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29.07.2011

11:45 Uhr

Szenarien für US-Schuldenkrise

Countdown zum großen Crash

VonRolf Benders

Republikaner und Demokraten streiten, die Tea Party blockiert: Im Schuldenstreit erleben die USA einen Staatsbankrott in Zeitlupe. Welche Szenarien zur Lösung des Konflikts es noch gibt - und was schlimmstenfalls droht.

Das Kapitol in Washington.

Das Kapitol in Washington.

New YorkDer Politik in der US-Hauptstadt läuft langsam die Zeit davon. Bis Sonntagabend müssen sich Republikaner und Demokraten auf eine Anhebung des Schuldenlimits und am besten auch auf ein Haushaltssanierungsgesetz einigen, um die Regierung zahlungsfähig zu halten.

Zuletzt trieben beide Seiten ihre Gesetzesvorschläge in den von ihnen dominierten Parlamentskammern voran: Die Republikaner haben die Mehrheit im Abgeordnetenhaus, die Demokraten im Senat. Doch der republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, John Boehner, scheiterte gestern mit seinem Kompromissvorschlag zur Lösung des Schuldenstreits an der Rebellion der ultrakonservativen Abgeordneten der Tea Party aus den eigenen Reihen.

Nun beginnt die letzte Runde in dem Poker, die am Sonntagabend Ortszeit vor Öffnung der asiatischen Märkte zu einem Abschluss kommen sollte. Folgende Szenarien sind denkbar:

Lösungsstrategien der US-Schuldenkrise

Das Optimum (unwahrscheinlich)

Regierung und Opposition einigen sich auf eine Anhebung des derzeit bei 14,3 Billionen Dollar liegenden Schuldenlimits um mindestens zwei Billionen Dollar und auf ein Haushaltssanierungsgesetz mit Einsparungen von rund vier Billionen Dollar in den nächsten Jahren.

Die Folgen: Sowohl ein Zahlungsausfall als auch eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA sind vom Tisch. Die Aktienmärkte würden mit massiven Kursgewinnen reagieren. Der Dollar und die Kurse der US-Staatsanleihen steigen.

Die zweitbeste Lösung (wahrscheinlich)

Das Schuldenlimit wird auf Druck der Republikaner nur geringfügig angehoben und es gibt ein Haushaltssanierungsgesetz mit einem Volumen von mehreren Billionen Dollar.

Die Folgen: Eine unmittelbare Zahlungsunfähigkeit ist abgewendet. Aber das Schuldenlimit muss im Frühjahr 2012 erneut angehoben werden. Die Ratingagenturen drohen weiter mit Herabstufung, halten aber vorerst still. An den Aktienmärkten gibt es verhaltene Kursgewinne, weil alle wissen, dass das ganze Poker in ein paar Monaten wieder losgeht. Dollar und Staatsanleihen erholen sich leicht.

Die drittbeste Lösung (weniger wahrscheinlich)

Das Schuldenlimit wird auf Druck der Republikaner nur geringfügig angehoben und es gibt kein oder nur kein umfassendes Haushaltssanierungsgesetz.

Die Folgen: Eine unmittelbare Zahlungsunfähigkeit ist abgewendet. Aber den Ratingagenturen sind die Einsparungen zu gering, sie stufen die Kreditwürdigkeit der USA früher oder später herab. Die Aktienmärkte reagieren negativ, der Dollar gibt nach. Möglicherweise reicht eine Herabstufung der USA bereits aus, um das Weltfinanzsystem in eine tiefe Krise zu stürzen.

Der Super-GAU (nicht unmöglich)

Die Parteien können sich weder auf eine Anhebung des Schuldenlimits noch auf ein Haushaltssanierungsgesetz einigen.

Die Folgen: Die Agenturen können kaum anders, als die Kreditwürdigkeit der USA herabzustufen. Die US-Regierung wird Ausgaben priorisieren, um so lange wie möglich zumindest die Schulden zu bedienen. Zahlungen an Kommunen und Bundesstaaten, Angestellte, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger werden verzögert. Den USA droht eine Rezession. Die Märkte spielen verrückt, mit weltweit fallenden Aktienkursen. Aus Angst vor einem Einfrieren des Interbankenmarktsstoßen Anleger vor allem Finanzaktien ab. Deutsche und Schweizer Staatsanleihen sind gefragt, der Euro legt vermutlich deutlich gegenüber dem Dollar zu.

Eine Krise wie nach dem Lehman-Kollaps gilt als sehr wahrscheinlich. Dabei ist die letzte Hoffnung, dass die Politiker in Washington im Angesicht der globalen Verwerfungen binnen Tagen zu einer Einigung kommen.

Obama ruft den "Notstand" aus (unwahrscheinlich)

Eine umstrittene Verfassungsklausel (14. Zusatz) aus der Zeit des Bürgerkriegserlaubt dem Präsidenten nach Ansicht vieler Verfassungsrechtler im Notfall alle Maßnahmen, um die Zahlungsfähigkeit der USA sicherzustellen. Obama, selbst Harvard-Jurist, hat es bislang abgelehnt.

Die Folgen: Es würde eine Zahlungsunfähigkeit vermieden. Wegen des fehlenden Haushaltssanierungsgesetzes gäbe es aber wahrscheinlich doch eine Herabstufung der Bonität.

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