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23.07.2016

17:13 Uhr

Terror in Afghanistan

Mindestens 80 Tote bei Anschlag auf Demonstration in Kabul

Bei einem Protestmarsch einer schiitischen Minderheit durch die afghanische Hauptstadt Kabul schlägt ein Attentäter zu – viele Menschen sterben. Die Terrormiliz IS behauptet, für den Anschlag verantwortlich zu sein.

Bei einem Selbstmordanschlag in Kabul sind mindestens 61 Menschen getötet worden, viele weitere sind immer noch in kritischer Verfassung. dpa

Terroranschlag in Afghanistan

Bei einem Selbstmordanschlag in Kabul sind mindestens 61 Menschen getötet worden, viele weitere sind immer noch in kritischer Verfassung.

KabulEin Selbstmordattentäter hat sich in der afghanischen Hauptstadt Kabul inmitten einer Demonstration in die Luft gesprengt und mindestens 80 Menschen getötet. 231 Menschen wurden bei dem Anschlag am Samstag verletzt, wie das afghanische Innenministerium mitteilte. Die Terrormiliz Islamischer Staat übernahm in einer Erklärung die Verantwortung. Vor der Demonstration warnte die Regierung die Organisatoren vor einer möglichen Terrorgefahr, wie ein Präsidentensprecher der Nachrichtenagentur AP sagte.

Der Angriff traf Angehörige der schiitischen Minderheit Hasara, die von den sunnitischen Extremisten des IS als Ungläubige angesehen werden. Sie wollten für eine Verlegung einer großen und von der Asiatischen Entwicklungsbank mitfinanzierten Stromtrasse durch ihre Heimatprovinz Bamian demonstrieren. Zuvor hatte sich der Verdacht gegen die afghanischen Taliban gerichtet, die dies aber zurückwiesen.

Zwei Selbstmordattentäter hätten sich den Demonstranten genähert, die sich auf dem Demasang-Platz versammelt hatten, um nach einem vierstündigen Protest dort ein Camp aufzuschlagen, wie Präsidentensprecher Harun Chachansuri sagte. Einer der beiden sei von der Polizei angeschossen worden, der andere habe seinen Sprengstoff gezündet.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Präsident Aschraf Ghani verurteilte die Tat in einer Erklärung und sprach von „Terroristen“, die den Anschlag verübt hätten. Friedliche Demonstrationen seien das Recht eines jeden Afghanen, sagte er. Chachansuri sagte, Ghani wollte noch mit den Demonstranten zusammentreffen und eine Fernsehansprache halten. Die Organisatoren seien im Vorfeld von der Regierung gewarnt worden, dass eine Anschlagsgefahr bestehe, fügte er hinzu. Das habe die Auswertung von Geheimdienstmaterial ergeben.

Augenzeugen berichteten, nach der Explosion hätten Polizisten in die Luft geschossen, um die Menge zu vertreiben. Videos und Bilder zeugten von dem Horror und dem Chaos auf dem Platz, mit zahlreichen Leichen und verstreuten Leichenteilen.

Die millionenschwere Stromtrasse sollte ursprünglich durch Bamian im zentralen Hochland Afghanistans verlaufen, doch die vorherige Regierung in Kabul hatte sich für eine andere Strecke entschieden. Dadurch sehen sich die Hasara und ihre Provinz, eine der ärmsten des Landes, benachteiligt. Unter dem Regime der sunnitischen Taliban 1996 bis 2001 waren die Hasara im besonderen Maße verfolgt worden.

An einer ersten Demonstration mit demselben Ziel hatten im Mai Zehntausende teilgenommen. Kabul war für den Protestmarsch am Samstag weitgehend abgeriegelt worden. Politische Führer fehlten diesmal den Angaben zufolge.

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