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18.04.2013

04:43 Uhr

Terror-Angst in Amerika

„Was geht hier vor?“

VonNils Rüdel, Michaël Jarjour

Ermittler und Medien haben nach den Bomben von Boston eine atemlose Jagd nach den Tätern begonnen. Dabei wurden Berichte verwechselt, gemeldet und dementiert. Doch der Täter bleibt auf der Flucht.

Riesiges Polizeiaufgebot

Jagd auf Boston-Attentäter

Riesiges Polizeiaufgebot: Jagd auf Boston-Attentäter

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New YorkSeit am Montag in Boston zwei Bomben 180 verletzt, und drei getötet haben, kommen die USA nicht zur Ruhe. Tausend Ermittler sind im Einsatz, um den Täter zu finden. Und am Mittwoch schien es für eine Stunde lang so, als hätten sie ihn. Auf CNN, FOX News und in Printmedien sagten, ein Verdächtiger sei festgenommen worden. Doch die Behörden dementierten bald, die Sender ruderten zurück. Am Abend war klar, dass das FBI ein „Gesicht, aber keinen Namen hatte“, wie es ein Journalist von NBC ausdrückte. Auf Überwachungsvideos soll ein Verdächtiger identifiziert worden sein. Auf den Videos sei ein Mann entdeckt worden, der vor den Explosionen eine Tasche am Tatort abgestellt habe.

Das FBI äußerte sich dazu nicht. Ein Briefing über den Stand der Ermittlungen wurde mehrmals verschoben und schließlich abgesagt.

Terror: Festnahme im Zusammenhang mit Gift-Briefen

Terror

Festnahme nach Gift-Briefen

Mann schrieb: „Falsches zu sehen und nicht zu enthüllen, bedeutet, sich zum stillen Partner zu machen.“

Doch das war nicht alles: Dazu kamen Berichte von verdächtigen Paketen in Washington und mit Gift versetzen Briefe. Einer davon war an US-Präsident Barack Obama adressiert und wurde abgefangen. Am Abend meldeten Medien, eine Person sei im Zusammenhang verhaftet worden. Das FBI betonte, dass die Briefe nichts mit den Bomben in Bosten zu tun haben. Doch der zeitliche Zusammenhang stürzt die Nation in tiefe Verunsicherung. Sicherheitsbehörden in ganz Amerika sind in Alarmbereitschaft.

„Geht hier irgendetwas vor?“, fragte die CNN-Reporterin bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus Obamas Sprecher Jay Carney. Seine Antwort: „Das können nur die Ermittler von FBI und Secret Service beantworten“. In Metropolen wie New York, Washington und Los Angeles marschiert die Polizei auf, die Sicherheitsvorkehrungen in Bahnhöfen und Regierungsgebäuden wurden verstärkt, ein Passagierflugzeug musste auf dem Rollfeld umkehren.

Das FBI bestätigte gegen Mittag, dass ein an Obama gerichteter Brief offenbar die hochgiftige Substanz Rizin enthielt. Bereits am Dienstag habe man den Brief außerhalb des Weißen Hauses abgefangen. Laut FBI deuten erste Untersuchungen auf Rizin hin, es werde aber noch weitere Tests geben. Dabei handelt es sich um einen der giftigsten Eiweißstoffe, die in der Natur vorkommen. Inhaliert können schon geringste Mengen einen Erwachsenen töten.

Doch damit nicht genug: Am Mittwoch wurden zudem in Washington ein Verwaltungsgebäude des Kongresses teilweise geräumt, nachdem Mitarbeiter nicht identifizierte Pakete entdeckt hatten. Die Polizei hat laut CNN einen Mann festgenommen, der in einem Abgeordnetenbüro einen versiegelten Brief abgegeben habe. In Boston wurde das Bundesgericht evakuiert.

Boston: Kochtöpfe als Bomben

Was waren das für Sprengsätze in Boston?

Die Bomben waren simpel gebaut: Nach bisherigen Ermittlungen wurden sie aus handelsüblichen Schnellkochtöpfen hergestellt, die mit Nägeln, Metallkugeln und Schwarzpulver gefüllt waren, wie man es in den USA in vielen Supermärkten kaufen kann. Gezündet wurden die Sprengsätze vermutlich über einfache Eieruhren, versteckt waren sie in dunklen Nylontaschen oder Rucksäcken, die auf der Straße oder dem Bürgersteig in der Nähe der Ziellinie des Marathonlaufes abgestellt waren. Ein wichtiger Hinweis für die Ermittler ist zurzeit die Markierung „6L“ für sechs Liter auf den Überresten der Schnellkochtöpfe. Sie könnten einen Hinweis auf den Hersteller geben.

Wurden mit Schnellkochtöpfen bereits früher Attentate verübt?

Ja, immer wieder. Nach Erkenntnissen der US-Behörden wurden sie bei Anschlägen unter anderem in Afghanistan, Indien, Nepal oder Pakistan verwendet, alles Länder, in denen diese Kochtöpfe weit verbreitet sind. Auch die vier algerischen Islamisten, die im Dezember 2000 eine Bombe auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt zünden wollten, hatten sich einen pakistanischen Dampfkochtopf aus Aluminium bestellt, der bei einer Explosion in besonders kleine Teile zersplittert wäre. Auch bei der Bombe, die der pakistanischstämmige US-Bürger Faisal Shazad im Mai 2010 auf dem New Yorker Times Square zünden wollte, spielte ein Schnellkochtopf eine Rolle. Wegen eines fehlerhaften Zünders explodierte sie nicht.

Lässt die Art der Bomben auf Islamisten schließen?

Die US-Behörden wenden sich gegen vorzeitige Festlegungen. Schließlich sind die Anleitungen zum Bombenbau für jedermann im Internet verfügbar. Das US-Heimatschutzministerium warnte schon 2004 vor der Verwendung von Schnellkochtöpfen beim Bau von Terrorwaffen.

In dem Bulletin wurde allerdings darauf hingewiesen, dass diese Technik vor allem in afghanischen Terror-Trainingscamps gelehrt wird. 2010 veröffentlichte das Heimatschutzministerium zusammen mit dem FBI einen weiteren Warnhinweis. Im selben Jahr stellte das britische Online-Blatt „Inspire“, dem Verbindungen zu Al-Kaida nachgesagt werden, einen Artikel mit der Überschrift: „Wie Du eine Bombe in der Küche Deiner Mutter baust“ in Netz. Darin heißt es: „Der Dampfkochtopf ist die effektivste Methode.“

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