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04.09.2015

17:30 Uhr

Tante von Aylan Kurdi

„Das muss ein Weckruf für die ganze Welt sein“

VonGerd Braune

Das Foto des ertrunkenen Aylan löste weltweit Erschütterung aus. Fatima Kurdi, die in Kanada lebende Tante des Jungen, spricht über ihre Familie und ihre Bemühungen, diese nach Kanada zu bringen.

Beisetzung des ertrunkenen Flüchtlingskindes

„Ich hoffe das Schicksal meiner Familie hilft denen, die noch in Not sind“

Beisetzung des ertrunkenen Flüchtlingskindes: „Ich hoffe das Schicksal meiner Familie hilft denen, die noch in Not sind“

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OttawaDer tragische Tod des dreijährigen syrischen Jungen Aylan Kurdi konfrontiert die Kanadier mit der Frage, ob ihr Land genug macht, um in dieser humanitären Krise zu helfen. Dass die Familie Kurdi gerne nach Kanada gekommen wäre, aber bürokratische Hürden nicht überwinden konnte, berührt die Bevölkerung Kanadas zutiefst. Der Wahlkampf für die Parlamentswahl am 19. Oktober wird nun von der Flüchtlingskatastrophe überschattet. Die Flüchtlingskrise sei nicht nur Europas, sondern auch Kanadas Krise, urteilen Medien.

Fatima Kurdi laufen Tränen über das Gesicht. Mit erstickter Stimme erzählt sie von einem Telefongespräch mit ihrem Bruder Abdullah und dessen Appell an die internationale Staatengemeinschaft: „Dies muss ein Weckruf für die ganze Welt sein. Meine Botschaft an die ganze Welt lautet, bitte helft den Menschen, die das Meer überqueren. Lasst nicht mehr zu, dass sie diese Reise unternehmen. Lasst sie nicht sterben“, habe ihr Bruder gesagt. Abdullah wolle weder nach Deutschland noch nach Kanada kommen, wie er gehofft habe, sondern nur noch seine beiden Söhne, den dreijährigen Alan und den fünfjährigen Ghalib, und seine Frau Rehanna in Kobane beerdigen. Und jeden Tag wolle er eine Banane auf das Grab der Kinder legen, denn das sei Ghalibs Lieblingsfrucht gewesen.

Fatima Kurdi, die in der kanadischen Pazifikstadt Vancouver lebt, ist die Tante von Alan und Ghalib, die Schwester von Abdullah, der versuchte, mit seiner Familie von der Türkei aus nach Griechenland zu entkommen und bei der gescheiterten Überfahrt Kinder und Frau verlor. Das Foto von dem leblosen, ertrunkenen Alan am Strand löste weltweit Erschütterung aus. Es fällt Fatima Kurdi schwer zu sprechen. Aber dann schildert sie mühsam, was sie von ihrem Bruder über die schrecklichen Minuten im gekenterten Boot erfuhr, wie Abdullah versucht hatte, seine beiden Söhne zu retten und ihm dies nicht gelang. Und wie er auch noch den Tod seiner Frau miterleben musste. „Sie hatten es nicht verdient zu sterben. Sie wollten ein besseres Leben. So etwas sollte nicht passieren“, sagt sie.

Im Frühjahr hatte sich Fatima Kurdi, die seit längerem in der Nähe von Vancouver lebt, darum bemüht, ihre Angehörigen nach Kanada zu bringen. Die kurdische Familie war aus Kobane an der türkisch-syrischen Grenze in die Türkei geflohen. Noch gibt es einige Unklarheiten über ihre Bemühen, die Familien ihrer beiden Brüder Abdullah und Mohammad nach Kanada zu bringen. Zunächst hatten kanadische Medien gemeldet, dass sie für Abdullah und seine Familie einen Antrag gestellt habe, dass Kanada sie als Flüchtling akzeptiere. Inzwischen aber stellte sich heraus, dass sich der Antrag auf ihren anderen Bruder Mohammad bezog. Dieser Antrag aber wurde von den kanadischen Behörden zurückgewiesen, weil er unvollständig war. Mohammad entschied darauf, sich nach Deutschland durchzuschlagen. Für seinen Bruder Abdullah war die Hoffnung zerstört, er könne legal nach Kanada reisen. Fatima schickte ihm Geld, damit er die Überfahrt mit Flüchtlingsschmugglern bezahlen konnte. Jetzt macht sie sich Vorwürfe, dass sie mit ihrem Geld die tödliche Überfahrt finanzierte.

Über ihren Abgeordneten, einen sozialdemokratischen Oppositionspolitiker, ließ Fatima Kurdi Einwanderungsminister Chris Alexander einen Brief mit der Geschichte ihrer Familie zukommen. „Bitte, gibt es irgendeine Möglichkeit, dass Sie meiner Familie helfen können, hierher zu kommen“, schrieb sie. Offenbar gab es einen Kontakt zwischen dem Ministerbüro und dem Büro des Abgeordneten, aber dieser Kontakt führte ins Nichts.

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