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11.11.2016

20:00 Uhr

Syrische Flüchtlinge

Die Angst vor der Heimkehr

Die syrische Regierung lädt Flüchtlinge zur Heimkehr in zurückeroberte Rebellengebiete ein. Aber viele Vertriebene zögern aus Angst. Ist es genau das, was der syrische Machthaber Assad will?

Viele vertriebene Syrer haben Angst vor ihrer Heimkehr, da sie nicht genau wissen, was sie erwartet. dpa

Ungewisse Rückkehr

Viele vertriebene Syrer haben Angst vor ihrer Heimkehr, da sie nicht genau wissen, was sie erwartet.

BeirutDie syrische Regierung von Präsident Baschar al-Assad lädt geflohene Menschen aus mittlerweile zurückeroberten Rebellengebieten zur Rückkehr ein. Um Alaa aus einer kleinen Stadt rund 40 Kilometer von Homs entfernt hätte das gerne getan. Sie schickte ihre Schwester Maha los, damit die überprüft, wie es um ihre Wohnung bestellt ist. In der Unterkunft lebte mittlerweile eine fremde Familie vor.

Das ist nur eine der zahlreichen Hürden, die Vertriebene des syrischen Bürgerkriegs weiter fernhalten. Viele Geflüchtete haben nach eigenen Angaben Angst, festgenommen zu werden, wenn sie in ihre jetzt von der Regierung kontrollierten Heimatorte zurückkehren. Andere fürchten, dass ihre Ehemänner oder Söhne zum Dienst in demselben Militär eingezogen werden, das einst ihre Städte oder Dörfer bombardierte. Und in manchen früheren Rebellenhochburgen laufen staatliche „Entwicklungsprojekte“, für die Tausende Häuser plattgemacht wurden.

Die internationale Anti-IS-Koalition

Welche Länder beteiligen sich?

Nachdem der IS sich im Sommer 2014 in Syrien ausbreitete, beschlossen zehn Länder auf einer Nato-Konferenz ein Bündnis gegen die Terrormiliz. Heute gehören mehr als 60 Staaten zu der Allianz, darunter neben den USA auch Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Türkei. Saudi-Arabien und andere arabische Staaten wie Jordanien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar haben sich dem Bündnis ebenfalls angeschlossen.

Quelle: dpa

Wie geht die Allianz vor?

Derzeit bekämpft die Allianz den IS vor allem in Syrien und im Irak, wenngleich sich der IS auch in Libyen festgesetzt hat. Nach eigenen Angaben hat die Koalition mehr als 12.000 Luftangriffe auf IS-Stellungen geflogen. Die USA bilden im Irak Soldaten der Armee und kurdische Kämpfer aus, Deutschland liefert Waffen und Ausrüstung für kurdische Peschmerga und leistet mit sechs Tornado-Flugzeugen Aufklärungsarbeit.

Welche Erfolge gibt es?

Die Dschihadisten sind in Syrien und im Irak massiv unter Druck geraten. Seit Beginn vergangenen Jahres hat der IS mehr als ein Drittel seines „Kalifat“ genannten Herrschaftsgebietes eingebüßt. Vor allem die Kurden haben den Extremisten mit Hilfe internationaler Luftunterstützung im Norden beider Länder große Gebiete abgenommen. Der irakischen Armee gelang es, den IS aus wichtigen Städten wie Ramadi und Falludscha zu vertreiben. Außerdem haben die Luftschläge die Ölinfrastruktur unter IS-Kontrolle stark zerstört, weshalb die Extremisten laut Analysten unter Finanzproblemen leiden. Dennoch beherrscht der IS noch große Gebiete in Syrien und im Irak.

Welche Rolle spielt die Türkei?

Um die Rolle der Türkei gibt es Streit. Die Türkei stellt seit Sommer vergangenen Jahres ihren Luftwaffenstützpunkt Incirlik der Allianz für den Luftkampf gegen den IS bereit. Ankara hilft auch bei der Ausbildung und hat nach eigenen Angaben kurdische Peschmerga bei der Großoffensive auf Mossul mit Artillerie unterstützt. Die Regierung in Bagdad lehnt eine türkische Militärpräsenz im Irak allerdings ab. Die türkische Führung wiederum weigert sich, ihre Soldaten abzuziehen.

Wann ist Mossul befreit?

Das ist schwer zu sagen, zumal die eigentlichen Kämpfe um die Stadt noch nicht begonnen haben. Bei dem Koalitionstreffen in Paris geht es jedoch schon darum, die politischen Weichen für die Zeit nach dem IS in Mossul zu stellen. Das Gesellschaftsgefüge ist fragil in Iraks zweitgrößter Stadt. Während die meisten Iraker Schiiten sind, ist die Mehrheit der Bevölkerung in Mossul sunnitisch wie der IS. Zudem lebten viele Christen dort. Der sunnitische türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan forderte bereits, dass nach dem Ende der Kämpfe keine Schiiten mehr in der Stadt leben sollten.

Die Opposition wirft der Assad-Regierung vor, gezielt unter dem Radar zu versuchen, als illoyal betrachtete Bevölkerungsteile von der Rückkehr abzuschrecken. Das Ziel: demografische Veränderungen, die helfen, ihre Kontrolle über einen Korridor von Damaskus zur Mittelmeerküste zu manifestieren. Die Regierung bestreitet das und betont, sie tue alles, um Vertriebene wieder in deren Heimatorten anzusiedeln.

Mehr als elf Millionen Menschen - fast die Hälfte der syrischen Bevölkerung - sind seit 2011 aus ihren Häusern geflohen, darunter fünf Millionen, die sich als Flüchtlinge ins Ausland durchgeschlagen haben. In vielen Landesteilen wütet der Bürgerkrieg unentwegt, die Zerstörung ist massiv. Unter solchen Bedingungen ist eine Massenrückkehr unwahrscheinlich.

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