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20.11.2011

09:20 Uhr

Systemkritik

Kapitalismus in der Reichtumsfalle

VonWolfgang Uchatius
Quelle:Zeit Online

Mehr Schulden statt mehr Wohlstand – das Wirtschaftssystem, wie wir es kennen, funktioniert nicht mehr gut. Warum es sich lohnt, nach Alternativen zu fragen.

An der französischen Côte d'Azur: Hier wohnen Reiche unter sich. dpa

An der französischen Côte d'Azur: Hier wohnen Reiche unter sich.

Viele Tausend Jahre vor Beginn der großen Finanzkrise lebte in der Wüste Kalahari in Südwestafrika das Volk der !Kung*. Zähe, klein gewachsene Männer und Frauen waren das, die Antilopen und Zebras mit vergifteten Pfeilen töteten. Bevor sie das Fleisch aßen, verteilten sie es. Die Beute des einen gehörte auch den anderen, so war das bei den !Kung.

Anfang der 1980er Jahre lebten die !Kung noch immer in der Kalahari. Auch sonst hatte sich dort wenig verändert. Der Rest der Welt hatte das Auto, die Atombombe und den Aktienhandel erfunden. Die !Kung schossen noch immer ihre Pfeile ab. Noch immer waren sie es gewohnt, zu teilen. Aber nicht mehr lange.

Debatte: „Der Kapitalismus ist ein systemischer Fehler“

Debatte

„Der Kapitalismus ist ein systemischer Fehler“

In den Medien tobt eine neue Kapitalismusdebatte. Wer hat Schuld am Euro-Desaster - Zockerbanken oder Schuldenpolitiker? Die Handelsblatt-Leser äußern in ihren Kommentaren zuweilen weisere Ansichten als manche Experten.

Wenig später meldete ein amerikanischer Anthropologe gravierende Neuigkeiten aus den Dörfern der !Kung. Die Jäger blieben zu Hause, die Hütten standen jetzt so, dass die Nachbarn nicht mehr hineinsehen konnten, fast jede Familie hatte sich eine Kiste angeschafft, in der sie ihr Eigentum aufbewahrte. An den Kisten hingen Schlösser.

Was genau war geschehen? Nicht viel. Die Regierung von Botswana hatte begonnen, Handel mit den !Kung zu treiben. Die Marktwirtschaft war in die Kalahari gekommen, ein kleines, bis dahin überaus genügsames Volk hatte Gefallen am Eigentum gefunden, das war alles. Für die !Kung war es der Anfang vom Kapitalismus. Für uns war es der Anfang vom Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen.

Um das zu verstehen, hilft es, ein Bild heranzuziehen, das der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter im Jahr 1942 kreierte, um das Wesen des Kapitalismus zu beschreiben. Es ist das Bild der Maschine. Ein durchaus passendes Bild, war der Aufstieg der Marktwirtschaft doch untrennbar mit technischen Erfindungen verknüpft, mit Dampfmaschinen, Lokomotiven, Hochöfen, Fließbändern. Da liegt es nahe, das ganze System als eine einzige große Maschine zu begreifen. Eine Maschine, die Dinge erzeugt, immer mehr davon, von Jahr zu Jahr.

Der Durchschnittsdeutsche von heute besitzt: Fernseher, Bücher, Möbel, Digitalkamera, Elektroherd, Waschmaschine, Mobiltelefon, Auto, Computer. Insgesamt: 10.000 Gegenstände. Die Maschine war ziemlich erfolgreich. Damit sie weiterlaufen kann, damit die Unternehmen weitere, neue Dinge produzieren, brauchen sie Menschen, die sie ihnen abkaufen. In diesem Sinne bekam die große Maschine Ende der achtziger Jahre neuen, ungeahnten Schwung. Nach dem Mauerfall breitete sich der Kapitalismus rund um die Welt aus, bis in den letzten Winkel Osteuropas, Asiens, Afrikas, und überall fand er: neue Märkte. Er kam zu den Ukrainern und Rumänen, Indern und Chinesen, Vietnamesen und Kambodschanern. Und zu den !Kung.

Kommentare (27)

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Catweezle

20.11.2011, 10:11 Uhr

Danke HB für die Denkanstösse!
Eine der "8 edlen Wahrheiten" im Buddhismus besagt:
"Gier ist die Ursache des Leidens".
Gierige Menschen werden nie echtes Glück und echte Zufriedenheit empfinden!
Der Raubtierkapitalismus fördert die Gier.
Die Citiboys, Ackermänner und Jains werden durch Millionen-Gehälter und Bonusse zu besonders gierigen Menschen konditioniert.
Nur wenige erkennen dies und schaffen es von dich aus, dieser Gier zu widerstehen.
Vielleicht ist es Zeit nicht nur über Mindestlöhne sondern auch über Höchstlöhne nachzudenken. Dem Bruttosozialglück wäre dies sicher förderlich.
Ich sehe die jetzigen Krisen als etwas sehr wertvolles, weil sie die Chancen zum Umdenken verbessern.

Account gelöscht!

20.11.2011, 10:14 Uhr

Man muss nicht gleich am Kapitalismus verzweifeln. Diese grobkörnige Herangehensweise verbleibt nur denen, die sich nie mit Ökonomie beschäftigt haben. Die wirklichen Probleme (schön auf Seite 5 beschrieben) kreisen letztlich alle um einen Punkt: Solange Banken für eine reale Geldeinheit 10 virtuelle (oder derzeit sogar deutlich mehr) verleihen können, wird es eine ewige Abfolge von Boom und Bust bleiben.

Denn die 10 virtuellen Geldeinheiten werden immer ihre Abnehmer finden. Nur ist heute ein globaler Bust nicht mehr überlebbar. Nicht ohne den Verlust unserer zivilen Ordnung, vielleicht sogar mit Krieg, vielleicht sogar von nicht vorstellbarem Ausmaß. Die Chancee, daß wir in Friedenszeiten noch eine klare Agenda zur Zerschlagung der Banken und Reformation der Kreditregeln - es muss gar nicht das große Systemrad sein - sehen werden, ist äußerst gering. Zu viele Prozentpunkte des Bruttosozialprodukts werden inzwischen in den financial districts unseres Planeten erwirtschaftet, zu radikal müsste das Geschäft einer riesigen und mächtigen Finanzindustrie über globale Rechtsräume hinweg entkernt werden - einer Finanzindustrie die allein durch die Drohung seines Scheiterns de facto heute Staaten erpresst, einer global superpower, eines Monsters, das jeden Tag in Freiheit immer noch größer, mächtiger und zerstörerischer wird.

Das Problem ist nicht der Kapitalismes per se oder eine marktliberale Grundhaltung, denn diese hat in den Gütermärkten vieles erst möglich gemacht, das Problem ist nicht zu erkennen, dass diese Grundhaltung nicht auf die Finanzmärkte übertragen werden kann. Kein Systemwechsel sondern dedizierte Korrekturen und Grenzen wären nötig gewesen. Dieser epochale Fehler ist aus den obigen Gründen nicht mehr korrigierbar, nicht über Ländergrenzen hinweg. Nicht ohne global Bust. Wir stehen am Abgrund. Das Ende unserer Ordnung wie wir sie kennen ist nur eine Frage der Zeit.

Einanderer

20.11.2011, 10:38 Uhr

Ein qualitatives Wachstum ist schon noch möglich, es erlaubt auch weiterhin monetär-quantitaives Wachstum und nebenbei kann es die Abfallproblematik verbessern -- was eine Notwendigkeit ist, wenn wir und unsere Kollegen auf anderen Kontinenten den Reichtum auch über längere Zeit hinweg geniessen können wollen.

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