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17.06.2014

06:53 Uhr

Terror im Irak

Vereint in Angst

VonAxel Postinett

Die Bilder von Massenexekutionen haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die USA entsenden Eliteeinheiten in den Irak und machen eine erstaunliche Entdeckung: Der Iran hat Angst vor dem Terror. Das könnte die Welt verändern.

Terror im Irak

USA kündigen Truppenentsendung an

Terror im Irak: USA kündigen Truppenentsendung an

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San FranciscoAm Rande der Nukleargespräche in Wien trafen sich am Montag der zweithöchste Außenpolitiker, William J Burns, und sein iranischer Gegenspieler, um „am Rande“, wie Offizielle in Washington nicht müde werden zu betonen, über die Situation im Irak zu sprechen. Herunterspielen ist das Wort des Tages, weil Unerhörtes passiert. US-Außenminister John Kerry findet in einem Interview, man solle mit Bezug auf Iran nichts „ausschließen, was konstruktiv dazu beiträgt, echte Stabilität zu schaffen.“

Zuvor hatte die Führung in Teheran Bagdad unbedingte Solidarität zugesagt und soll angeblich drei Regimenter der berüchtigten Eliteeinheit Revolutionsgarden nach Irak entsandt haben. Die Bilder von kaltblütigen Massenexekutionen schiitischer Moslems, verbreitet über Twitter und Facebook, haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die USA ihrerseits entsendet Eliteeinheiten, um US-Bürger und Botschaftsangehörige im Notfall zu schützen. 275 Soldaten werden es sein, die irakische Regierung habe ausdrücklich zugestimmt.

Einen gemeinsamen Waffengang Iran und USA wird es allerdings nicht geben, das ist jedem klar, und auch das Weiße Haus hebt das ausdrücklich hervor. Revolutionsgarden und Marines werden nach 35 Jahren Dauerfeindschaft niemals Schulter an Schulter den Isis-Terror bekämpfen und die irakische Stadt Mossul freischießen. Aber dazwischen gibt es genug Grauzonen, die es erlauben, die Weltpolitik ein Stück weiter zu bringen. Beide Staaten könnten etwa Geheimdienstinformationen austauschen, die amerikanische Luftschläge effektiver machen könnten. Iran könnte mäßigenden Einfluss und Druck auf die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad ausüben, die mit ihrer sturen sunnitisch- und kurdisch-feindlichen Politik nicht unwesentlich zu den Problemen beiträgt.

Radikale Islamisten: Kampf im Namen Gottes

„Gotteskrieg“

In vielen muslimisch geprägten Staaten bestimmen radikalislamische Gruppierungen unterschiedlicher Ausprägung oft im Verbund mit dem jahrelang dominierenden Terrornetzwerk al-Qaida zunehmend das politische Geschehen. Instabile und korrupte Regierungen werden der Lage vielerorts nicht mehr Herr, während die selbst ernannten Gotteskrieger sich ausbreiten und Vermögen anhäufen.
Quelle: afp

Syrien

Der Staat wurde seit dem Beginn des Aufstands gegen Staatschef Bashar al-Assad im März 2011 mehr und mehr zum Tummelplatz radikaler Islamisten. Im daraus entstandenen Bürgerkrieg sind mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbundene Kämpfer ebenso aktiv wie die libanesische Hizbollah-Miliz und die Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien (Isis). Wer an welcher Stelle gegen wen kämpft, ist vielfach kaum zu durchschauen.

Irak

In dem Land, das vielen Beobachtern nach langjährigem US-Engagement zuletzt als leidlich stabil galt, zeigte sich in den vergangenen Tagen, über welche enormen Mittel Isis verfügt. Innerhalb weniger Tage eroberten die Dschihadisten weite Gebiete im Norden des Landes und rückten auf die Hauptstadt Bagdad vor. Inzwischen wurden sie zwar gestoppt. Isis könnte aber angesichts eines geschätzten Milliardenvermögens noch lange durchhalten.

Libyen

Seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Frühjahr 2011 kommt in dem Land vor allem der Osten nicht zur Ruhe. Radikalislamische Gruppen wie die Ansar-al-Scharia-Miliz kämpfen dort gegen Regierungstruppen - und seit einiger Zeit auch gegen Einheiten des abtrünnigen Generals Chalifa Haftar, der die Islamisten auf eigene Faust bekämpft.

Ägypten

In dem Land haben sowohl die Hamas als auch die Hizbollah Verbündete. Zudem greifen auf der Sinai-Halbinsel und in Großstädten Dschihadisten immer wieder Sicherheitskräfte an. An den neuen Staats- und Ex-Armeechef Abdel Fattah al-Sisi, der die Muslimbruderschaft seines Vorgängers Mohammed Mursi verbieten ließ, richtet sich die Erwartung, dass nun vorerst wieder Ruhe einkehrt.

Nigeria

Im mehrheitlich muslimischen Norden des Landes kämpft die Gruppe Boko Haram für einen islamistischen Staat. Bei zahllosen Anschlägen auf Polizei, Armee und Behörden, aber auch auf Kirchen und Schulen wurden seit dem Jahr 2009 tausende Menschen getötet. Für internationale Empörung sorgte zuletzt vor allem die Entführung von fast 300 Schülerinnen durch Boko Haram im April.

Somalia

In dem Bürgerkriegsland führt die Shebab-Miliz seit Jahren einen blutigen Kampf gegen die Regierung. Eine funktionierende Staatsgewalt im gesamten Land gibt es nicht. Auch im benachbarten Kenia, dessen Armee sich am Kampf gegen die Shebab beteiligt, häufen sich Anschläge der Islamisten. Sie bekannten sich etwa zu einem Angriff auf ein Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nairobi mit 67 Toten im September und erst am Montag zu dem Angriff auf den Küstenort Mpeketoni mit 49 Todesopfern.

Pakistan

Vor allem in der unwegsamen Bergregion im Nordwesten des Landes an der Grenze zu Afghanistan sorgt die Gruppe Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) für Angst und Schrecken. Zuletzt griffen TTP-Kämpfer den Flughafen in der südlichen Metropole Karachi an und töteten 38 Menschen. Die Armee startete daraufhin eine Großoffensive gegen Stellungen von Taliban- und Al-Kaida-Kämpfern.

Afghanistan

Seit der Entmachtung der dort herrschenden Taliban im Herbst 2001 sind in dem Land ausländische Soldaten unter Nato-Führung stationiert. Regelmäßig verüben die Islamisten dennoch blutige Anschläge mit vielen Toten. Der internationale Kampfeinsatz läuft zum Jahresende aus, danach soll es Unterstützungsmissionen geben. Viele Beobachter zweifeln allerdings an langfristiger Stabilität für das Land.

Allgemein

In der Region sorgen vor allem die Palästinenserorganisation Hamas und die Hizbollah für Unruhe, die allerdings nicht als klassische Terrororganisationen zu betrachten sind, sondern als politische Gruppen mit handfesten territorialen Interessen. Die Hamas wurde in als von internationalen Beobachtern recht freien Wahlen im Gaza-Streifen stärkste Kraft, wurde aber international nicht anerkannt. In der jüngsten Bildung einer Einheitsregierung sieht Israel einen neuen Schlag für die Friedensgespräche. Die vom Libanon aus agierende schiitische und mutmaßlich vom Iran finanzierte Hizbollah bedroht dort das multireligiöse politische System.

Selbst der republikanische Senator Lindsey Graham, als außenpolitischer Hardliner, als „Falke“ bekannt, räumt gegenüber dem TV-Sender CNN ein, dass Iran wertvolle Hilfe leisten könne. Man müsse einfach mal sehen. Das provozierte eine heftige Gegenreaktion seines Parteikollegen John McCain, der keinen Millimeter vom klassischen Feindbild abweichen will. Es wäre der „Gipfel der Dummheit“ jetzt mit Iran zusammenzuarbeiten, ließ er in einer Erklärung verbreiten. Er verwies dabei auf die nach seiner Meinung nach klare Historie der Unterstützung des Terrors durch den Iran.

Aber irgendwas muss passieren. Die Konsequenzen eines Sieges der Isis-Terroristen sind allen Beteiligten klar. Es entstünde in Irak und Teilen Syriens eine gigantische und uneinnehmbare Basis und Rückzugsraum für islam-fundamentalistische Kräfte. Eine Terrorschule erster Güte, deren Austauschstudenten nach erfolgreichem Training auch wieder nach Deutschland, Frankreich oder England zurückkehren könnten, um ihre Sicht des Weltfriedens zu verbreiten.

Kommentare (11)

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17.06.2014, 07:41 Uhr


Sie sprechen in ihrem Bericht von "failed states". Nennen hierbei einige Staaten in Nahmittelost.

Darf ich die USA und ihre "Foreign Policy", eigentlich ja Forstetzung international-renommierter Konzerne wie Haliburton etc, hinzufuegen. Erst deren völlig verfehlte Politik der vermeintlichen Rohstofferoberung führt zu diesem grässlichen Szenario. Versagen sogeannter Demokratien, nicht autokratischer Kreise in der Region.

Wer Terror schafft, kommt im Terror um.

Account gelöscht!

17.06.2014, 08:04 Uhr

Es wäre das Ende des Iraks wie wir es kennen und würde Schockwellen durch die sunnitischen Partnerstaaten der USA in der Region senden.

Vielleicht ist es wirklich einmal an der Zeit, sich an dieser Stelle einmal herauszuhalten. Es enstand in dieser Region, es soll in dieser Region zu Veränderungen führen und es wird von Menschen in dieser Region durchgeführt. Später kann man um diesen Zirkus ja noch immer einen Zaun ziehen.

Account gelöscht!

17.06.2014, 08:13 Uhr

@GSN

in einem der beiden Links in meinem obigen Kommentar ist eine Karte, die einen solchen Zersplitterungs-Entwurf der Region, grob entlang den Ethniengrenzen, enthält (dh. diese Zersplitterung wäre geplant, kein zufälliges Ergebnis eines Bürgerkriegs). Wer genau hinschaut merkt, daß die Türkei keinesfalls erfreut sein kann. Es ist kein Wunder, daß Erdogan derzeit Ärger mit seinen früheren Verbündeten, den Israelis und Amis hat (und daß er jetzt plötzlich in der Presse nicht mehr als der gemäßigte islamische "Christ"-Demokrat gefeiert wird, sondern als "Autokrat" verdammt).

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