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29.05.2015

02:24 Uhr

Syriens Provinz Idlib

Extremisten erobern Assads letzte Bastion

Ein Flughafen, zwei Dörfer und kleinere Stellungen sind Aktivisten zufolge alles, was dem syrischen Machthaber Assad in Idlib geblieben ist. Das hindert die syrische Führung aber nicht, sich über Europa zu beschweren.

Die Stadt Ariha gehört zu den letzten Bollwerken der syrischen Regierungstruppen in der Provinz Idlib. Nun sollen die Rebellen dort eingezogen sein. Reuters

Blick auf Ariha, Syrien

Die Stadt Ariha gehört zu den letzten Bollwerken der syrischen Regierungstruppen in der Provinz Idlib. Nun sollen die Rebellen dort eingezogen sein.

Beirut/Amman/New YorkIslamistische Rebellen haben nach Angaben von Aktivisten die letzte noch in Regierungshand befindliche Stadt in Syriens nordwestlicher Provinz Idlib eingenommen. Die Al-Nusra-Front und ihre Verbündeten hätten die Stadt Ariha nach heftigen Kämpfen mit Regierungstruppen erobert, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag mit. Die EU verlängerte unterdessen ihre Syrien-Sanktionen um ein weiteres Jahr.

Das Rebellenbündnis Dschaisch al-Fatah (Armee der Eroberung) habe Ariha vollständig unter seine Kontrolle gebracht, die Regierungstruppen und ihre Verbündeten von der libanesischen Hisbollah-Miliz sowie iranische Kämpfer hätten sich aus der Stadt zurückgezogen. Dutzende Militärfahrzeuge seien aus der Stadt herausgefahren. Die in Großbritannien ansässige Beobachtungsstelle stützt sich in Syrien auf ein Netzwerk von Informanten. Ihre Angaben sind von unabhängiger Seite kaum zu überprüfen.

Offensive der mit Al-Kaida verbündeten Al-Nusra-Front

Die Offensive von Dschaisch al-Fatah wurde den Angaben zufolge von der mit Al-Kaida verbündeten Al-Nusra-Front angeführt. Die Aufständischen sind in der Provinz Idlib seit Wochen auf dem Vormarsch. Nach der Provinzhauptstadt Idlib eroberte das Bündnis im April auch die strategisch wichtige Stadt Dschisr al-Schughur.

Sechs Gründe, warum der Bürgerkrieg in Syrien noch nicht beendet ist

Einmischung von außen

Das Regime von Baschar al-Assad hat mit Russland und dem schiitischen Iran mächtige Verbündete im Ausland. Teheran unterstützt Damaskus mit Geld und Kämpfern. Zudem kämpft die libanesische Schiiten-Miliz an der Seite Assads. Aber auch die Rebellen erhalten Geld und Waffen aus dem Ausland, unter anderem aus Saudi-Arabien. So wurde die Krise zu einem regionalen Konflikt. (Quelle: dpa)

Assads Unnachgiebigkeit

Der Präsident sagte am Anfang der Proteste Reformen zu - die nie kamen. Stattdessen brandmarkt sein Regime sämtliche Gegner als „Terroristen“, auch moderatere Oppositionelle. Viele Kritiker des Regimes sitzen in Gefängnissen. Im Kampf ums Überleben setzt die Armee zudem immer wieder sogenannte Fassbomben ein - Metallbehälter, die mit Sprengstoff und Metall gefüllt sind.

Zerstrittene Opposition

Den Regimegegnern ist es bis heute nicht gelungen, sich zu einen und eine gemeinsame Führung zu bilden. Die Exil-Opposition in Istanbul wird zwar international anerkannt, zeigt sich aber immer wieder zerstritten und hat in Syrien kaum Einfluss. Auch mit der Inlandsopposition aus Damaskus konnte sie sich noch immer nicht auf konkrete gemeinsame Ziele einigen.

Konfessionalismus

Längst ist der Bürgerkrieg auch zu einem Konflikt zwischen den Konfessionen geworden. Das Regime wird von Alawiten kontrolliert, einer Nebenlinie des schiitischen Islams. Die Alawiten befürchten blutige Rache, sollte Assad stürzen. Auch viele Christen sehen den Präsidenten als ihren Schutzpatron. In den Reihen der Rebellen kämpfen dagegen vor allem Sunniten.

Politik des Westens

Die USA und Europa lehnen eine militärische Intervention gegen das Assad-Regime ab. US-Präsident Barack Obama drohte zwar für den Fall des Einsatzes von Chemiewaffen durch das Regime in Syrien mit einem Eingreifen, nahm dann aber doch davon Abstand. Der Westen steht politisch zwar an der Seite der moderateren Rebellen, unterstützt diese aber kaum mit Waffen.


Stärke der Extremisten

Als die Krise in Syrien eskalierte, dehnte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus dem Irak ins Nachbarland aus. Jetzt kontrolliert sie dort ein Drittel der Fläche. Andere Teile Syriens stehen unter Herrschaft der Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Moderate Kräfte sind auf dem Rückzug. Die von den USA unterstützte Harakat Hasm löste sich kürzlich auf.

In der vergangenen Woche überrannte es den Militärstützpunkt Al-Mastuma und nahm ein Krankenhaus ein, in dem Regierungssoldaten eingeschlossen waren. Der Beobachtungsstelle zufolge hatten sich zahlreiche Regierungssoldaten in den vergangenen Tagen nach Ariha zurückgezogen.

Aus Armeekreisen verlautete am Donnerstag, die Streitkräfte hätten sich nach heftigen Gefechten auf Verteidigungspositionen außerhalb der Stadt zurückgezogen. Den Rebellen zufolge kommt es in Ariha weiter zu Gefechten. Der Ort werde nach Regierungssoldaten durchsucht.

Das Rebellenbündnis gab im Kurzbotschaftendienst Twitter an, die Stadt binnen sechs Stunden eingenommen zu haben. Ariha hatte vor Beginn des Syrienkonflikts 40.000 Einwohner. Den Angaben zufolge kontrolliert die Regierung von Präsident Baschar al-Assad in der an die Türkei grenzenden Provinz Idlib nur noch den Militärflughafen Abu Duhur sowie kleinere Stellungen und zwei schiitische Dörfer.

Die Al-Nusra-Front kämpft in Syrien gegen die Truppen Assads und die mit ihm verbündete Hisbollah-Miliz. "Unsere Mission in Syrien ist der Sturz des Regimes, seiner Symbole und Verbündeten", sagte der Chef der Gruppe, Abu Mohammed al-Scholani, laut dem katarischen Fernsehsender Al-Dschasira. Angriffe auf den Westen von Syrien aus seien nicht geplant, "um den gegenwärtigen Krieg nicht zu beschmutzen".

Nach dem Verlust von Ariha kontrollieren die Rebellen nahezu die gesamte Provinz. Sie liegt an der Grenze zur Türkei und zur Provinz Latakia, dem Kernland von Präsident Baschar al-Assad. Die Nusra-Front ist auch eine der Hauptgruppen im Kampf um die Stadt Aleppo. Auch im Süden des Landes ist sie aktiv. Wiederholt liefert sie sich auch Gefechte mit der konkurrierenden Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS). In dem seit vier Jahren anhaltenden Bürgerkrieg sind mehr als 250.000 Menschen getötet und acht Millionen Menschen vertrieben worden.

Kommentare (3)

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Herr Phillip Schneider

29.05.2015, 08:05 Uhr

"Die EU verlängerte unterdessen ihre Syrien-Sanktionen um ein weiteres Jahr."
Während Syrien von Extremisten erobert wird. Super Sache, Daumen hoch!

Herr Alberto Diax

29.05.2015, 10:37 Uhr

Der Bumerang wird bald zurückkommen!
Während wir die syrische Armee in ihrem verzweifelten Kampf gegen unseren eigenen Feind völlig alleine lassen und den Tod tausender Soldaten bejubeln, hofieren wir die sunnitischen Diktaturen (SA, Bahrain, Kuwait, Katar, Jordanien, Ägypten, VAE, Türkei), Lukaschenko in Weissrussland und Erdogan in der Türkei!
Es geht schon lange nicht mehr um Assad, es geht darum zu verhindern, dass ein Staatssystem zusammenbricht und das Land in Chaos und Gewalt abdriftet! Das Chaos in Lybien haben uns Sarkozy und Cameron beschert und damit die Flüchtlingswelle erst ermöglicht!
Es tritt nun das ein, wovor wir uns am meisten fürchten sollten: die syrische Armee zieht sich aus der Fläche zurück und wird die Kerngebiete verteidigen. Damit haben die Saudis mithilfe des IS den Osten, die Türkei mithilfe der Nusra-Front den Norden und die USA mit einem undurchsichtigen Rebellengewirr den Süden Syriens erobert.
Man schaue sich nur mal die Landkarte an und wird sofort erkennen, von wo diese Scharen von Islamisten einsickern!

Wieso leben 85% der syrischen Bevölkerung ausgerechnet in jenen Landesteilen, die von der Armee kontrolliert werden!? Und wieso flüchten immer mehr genau in die Arme des bösen Diktators? Offensichtlich bereitet die Willkür der Scharia vielen mehr Angst, als der staatliche Sicherheitsapparat.

Sollte die syrische Armee kollabieren, wovon derzeit nicht auszugehen ist, wird es einen massiven Völkermord an Schiiten, Alawiten, Drusen, Kurden, Assyrern und sämtlichen anderen nicht-sunnitischen Menschen geben und wir als Westen tragen den Großteil der Schuld, da wir wissentlich sunnitische Islamisten aufgerüstet haben. Dazu zählt auch das Verkaufen von Waffen o.g. Länder.

Der Westen mit mittlerweile von den Sunniten unterwandert (WM in Katar), dabei sind uns die Schiiten wesentlich ähnlicher. Das Töten, Köpfen, Verbrennen von Ungläubigen kennt man von Schiiten nicht!!
Wieso begreift die Welt das nicht!?!
Sunniten sind die Gefahr!!!

Herr Fred Meisenkaiser

29.05.2015, 10:49 Uhr

Die USA haben ihr Ziel erreicht. Mittels der IS wurde Syrien soweit geschwächt, das der einzige russische Stützpunkt im Mittelmeer Tartus wohl dauerhaft aufgegeben werden muss. Alle Mittelmeeranreiner sind nun in der Hand der USA.

Waren das di evielen Toten und zerstörten Kulturgüter wert?

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