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10.08.2012

06:59 Uhr

Tagebuch aus Nordkorea

„Es wird etwas passieren in dem Land“

Nordkorea ist für den Westen ein unbekanntes Land. Journalisten bekommen nur das zu sehen, was sie sehen sollen. Unser Autor war daher mit einem Touristen-Visum unterwegs. Der fünfte und letzte Eintrag seines Tagebuchs.

Ein Tagebuch aus Nordkorea. dapd

Ein Tagebuch aus Nordkorea.

9. August: Um 9 Uhr geht mein Flug, um 7:30 Uhr müssen wir erst los. Mein Reisepass hat bereits den Ausreisestempel, ich muss nur noch durch die Sicherheitskontrolle. Diese Rundumbetreuung hat auch seine wenigen Vorteile. Am Ende wird es allerdings 7:45 Uhr bis ich so weit bin. Aus der anfänglichen Verstopfung hat sich über Nacht ein veritabler Durchfall entwickelt. Bestimmt nur die Aufregung, kein Virus, versuche ich Frau Yong zu beruhigen, der das total peinlich ist.

Noch einmal passieren wir die zur Hälfte weggespülte Brücke, in der Nähe des Flughafens. Der Wiederaufbau wird größtenteils mit bloßen Händen erledigt. Stahlstränge werden irgendwo eingeklemmt und dann hängen sich mehrere Männer ans Ende, um die Stränge zu biegen. Weil sie so mager sind, müssen vier gleichzeitig ran. Es ist ein total archaisches Bild. Nordkorea ist ein Wrack. Die Menschen – vor allem außerhalb der Funktionärsstadt Pyongyang – vegetieren, stürzen sich auf einen geplatzten Sack Mais, der von einem kaum noch fahrtüchtigen LKW gefallen ist oder sammeln alles mögliche auf ihren Fahrrädern, was ihnen brauch- oder essbar erscheint. Das ist die Realität, fern aller Touristen-Oasen, wobei selbst deren Fassade eigentlich kaum Fragen offen lässt, hält man nur ein wenig die Augen auf.

Ich besteige das Flugzeug nach Beijing. Zu meinem Glück, reist eine hochrangige, chinesische Delegation mit. Deshalb hat Air Koryo das beste Flugzeug aus dem Stall geholt. Mit funktionierender Air Condition und vielen Monitoren, über die man mit koreanischen Kampfliedern beschallt wird. Neben mir sitzt ein Franzose, der zum zweiten Mal in Nordkorea war. Seit 2008 habe sich eine Menge getan, sagt er. Vor allem gebe es viel mehr Autos. Außerhalb der Hauptstadt sehe es aber extrem schlecht aus. Er war viel im Land unterwegs, weil er in zwei Tagen eine Reisgruppe aus Beijing nach Pyongyang begleitet und das Programm organisiert hat. Es ist komplett über den Haufen geworden, weil viele Straßen im ganzen Land nicht passierbar sind.

Wir tauschen unsere Erlebnisse aus. Er meint, ich sei verrückt, dass ich meiner Reiseleitung so vertraut habe. Man könne nie wissen, was hinter der Fassade jedes einzelnen Menschen stecke. Ich erwidere, dass ich ja nun im Flugzeug sitze, mir nichts passiert sei und ich mir ziemlich sicher bin, dass die Tränen in Frau Yongs Augen beim Abschied nicht solche waren, wie sie die nordkoreanischen Frauen für tote Kims vergießen.

Wir sind uns einig: Es wird etwas passieren in dem Land. Und wir können das beschleunigen, indem wir so viele Menschen wie möglich davon überzeugen, dorthin zu reisen. Austausch, Information, zeigen, dass es eine andere Welt gibt, dass ist nicht die Lösung alleine. Aber wenn wir Nordkorea mit Touristen überschwemmen, werden keine Brücken weggespült, sondern gebaut.

Um 10:30 Uhr landen wir in Beijing. Mein deutscher Freund, der hier arbeitet, ist extra mit dem Fahrrad aus der Stadt rausgefahren, um zu sehen, ob ich noch lebe und um Bilder zu sehen und Geschichten zu hören. Meine ersten 200 Meter am Stück ohne Begleitung seit fünf Tagen lassen viel Anspannung abfallen. „Puh, zurück in der freien Welt.“ - „Ähm, Du weißt schon, dass wir hier in China sind?“ Klar, recht hat er. Aber alles ist nun mal relativ.

Unser Autor war mit einem Touristen-Visum in Nordkorea. In einem Tagebuch zeichnet er seinen Aufenthalt exklusiv für Handelsblatt Online nach. Da seinen Reisebegleitern und ihren Angehörigen wegen ihrer Handlungen und Äußerungen Strafen drohen, sind ihre Namen geändert. Deshalb erscheint der Text auch ohne Nennung des Autors.

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Kommentare (9)

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Spiegel-Berlin

10.08.2012, 09:08 Uhr

Ich habe nur diesen letzten Beitrag gelesen, "kenne" die "kommunistische Welt" von Ost-Berlin und Verwandten in der DDR her und will hierzu nur sagen: Man läuft als Westler dort auch mit dieser Optik herum, dass man Brüchiges geradezu sucht, und natürlich findet, den Mist bei sich zu Hause sieht man nicht so. Und was mir damals auch auffiel: Die Optik ist bei einem auch dadurch noch beeinträchtigt, dass man von den "Kommunisten" als jemand "Hochklassigeres" gesehen und behandelt wird. - Man muss doch auch berücksichtigen, dass die weitgehend vom Welthandel ausgeschlossen sind, und dass da nichts mit Schuldenmachen ist, wie bei uns. - (Ich will hier aber berechtigte Kritik nicht ausschließen!!)

Schischaschiri

10.08.2012, 09:22 Uhr

Lieber Autor,
zu gerne würde ich acuh einmal nach Nordkorea und diese "andere" Welt erleben. Leider sind wie Sie ja auch selbst geschrieben haben, die Preise einer solchen Reise einfach zu teuer, so dass mir nur das Lesen solch super geschriebener Tagebücher bleibt. Vielen Dank für diese guten und beeindruckenden Einträge.
Werden Sie die von Ihnen gemachten Fotos ebenfalls veröffentlichen? Ich wäre zu gespannt, was es alles zu sehen gibt!
Viele Grüße

Merkur

10.08.2012, 10:38 Uhr

Schade, dass das Tagebuch hier schon beendet ist. Ich hätte gern mehr über dieses "geheimnisumwobene" Land erfahren.
Für Nordkorea wäre es sicherlich besser, wenn mehr Touristen kämen; aber es gibt sicherlich nur wenige, die derartige Strapazen (und Risiken) auf sich nehmen würden. Die meisten wollen im Urlaub Erholung und Zerstreuung.
Und ob die eingenommenen Devisen dann der Bevölkerung oder - wie eigentlich überall - nur wenigen Auserwählten zugute kommen, ist fraglich. Dass es diese wenigen gibt, belegen ja die Luxusautos, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.

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