carter stützte diese Auffassung. „Wenn man Assad unterstützt und offenbar jeden unter Feuer nimmt, der gegen Assad kämpft, dann nimmt man den ganzen Rest des Landes unter Feuer“, sagte er in Washington. „Das entspricht nicht unserer Position. Zumindest einige Teile der Opposition gegen Assad gehören zum politischen Übergang. Deshalb ist der russische Ansatz zum Scheitern verurteilt.“

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